Roland und der Homo-Kult

Ich lese ja gerne Blogs, deren Meinung ich nicht teile. Einerseits langweile ich mich, wenn jemand meine Positionen mit Argumenten verteidigt, die ich falsch finde und mich damit zum Widerspruch anstachelt; andererseits legt man eigene Fehler bekanntlich erst dann ab, wenn man gesehen hat, wie schlecht sie den anderen stehen. Ich bin also auch Leser des Blogs „gay west„, dessen Blogger die Bezeichnungen „krankhafter Linkenhasser“, „Salonphilosemit“ und „FDP-Wähler“ hoffentlich trotz allem für die üblen Ausdrücke hält, die es auch sind und ihm gerade deswegen nicht zukommen.

Heute ließ mich dieser jedenfalls an seiner Analyse der Schwwulenpolitik der hessischen CDU teilhaben, die so falsch ist, dass sie eine gründliche Betrachtung verdient:

Ausgangspunkt der Betrachtung ist dabei für den Autoren „Damien“, der uns auf der Seite leider nirgends den Luxus einer Identität gönnt, eine Kritik der Grünen an einer Zeitungsanzeige der LSU, die in der Frankfurter Rundschau erschienen sei. Was auf einige Plattitüden zur Homo-Politik im Wahlkampf folgt, hat es hingegen in sich. Um die Homo-Politik der hessischen CDU in Schutz zu nehmen, fragt „Damien“ den politischen Geschäftsführer der Grünen in dritter Person:

Ob er damit auf die vom Hessischen Sozialministerium in Kooperation mit dem Hessischen Jugendring am 6.10.05 veranstaltete Tagung “Allein unter Heteros” anspielt? Oder auf die von eben diesem Ministerium in Zusammenarbeit mit diversen anderen Organisationen veröffentlichte Informationsbroschüre für Eltern lesbischer und schwuler Kinder?

Als jemand, der an beiden Projekten beteiligt war, wovon jeder, der mal eine entsprechende Broschüre in die Hand bekommt, sich leicht überzeugen kann, finde ich es doch sehr lustig, die CDU mit Verweis auf diese Projekte in Schutz zu nehmen: Bei der Erstellungsphase der Broschüre wurde, als es um die Druckkosten ging, sogar der relativ kleine Frankfurter schwul-lesbische Jugendverband, dessen Vorsitzender ich seinerzeit war, auf einen Beitrag zu den Druckkosten angesprochen. Zwar mussten wir damals von einer finanziellen Unterstützung für das hessische Sozialministerium aus finanziellen Gründen absehen, aber dennoch konnte die Broschüre durch den Einsatz anderer Organisationen dann doch erscheinen. Betrieben wurde das Projekt damals durch den Leiter des einstmals von den Grünen eingerichteten Referates zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen, Ulrich Bachmann, der durch einen permanenten und unermüdlichen Einsatz überhaupt nur das Bestehen des Referates sichern konnte. Dass Herr Bachmann noch unter der grünen Ministerin eingesetzt wurde und die CDU nur dafür zu loben ist, dass sie das Referat nicht einfach abschaffte, scheint Damien entgangen zu sein.

Auch betreffend der Fachtagung „Allein unter Heteros“ ist zu vermerken, dass das Ministerium sich hier finanziell ausgesprochen zurückhielt und die Tagung nur dem Einsatz der externen Beraterinnen und Berater des Referats einerseits und andererseits dem unermüdlichen Einsatz des hessischen Jugendrings in Gestalt seiner hauptamtlichen Mitarbeiterin Marie-Christin Winkler zu verdanken ist. Die Bilanz der Fachtagung war leider eher dünn: Die anwesenden Experten der hessischen Jugendverbände verrieten, dass sie mit ihrem Interesse für das Thema eher isoliert in ihren Verbänden stünden, so dass die Veranstaltung zu einem „Wir halten zusammen!“ geriet.

Die restlichen Argumente Damiens, die hauptsächlich eine ziemlich peinliche Debatte um einen Herrn Irmer noch peinlicher referieren, verdienen kaum eine Beachtung. Festzuhalten ist: Die Homo-Bilanz der hessischen Landesregierung sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus, sicher, aber sieht man einmal genauer hin, so wird schnell klar, dass dies nur dank des grünen Erbes einerseits und der Hartnäckigkeit so genannter Homo-Aktivisten möglich wurde. Homopolitisch ist Hessen nicht wegen der CDU, sondern trotz ihr da, wo es ist. Wo etwa der Druck nicht ausreichte, wie etwa bei schwulen und lesbischen Jugendlichen auf dem Land, produzierte die Ministerin nichts weiter als eine Feigenblattveranstaltung, deren erklärtes Ziel es ist, in jedem Landkreis zwei Mitarbeiter bestehender Jugendverbände(!) für den Umgang mit jungen Lesben und Schwulen zu qualifizieren. Die Zwischenbilanz dieser Initiative ist niederschmetternd.

Es zeigt sich, dass eine Meinung noch lange kein Argument macht und dass es nicht reicht, die Homo-Politik der CDU gut oder die Grünen wenigstens aus Prinzip scheisse zu finden, um eine qualifizierte Analyse der hessischen Homo-Politik abzuliefern. Wüsste man nicht, dass es stimmt, so könnte man darin die übliche liberale Worthülserei vermuten, aber das große Projekt einer liberalen Partei ist durch die Beliebigkeit ihrer Argumente längst zu einer Komödie geworden. Es steht jedenfalls zu erwarten, dass es mit einem Wahlsieg der CDU am Sonntag für Schwule und Lesben nicht schlechter wird, aber sicher ist, dass es nicht besser wird.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Roland und der Homo-Kult

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