Denkt an die Kinder: Schafft das Internet ab!

Wie netzpolitik.org berichtet, ist die Crème der Kinderschützer jetzt mit ihrem Forderungskatalog aufgetaucht, der nichts weniger bedeutet, als das Internet abzuschaffen:

  • Einträge in Routingtabellen
  • Zwangsproxies
  • Kinder sind alle unter 18
  • Gremium zur nachträglichen Beschwerde gegen Sperrungen, und dann ggf. Eröffnung des Rechtsweges
  • alle Provider haben mitzumachen
  • Sperrliste durch Verschlüsselung geheim halten
  • Echtzeitüberwachung noch mal Überdenken (von Aufzeichnung reden sie nicht)

Zucker, nicht wahr? Die neue Behörde wird Reichszentrale zur Bekämpfung der Meinungsäußerung heißen und direkt beim Reichssicherheitshauptamt angesiedelt werden. Die Gleichschaltung des Internets ist schließlich das Herzstück des christlich-konservativen Backlashs, der unsere Freiheit schlimmer bedroht als jeder durchknallte Terrorist.

Besonders gefällt mir ja die Forderung nach Zwangsproxies: Ich erinnere mich noch daran, wie ich als 15jähriger Kunde eines mittlerweile vom Markt verschwundenen ISPs war, der seine Kunden auch mit einem Zwangsproxy beglückt hatte. Nicht nur, dass ich bei ISDN grandiose Übertragungsraten von unter 8kbit hatte, man konnte auch viele damals neue Sachen wie den Realplayer nicht benutzen. Der Provider erklärte damals dazu lapidar:

Neue Technologien wie Realvideo werden wir prüfen und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt freischalten.

Das ist das Beruhigende an der Sache: Die Forderungen der Kinderschutzmafia sind so absurd, dass wahrscheinlich nicht einmal die Industrie mitziehen wird. Man überlege sich nur einmal, ein Dienst wie Twitter hätte erst zu einer Unbedenklichkeitsprüfung gemusst. Bizarre Welt…

PS: Übrigens, damals, als ich mit 15 durch den Zwangsproxy surfte, lernte ich meinen ersten Sexpartner im Internet kennen, der ein paar Jahre älter war als ich. Er hat mir zwar das Herz gebrochen, geschadet hat es mir letztlich dann aber nicht. Heute stünde er deswegen mit einem Bein im Knast. So ändern sich die Zeiten…

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
Dieser Beitrag wurde unter Krudes, Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen