Ratzinger, again

Okay, das Ratzinger-Bashing kann man mittlerweile der Presse überlassen, die fleißig vermutet, der Nacifex Maximus hätte wieder mal ein Kommunikationsproblem oder erste Zeichen von Demenz. Ich habe hier hingegen schon einige Male Partei für die Interpretation ergriffen, Ratzinger sei nicht unfähig oder blöd, sondern einfach böse. Da sich auch der aktuelle Kondomblödsinn einer Interpretation in der Latrine christlichen Denkens nicht entzieht, sehe ich meine Theorie noch bestätigt. Es bringt also gar nichts, wenn Volker Beck dem Ratzinger eine erneute Bibellektüre empfiehlt. Ratzinger steht in einer streng logischen Tradition dieses Buches und hat in seinem Universum völlig recht:

Wer unkeusch, treulos und ehelos rumvögelt, hat es nicht besser verdient, wenn er grausam und qualvoll stirbt. Wer schuldlos angesteckt wurde, muss sein Schicksal eben mit dem Kreuzopfer des Herrn vereinen und tief in sich glauben, dass Gott irgendeinen beschissenen Plan hat, für den es nötig ist, dass man als junge Frau eines grausamen Todes stirbt, ebenso kranke Kinder alleine zurücklässt und viel Schmerz in die Welt bringt. Das Leid, das Gott über die Welt bringt, indem er nicht einfach mit einem seiner omnipotenten Fürze das HI-Virus beseitigt, hat im göttlichen Plan einen tieferen Sinn und dies zu leugnen, ist bestenfalls Schwäche im Glauben, schlimmstenfalls Häresie. Dass es an einen schwerst pathologischen Masochismus grenzt, zu glauben, dass ein grausames und omnipotentes Wesen Liebe ist („Deus caritas est“, sagt Ratze.), dass einen also aus Liebe quält, liegt ohnedies auf der Hand und muss nicht weiter erörtert werden. „Gott liebt Dich und wenn Du ihn nicht liebst, dann schleudert er Dich in die ewige Verdammnis!“ ist der Code, mit dem neurotische Eltern die Gehirne ihrer Kinder ruinieren und den Psychotherapeuten bestenfalls, schlimmstenfalls aber den Waffenhändlern und Boulevard-Medien ihr Einkommen sichern – doch ich schweife ab.

Da der gemeine Christ ja weiß, dass seine Seele unsterblich ist und Gott unendlich gerecht und Liebe und alles sowieso ganz toll usf., schadet es auch nicht, dass ein paar Leute mehr sterben. Der Tod ist für den Gerechten kein Übel. Nur der Sünder, der nicht bereut, muss sich fürchten. Gerettet werden sowieso nur die Richtigen und die, die verdammt werden, erleiden mit Recht ewige Qualen (z.B. weil sie nicht jeden Sonntag in der Kirche waren…). Das muss man sich ganz klar machen: HIV/AIDS ist ein unglaublicher Glücksfall für die katholische Kirche! Es ist, bis zur fernen Möglichkeit der Heilung, eine ewige Quelle des schlechten Gewissens und der Möglichkeiten, die Kranken zu pflegen und sich ja so aufopferungsvoll hinzugeben, dass man doch vom liebenden Gott ganz sicher gerettet wird. „Sobald die Hand den Schweiß abtupft, Deine Seele auf zum Himmel hupft.“ Es ist in der niedrigen christlichen Logik um Vieles besser einen grausam Sterbenden zu pflegen und ihm seine Sünden vorzuhalten (Vergebung, die mit einem Geständnis beginnt, ist immer auch geistige Onanie des Vergebenden.), als die eigene Theorie vom ewigen Leben, die dümmliche Misanthropistenethik aufzugeben und pragmatisch zu fragen, was vielleicht die HIV/AIDS-Pandemie international bzw. die -Epidemie in den besonders betroffenen Ländern eindämmen könnte. Kondome? Aufklärung? Forschung? Unsinn! Beten, Keuschheit, Treue und ewiges Vertrauen in Gott! Alles andere ist des Teufels!

Dass noch nie Keuschheitsgebote Menschen vom Ficken abgehalten haben und es auch nie tun werden (sieht man einmal von den gründlich verdorbenen Gehirnen der Kinder oben genannter hochneurotischer Eltern ab!), ist dabei nicht übersehen oder bewusst in Kauf genommenes Risiko, sondern durchaus gewollt: Solange die, die mehr Sex haben, schneller sterben, lässt sich der katholische Wahnsinn empirisch bestätigen. Man darf nur nicht zu genau hinsehen. – Dass Kondome und Vernunft dabei nur hinderlich sind, liegt dabei auf der Hand.

Wer würde also verlieren, wenn mittels Aufklärung und Vernunft die HIV/AIDS-Pan-/Epidemie besiegt werden würde? Die Christenheit! Wer würde gewinnen? Alle anderen. Cui bono? Na, siehste 🙂

Schließen wir mit einem Appell Poppers, der einst gegen den Stalinismus formuliert wurde und heute gegen den Katholizismus genauso passt: Lasst Theorien sterben, nicht Menschen!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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