Sokrates vs. Jesus (1:0)

Mit Schaum vorm Mund geifern die Bischöfe, dass wir ja nicht am Abend des sog. Gründonnerstages einkaufen gehen sollten. Ein Zitat lies mich stolpern und drängt mir eine ketzerische Frage auf:

Es ist unfassbar, dass Einzelhändler zum Einkaufsbummel einladen, während Christen sich in Stille auf das Gedenken an den Tod Jesu einstimmen möchten und daran denken, dass Jesus in dieser Nacht vor seinem Tode vor Angst Blut geschwitzt hat.

Die Frage lautet: Wenn Jesus der Sohn Gottes war und in die Pläne seines Vaters eingeweiht war, wieso hatte er dann Angst vor dem Tod? Wenn er doch wusste, was der Tod ist, da er vom Leben nach dem Tod predigte, wieso hatte er Angst? Welchen Grund hätte er gehabt? Hätte er nicht in (freudiger?) Erwartung auf den Tod zugehen können, wissend, dass er bald bei seinem Vater im Paradiese wäre und dass sich damit der göttliche Plan zur Vergebung der Sünden erfüllt hätte? Welchen Grund sollte er bitte haben, ängstlich zu sein, dass er „Blut geschwitzt hat“?

Man fühlt sich an Sokrates erinnert: Vor ein Gericht gestellt, dass drauf und dran ist, ihn zum Tode zu verurteilen, winselt er nicht etwa um Gnade. Er spottet noch ein wenig und nimmt das Todesurteil gefasst auf. Er bittet nicht um sein Leben, er bittet nicht um Gnade. Die Gelegenheit zur Flucht nutzt er nicht. Er tröstet seine Freunde, die im Gefängnis um ihn sind. Er lässt sich den Giftbecher geben und erklären, wie er das Gift nehmen muss. Er trinkt, geht auf und ab, damit das Gift schneller wirkt und stirbt. Seine letzten Worte sind, dass man dem Asklepios einen Hahn schulde – ein Opfer, das man im alten Griechenland immer dann brachte, wenn es besonders gutes passiert war.

Wieso hat Sokrates das getan? Hat er gewusst, dass der Tod kein Übel ist? Nein, er hat selber betont, dass er es nicht wisse. Da er es aber nicht wisse, gebe es auch keinen Grund, den Tod zu fürchten. Philosoph zu sein, bedeutet, sterben zu können. Philosoph zu sein, bedeutet, gefasst auf den Tod zuzugehen und nicht zu jammern, nicht zuletzt da niemand weiß, was der Tod ist.

Jesus, dieser Sohn Gottes, weiß es und hat Angst.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber gegen diesen Sokrates ist Jesus ein erbärmlicher Hasenfuß und ich freue mich auf meinen Einkauf am Donnerstagabend.

PS: Unter http://www.audioreader.org/Web-Site/tod.html findet sich eine philosophische Vorlesung zu dem Problem. In der 2. und 3. Sitzung geht es genau darum, warum Sokrates keine Angst vor dem Tod hatte.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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