Anmerkungen zur Tyrannei der Massen

Kurz nach der Saarland-Wahl formte der Generalsekretär einer unbedeutenden Splitterpartei den Begriff der „Tyrannei der Massen“, der seitdem viel Häme auf Twitter und kaum weniger blödsinnige Kommentare seitens des Journalismus produziert hat. Zwei Anmerkungen sind indes zu diesem Begriff zu machen:

1. Das Deutsche kennt zwei Genitive

Vielen vermutlich bestenfalls aus dem Latein-Unterricht bekannt, kennt auch das Deutsche zwei Genitive, die sich allenfalls anhand des Kontextes, nicht aber anhand der grammatikalischen Struktur unmittelbar unterscheiden lassen: Der genitivus objectivus und der genitivus subjectivus. Im Falle des genitivus subjectivus erweitert der Genitiv die Bedeutung des Substantivs, indem er dieses, etwa durch Nennung eines Urhebers, näher bestimmt. Zu erkennen ist diese Form des Genitivs mittelbar durch die Reformulierungsprobe. Formt man den Genitiv „Tyrannei der Massen“ nämlich zum Satz, so ergibt sich in Sinne des genitivus subjectivus der Satz, dass die Massen tyrannisieren (vermutlich den genannten Generalsekretär).

Fasst man jedoch den Genitiv als genitivus objectivus auf, den man ebenso mittelbar durch die Reformulierungsprobe entlarvt, da er dort zum Objekt des Satzes wird, dann lautet der Satz, dass jemand (wer auch immer) die Massen tyrannisiert. Diese Deutung ist im Gegensatz zur Vorstellung eines genitivus subjectivus gereimt: Während dieser die Alleinherrschaft (also Herrschaft durch Einzelne) durch die Masse (hier also aber Viele) bedeutet, enthüllt jener die Alleinherrschaft über die Massen.

Befragt man einen der frühen Staatsdenker, Aristoteles, wird sogar klar, dass dies die einzige Möglichkeit ist: τυραννίς ist dort definiert als die Alleinherrschaft über das Volk, während die δημοκρατία die Herrschaft der aller (legitimen Mitglieder des Volks) über alle bedeutet.

Im Sinne der dialektischen Selbstentlarvung durch den beständigen Überschuss im Sprechen hat der Generalsekretär, indem er die Tyrannei durch die Massen beklagte, also nolens volens die Tyrannei über die Massen gewünscht. Die einzige Alternative zu diesen Herrschaftsformen bestünde schließlich in der Abwesenheit der Herrschaft, also der Anarchie – und ob das seine Absicht war, ist zu bezweifeln.

2. Die versteckte Voraussetzung der „Tyrannei der Massen“

Aber gestehen wir dem Generalsekretär zu, dass tatsächlich Furcht vor einer Tyrannei durch die Massen hat und fragen nach den Voraussetzungen dieser Emotion: Mir scheint, sofern nicht Paranoia unterstellt werden soll, lediglich die Auffassung in Frage zu kommen, dass die Masse zur Herrschaft nicht geeignet sei. Denn wie schon Aristoteles feststellte, kann die Tyrannei durchaus dem Gemeinwohl dienen und aus der Geschichte Preußens kennen wir schließlich doch auch den aufgeklärten Absolutismus – und wer wollte nicht in Frieden, Freiheit und Wohlstand unter einer großzügigen und klugen Königin leben, die Spaß am Streit, Freude an der Kunst und Vergnügen am Wissen empfindet? Wer bestellte nicht gerne einfach den Garten und scherte sich stattdessen gerne um das Räderwerk, das solch ein Paradies schafft? Würde man andererseits der Herrschaft mit solcher Skepsis begegnen, dass ihr Missbrauch wahrscheinlich ist, dass die Herrschaft also ungerecht und unaufgeklärt handelt, wenn man also das Schlimmste vorzubereiten wünscht, dann bleiben wohl nur zwei Alternativen: die Anarchie, die der Generalsekretär vermutlich nicht wünscht, oder die Einsetzung einer geeigneten, trefflichen Herrschaft. Die Demokratie kann dies nicht sein, denn dies wäre ja die Tyrannei durch die Massen, die qua Voraussetzung als ausgeschlossen angesehen werden kann. Die Demokratie kann dies, angesichts der Überlegungen zur guten Königin, aber nicht sein, sofern die Masse zur Herrschaft nicht tauglich ist. Wäre die Masse zur Herrschaft tauglich, wäre sie wohl gut zu nennen. Modus tolens. Soll aber geherrscht werden und soll es nicht die Masse sein, die herrscht, so bleibt nur die Herrschaft des einzelnen oder der wenigen über die Massen. Also Tyrannis oder ihre kleine Schwester, die Oligarchie, im Wortsinne. Weder Tyrann noch Oligarchen können aber von den Massen bestimmt und legitimiert werden. Würde dies geschehen, so müsste man einräumen, dass die Masse eine hierfür geeignete Weisheit besäße. Dies wäre vor dem Hintergrund des Gesagten aber in mehrfacher Hinsicht ungereimt. Allein, es widerspräche der Definition. Gereimt wäre nur, dass die untreffliche Masse zur Legitimation der Herrschaft eben nicht geeignet ist.

Betrachtet man aber so die Masse, dann kann man nicht wollen, dass die Masse, wie groß sie auch immer sei, herrsche. Kurz: Dieser Generalsekretär ist kein Demokrat und steht seiner Partei damit gut zu Gesicht.

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem arbeitet er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu Gilles Deleuze und Félix Guattari als Theoretiker digitaler Bewegungen. Bloggt und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.

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Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem arbeitet er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu Gilles Deleuze und Félix Guattari als Theoretiker digitaler Bewegungen. Bloggt und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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