Demokratie für Anfänger I

Da ja neuerdings das Ypsilanti-Bashing so in ist, lohnt es, Frau Ypsilanti in Schutz zu nehmen: Über den Stil kann man zwar geteilter Meinung sein und man muss sie ja nichtmal mögen, aber klar ist:

  • Es ist ihre Pflicht, Ministerpräsidentin werden zu wollen.
  • Sie hat ein kleines bisschen gelogen und jeder, der nicht völlig kackbratzig dumm war, wusste auch vorher, dass es eben doch auf die Linke ankommen würde, wenn die FDP die beleidigte Diva gibt.
  • Roland Koch hat im Zuge der brutalstmöglichen Aufklärung das ganze Land nach Strich und Faden beschissen, dass sogar der Unionswurmfortsatz überlegte, die Koalition aufzukündigen.
  • Selbst wenn Ypsilanti am Wahlabend gesagt hätte: „Hihi, verulkt! Morgen rede ich mit den Linken!“, hätte sie damit immer noch weniger gelogen als der notorische Verfassungsbrecherüberdehner Koch.
  • Wer aus Groll auf Ypsilanti den Koch behalten will, kann sich gleich aus Angst vor Schnupfen Krebs wünschen.

Meine Theorie ist ja, dass die Leute deswegen so zickig auf Ypsilanti reagieren, weil sie sie gewählt haben und es ihnen jetzt peinlich ist, dass sie wirklich gedacht haben, dass man das Land im Notfall dem Koch überlassen werde, wenn eben die FDP die beleidigte Diva gibt, die sie ja nun auch vehement spielt. Der Glaube, Ypsilanti würde nie mit der Wahrheit spielen, ist ja durchaus auch bis in die Fraktion verbreitet, gell Frau Metzger? Aber dabei ist doch jedem vernünftigen Menschen klar, dass das System mit ein paar kleinen Notlügen einfach besser läuft und dass nochmal fünf Jahre „Aktion Sichere Zukunft“ dem Land nur Schaden. Lieber ein bisschen Lügilanti, als fünf Jahre Koch.

Also, bitte mitschreiben: Der Witz an Demokratie ist nicht, dass sich alle Leute vertragen und nie jemand lügt, sondern der Witz ist, dass man sich streiten und lügen kann, ohne dass anschließend Panzer rollen und Blut fließt. Dass Politiker lügen und zanken, ist ihr Job und jammert bitte nicht rum, ihr hättet das vorher nicht gewusst.

PS, kostenlose Zusatzlektion: Es ist ja nichts peinlicher, dümmer und eine tiefere Erniedrigung für die Idee humaner Vernunftbegabtheit, als sich in den Foren einschlägiger Tageszeitungen beim Ypsilanti-Bashing hinter dem Pseudonym „Wähler“ zu verstecken. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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