Meinungsfreiheit – Kommentar zu einem Grundrecht

Nachdem ich in den letzten 24 Stunden gleich mehrfach auf das dümmste aller möglichen Argumente gestoßen bin, sehe ich mich genötigt, einige Anmerkungen zur Meinungsfreiheit zu verbreiten. Die Meinungsfreiheit, die in Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland festgelegt ist, ist eine der großen Errungenschaften der Demokratie. Sie konstituiert die Freiheit der Presse, der Wissenschaft, des politischen Streits mit und wendet sich gegen Zensur, staatliche Meinungsaufsicht und alle Versuche der Gedankenkontrolle. Insofern ist dieses Grundrecht eine der vornehmsten conditiones sine qua non der Demokratie.

Damit isses dann aber auch gut, denn:

Es gibt nichts dümmeres, erbärmliches, peinlicheres und schwachsinnigeres als die Meinungsfreiheit in irgendeiner Form zur Begründung einer Position, sei sie klug, sei sie dämlich, sei sie richtig, sei sie falsch, sei sie gelb, sei sie grün, heranziehen zu wollen. Nichts ist ist eine größere Beleidigung der menschlichen Vernunftsbegabtheit, eine größere Bankrotterklärung für den eigenen Geistesgebrauch als dieser Satz:

Ich habe ein Recht auf meine Meinung.

Was sagt dieser Satz? Nichts, vielleicht gerade einmal das Minimale: Du darfst mich für das, was ich gesagt habe, nicht umbringen oder einsperren. Was ist damit also eigentlich gesagt? Gar nichts. Dass man jemanden für den Blödsinn, der aus seiner Fressluke herauskriecht, nicht zum Galgen führt, ist eine derartige Trivialität in einer Demokratie, dass man dagegen den Satz „Der Himmel ist blau.“ für eine hochwissenschaftliche Erkenntnis aus dem Gebiet der höheren Metaphysik zu halten geneigt ist.

Der Satz sagt aber noch etwas mehr, indem er nämlich etwas nicht sagt: Er sagt keine Begründung, kein Argument für das soeben behauptete und deswegen sagt er genau dieses:

Ich habe keine Ahnung, wie ich das, was ich gerade gesagt habe, begründen könnte. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht und ich habe das einfach so dahergesagt. Ich hätte es genauso gut anders sagen können, es ist doch egal.

Eine Meinung ist nicht einfach ein persönliches Geschmacksurteil, wie diese Position behauptet. Eine Meinung ist begründet oder unbegründet. Ob die Begründung, sofern vorhanden, wahr oder wenigstens plausibel ist, ist eine andere Frage, die hier nicht weiter von Interesse ist.

Mich ärgern Leute, die auf diese erbärmliche Weise daherschwätzen, maßlos. Sie treiben mich dazu, die Meinungsfreiheit für einen Fehler zu halten und mir zu wünschen, dass Leuten, denen dieser Satz oder irgendein äquivalenter Blödsinn aus ihren Fressen heraustropft, selbige mit einem großen Hammer gestopft wird, auf dass sie, wenn sie schon nicht zur Teilhabe an einer Kulturgemeinschaft mit vernünftbegabten Wesen bereit sind, wenigstens die Fresse halten und nicht andere Leute mit ihrem dummen Gesabbel belästigen. Jedes Mal, wenn einer dieser Schwachköpfe, sich so äußert, scheißt irgendwo eine Kuh ein Edelweiß zu.

Einige findige Schwachköpfe, also die mit derber Bauernschläue begnadeten Neuralelfmeter, sind neuerdings auf die Idee gekommen, diesen Trick, der ihnen doch zu dumm erschien, umzudrehen und einen Vorwurf daraus zu machen. So geschah es mir, als ich kürzlich eine Position begründete und mich über die Biologisierung eines Diskurses beklagte, in dem meines Erachtens aus guten, nämlich historischen Gründen, die Biologie nichts zu suchen habe, wie folgt über meine Rede belehrt:

Das ist Deine Meinung, die Du jetzt so ohne Begründung sagst.

Perfide ist gar kein Ausdruck für diese Ignoranz gegenüber dem Gesagten. Genauso könnte man jemandem, der einen grünen Apfel in der Hand hält und sagt „Der Apfel ist grün!“ vorwerfen, er hätte ja nur seine unbegründete Meinung geäußert. Dass ich zuvor nämlich eine historische Begründung für meine Position geliefert hatte, wurde geflissentlich ignoriert. Dass manche Leute alles, was ihnen nicht ins Konzept passt, ignorieren, ist zwar ein bekanntes Phänomen, reicht hier aber nicht zur Entschuldigung und erspart dem Sprecher auch nicht diese abschließende Bemerkung:

Wer die Position seines Gegenübers damit herabzuwürdigen versucht, dass er sie, trotz gegebener Begründung – egal von welcher Qualität diese auch sein mag – zu einer einem Geschmacksurteil gleichenden Meinungsäußerung erklären will, ist nicht nur genauso widerwärtig wie das oben genannte Pack, sondern obendrein noch bösartig, ekelerregend und ein Saboteur jeder wie auch immer gearteten Kultur.

Conclusio: Wer sich auf die Meinungsfreiheit beruft, um eine Diskussion zu führen, führt keinen rationalen Diskurs mehr, sondern hat sich entweder auf die Bankrotterklärung des eigenen Vernunftsbegriffes oder aber auf die Verwendung unsachlicher Diskussionsstrategien verlegt. In beiden Fällen sollte dies mit einem Verlust aller Rechte die Freiheit der Meinungsäußerung betreffend geahndet werden. Man würde nicht nur dem Delinquenten eine Menge Peinlichkeiten, sondern der übrigen Bevölkerung einen starken Würgereflex ersparen.

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