Brief an Teilnehmer des HomoHeiler-Kongresses

Ich habe in Zusammenarbeit mit einem Universitätsdozenten und einem Verein, in dessen Vorstand ich gegenwärtig noch bin, die Referenten des Homo-Heiler-Kongresses in Marburg schon vor einigen Tagen angemailt. Nun muss man dazu wissen, dass sich der Kongress als wissenschaftliche(!) Veranstaltung zu Psychotherapie und Seelsorge ausgibt, auf der Homosexualität nur am Rande eine Rolle spielen solle. Es entbehrt nicht eines gewissen Witzes, einen Kongress zu diesem Thema unter dem Titel „Identität“ zu veranstalten und dabei Homosexualität aussparen zu wollen. Allerdings wird dies auch kaum der Fall sein, denn die Veranstalter haben nicht nur die üblichen Verdächtigen eingeladen, was das Thema „Umpolungstherapie“ angeht, sondern lassen sich auch unwidersprochen von Nazis und einem Konglomerat unterstützen, dass der LSVD völlig zurecht zu crème de la crème der Homo-Hasser genannt hat. Dass all dies nicht mehr viel mit Wissenschaft zu tun hat, liegt auf der Hand. Es war interessant, inwiefern die übrigen Referenten ihre wissenschaftliche Reputation in Gefahr sehen, wenn sie unkritisch in einer Reihe mit homo-heilenden Quacksalbern stehen. Hier dokumentiere zunächst ich die Mail, später, wenn ich wieder mehr Zeit habe, auch, dann aber anonymisiert, die Antworten, die ich erhalten habe und die einen Blick in die krude Gedankenwelt der christlich-fundamentalistischen Pseudowissenschaft erlauben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie planen laut Webpräsenz des internationalen Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge im Mai an der PU Marburg als Referent/-in aufzutreten. Die öffentliche Diskussion, auch widerstreitender wissenschaftlicher Positionen, ist ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Handwerks und trägt oft nicht wenig zur Reputation von Wissenschaftler/-innen bei.

Um so mehr wird Sie die öffentliche Diskussion interessieren, die sich aufgrund der Teilnahme zweier Referenten der Organisationen „Wüstenstrom“ und „Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft“, nämlich Markus Hoffmann und Christl Ruth Vonholdt, entzündet hat: Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, treten beide Referenten für eine Heilbarkeit(sic!) von Homosexualität ein, die von diesen als Folge einer „frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundung mit chronischen Traumata“ (Vonholdt 2004) begriffen wird. Beide Referenten gelangen jedoch nicht aufgrund einer fundierten psychologischen Theorie zu dieser Auffassung, sondern bestimmen den Menschen als geschlechtliches Wesen bereits von vornherein in einer zweigeschlechtlichen Konstitution so, dass nur das heterosexuelle Paarschema als „richtig“ beziehungsweise „gesund“ angenommen werden kann. Diese Auffassung wurde von Psychologen im späten 19. Jahrhundert entwickelt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts doch zunehmend in Frage gestellt und schließlich verworfen. Heute wird sie von keinem ernst zunehmenden Wissenschaftler mehr vertreten. Wir sind der Auffassung, dass es unwissenschaftlich ist, ein normativ wirksames Resultat aus einer Theorie gewinnen zu wollen, die genau dieses Resultat bereits in ihren nicht weniger normativen Voraussetzungen enthält. Wir fühlen uns hierbei an die Pseudowissenschaftlichkeit der Kraniometrie erinnert, die ihre Resultate auch nur durch geschickte, nämlich rassistische Wahl ihrer Voraussetzungen gewinnen konnte. Auch Frau Vonholdt und Herr Hoffmann haben sich vor Beginn ihrer Untersuchungen bereits für die Krankhaftigkeit von Homosexualität entschieden und fragen bestenfalls nur noch nach einer geschickten Begründung, interessieren sich aber ansonsten eher für eine „Heilbarkeit“ von Homosexualität, die im Übrigen von homosexuell empfindenden Menschen selbst abgelehnt wird. Die Lösung von Identitätskonflikten, die im Umfeld von Homosexualität, ebenso wie im Umfeld von Heterosexualität zweifellos auftreten können, durch eine positiv-affirmative Therapie, die etwa die Reifung zu einem selbstbewussten, homosexuellen Christen zum Ziel hat, lehnen beide Referenten nicht aus wissenschaftlichen, sondern aus moralischen Gründen ab. Die Ergebnisse von Markus Hoffmann und Christl Vonholdt sind nichts als Pseudowissenschaft, die sich nicht um die seelische Situation der Klienten, sondern um die moralischen Ansprüche der selbst ernannten Therapeuten bemüht.

Angesichts dieser Diskussion, die in zahlreichen Zeitungen und Medien derzeit geführt wird, sehen wir die Wissenschaftlichkeit des internationalen Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge in Frage gestellt. Wir und andere Organisationen der Wissenschaft und der Sozialarbeit haben uns bereits an die PU Marburg, die Stadt Marburg oder die Veranstalter des Kongresses gewandt. In
der Folge wird der Kongress bereits von vielen Beobachtern als unseriös, ja als unappetitlich wahrgenommen. Da auch Sie mit Ihrer Teilnahme am Kongress wissenschaftlich profitieren wollen, halten wir es für angebracht, Sie über die Entwicklungen, so Sie sie nicht selbst verfolgt haben, in Kenntnis zu setzen. Die Identifikation des Kongress als Ausdruck anachronistischer Pseudowissenschaft wird Ihrer Arbeit und dem Anspruch des Veranstalters nicht gerecht. Es ist daher aber auch Ihre Pflicht, so Sie Ihre Arbeit nicht selbst in den Verdacht der Pseudowissenschaft bringen wollen, beim Veranstalter des Kongresses auf eine glaubwürdige Distanzierung von den Positionen von Markus Hoffmann und Christl Vonholdt hinzuwirken. Ebensowenig wie Kraniometrie oder Rassismus bildet eine unter dem Deckmantel der christlichen Seelsorge oder Psychotherapie nur mühsam versteckte Homophobie einen Diskurs, dem im Rahmen einer freien und vor allem kritischen Wissenschaft heute noch Raum gegeben werden sollte.

Mit freundlichen Grüßen aus Darmstadt

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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