Religionskritische Feststellungen

Ich stolperte über folgende Aussage:

Wenn im Namen der Religion dann doch massenhaft gemordet wird, ist dies nicht die „Schuld“ der Religion, sondern liegt in der Verantwortung derer, die sie pervertiert haben.

Dies veranlasst mich zu zwei Feststellungen:

  1. Die unhöfliche Feststellung lautet: Wer diese Aussage ernsthaft für ein Argument hält, ist eine unglaublich verblödete Kackbratze, die sich soweit von Aufklärung und billigem Vernunftgebrauch entfernt hat, dass eine Diskussion mit so einer Person nicht lohnt. Ich bitte solche Leute, an dieser Stelle mein Blog zu verlassen und nicht zurückzukehren. (Ja, ich wiederhole mich damit, aber ich habe keine Lust mehr, mit solchen Leute noch ein Wort zu wechseln.)
  2. Die höfliche Feststellung lautet: Die Aussage kann kein Argument sein, da sie keine überprüfbare Aussage enthält. Nehmen wir zur Untersuchung also die durch die Aussage beantwortete Frage, ob Religion etwas Schlechtes ist oder nicht. Die Aussage verneint dies mit einem perfiden Trick, der aufgrund seiner penetranten Gemeinplatzigkeit nicht gleich auffällt. Probieren wir erst, aus didaktischen Gründen, eine materiale Untersuchung! Die Aussage verfährt nach dem Schema „Wenn von X etwas Schlechtes kommt, dann ist es in Wahrheit nicht X, sondern es ist Y.“ Für X können nun beliebige Gegenstände eingesetzt werden, die verteidigt werden sollen, solange Y etwas ist, dem man irgendwie eine Beschädigung von X anlasten kann. Ich gebe einige Beispiele als Begriffspaare (X,Y) an: („Kommunismus“, „seine schlechte Umsetzung“), („Faschismus“, „Hitler wurde betrogen“), („Kapitalismus“, „Versagen des Staates beim Markteingriff“), („Freiheit“, „Verantwortungslosigkeit einzelner“), usw. – Die Liste ließe sich fortsetzen, aber materialiter ist das Schema nun bekannt. Es ist damit auch klar, dass das oben aktualisierte Begriffspaar („Religion“, „Pervertierung durch Einzelne“) ebenfalls in diese Liste gehört. Wir haben nun gesehen, dass das Schema anscheinend beliebig zur Verteidigung von Gegenständen, die für X eingesetzt werden, herangezogen werden kann. Betrachten wir das Schema daher noch einmal formal: Insofern das Schema vordergründig den Vorwurf an X, daraus entstamme etwas Schlechtes, zurückweist, spricht es X nur mühsam versteckt die Fähigkeit zum Schlechten überhaupt ab: „Wenn von X etwas schlechtes kommt, dann ist es in Wahrheit nicht X, sondern es ist Y.“ Das heißt nichts weniger als, dass von X selbst überhaupt nichts Schlechtes kommen kann. Das Schema versucht also sein X gegen jeden weiteren Angriff abzusichern. Führt man neben den Massenmorden nun etwa die Unterdrückung von Frauen bei der für X eingesetzten Religion an, kann das Schema einfach erfolgreich wiederholt werden. Man hat bereits alles, was als Angriff auf X ausgelegt werden kann, schon auf Y verwiesen und erklärt, dass jeder, der jetzt noch versuche, sich mit der ursprünglichen Frage, ob X etwas schlechtes ist, befasst, der Verwechselung von X und Y erliege. Gleichwohl ist damit die Überprüfung der Aussage ausgeschlossen: Um sie zu widerlegen, müsste man zeigen, dass von X selbst etwas Schlechtes kommt. Auf jeden dieser Versuche pariert das Schema aber wieder mit sich selbst und erklärt, man hätte erneut die beanstandete Verwechselung vorgenommen. Somit bestätigt sich das Schema durch jeden Angriff selbst und eignet sich daher auch vorzüglich für den Selbstbetrug. Gleichfalls ist es damit kein Argument mehr, sondern es ist ein unredlicher Argumentationstrick mit dem Fundamentalisten ihre widerlichen Gedankenwelten spinnen können. Erfahrungsgemäß hilft es wenig, das Schema klar zu machen und auf die hier vorgeführte Art und Weise zu analysieren. Meine Misdiskutanden reagierten darauf zwar meistens aggressiv oder weinerlich, waren aber gleichwohl nicht bereit, ihre eigene Aussage zu überprüfen. Zu tief sitzt man wohl im Quark der Selbstreferenz, aus dessen Perspektive mein Einwand wie das Krakele einer „intoleranten“ „Tunte“ erscheinen muss.

Ich stehe also vor dem Problem, keine Idee zu haben, wie man diesem auf zwei Ebenen gleichzeitig operierenden Schema geschickt parieren könnte. Der Verwender des Schemas ist sicher nicht mehr zu überzeugen. Er hat sich bereits weit von der Vernunft weg in ein Dunkel verirrt, als dass klare Einwände noch etwas erreichen könnten. Die Analyse hier taugt wohl allenfalls dazu, den eigenen Verstand nicht zu verlieren, wenn man mit Fundamentalisten diskutiert und sich selbst seiner Vernunft zu versichern. In Zeiten wie diesen, in denen derartige Dummheiten von erwachsenen Menschen offenbar massenhaft geglaubt werden, ist dies wohl schon sehr viel und mehr als man verlangen kann.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Religionskritische Feststellungen

  1. CHR sagt:

    Nun, nur um hier den advocatus diaboli zu geben, muss erwähnt werden, dass in meinen Auseinandersetzungen mit solchen ‚Argumenten‘ sehr oft angemerkt wird, dass der Atheismus (der nach Meinung vieler ebenfalls eine Religion darstellt, was in diesem Zusammenhang aber unerheblich ist) sich dann aber auch nicht von den Verbrechen des Stalinismus wie des Nationalsozialismus lossagen könne. Lassen wir mal historische Vergleiche und ideologische Analysen beiseite, dann ergeben sich doch zunächst in diesem Sinne (scheinbar) plausible Schlüsse. Nach dem Motto, wenn wir schon nicht dürfen, ihr aber auch nicht.
    Mein Lösungsansatz ist dann immer, um in Deiner Beschreibung zu bleiben, dass mein X (Atheismus) gar nicht zwingend auf die absolute Position bezogen werden muss, keinen Schaden anzurichten. Sondern vielmehr nur, dass jeglicher Schaden, wie auch immer zustande gekommen, eine weltliche Begründung habe.
    Aus meiner Warte hat eine (fundamentalistische) religiöse Weltsicht diese Hintertür nicht, ohne sich selbst wieder grundlegenden Fragen auszusetzen.
    Any comments?

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