Die Wahrheit über die Nächstenliebe

Stefan fragte mich kürzlich, als ich mich wieder in eine kleine antireligiöse Rede hineingesponnen hatte, was denn von der christlichen Nächstenliebe zu halten sei und wie ich zu ihr stünde. Da die Nächstenliebe ja das vordergründig größte Pfand ist, mit dem die Religiösen sich öffentlich verkaufen, dokumentiere ich meine Rede hier aus dem Gedächtnis, führe sie aber zugleich weiter aus:

Nächstenliebe ist eine große Lüge. Der eigentliche Hintergrund der Nächstenliebe ist unethisch, menschenverachtend und ekelhaft: Zum ersten geht es den Christen nicht um eine wahrhaftige Aufopferung für den Anderen, wie sie so gerne behaupten, sondern sie versuchen damit, sich ein gewisses Anrecht auf die Erlösung zu erkaufen. Was Du dem geringsten meiner Brüder getan, hast Du mir getan, spricht ihr Herr und wer sollte da nicht Nächstenliebe zeigen? Schließlich ist er nicht nur der Herr über Leben und Tod, sondern am Ende der Zeit bestimmt er auch gleich noch, wer in den Himmel darf – wer wollte sich da nicht gut stellen? Das Argument ließe sich ausbauen, aber klar ist: Dieser Grund der Nächstenliebe ist blanker Egoismus. Es steckt keine Vernunft und keine Liebe darin, sondern nichts weiter als metaphysische Klugheit und ein Ablasshandel, nämlich alter Wein in neuen Schläuchen. Bezahlt wird nicht in Talern, sondern in Lebenszeit. Für das biologische Zeitalter ist das nur konsequent: Der Christ bezahlt sein Anrecht auf die Erlösung mit Lebenszeit, die ihm sein Herr nach dem Ende der Zeit doppelt vergelten soll. Wäre ich ein metaphysisch-transzendentes Wesen jenseits von Raum und Zeit, ich würde diese Speichellecker in die Hölle stürzen und mich ärgern, dass die wirklich gedacht haben, ich wäre so leicht zu bestechen. Welch widerwärtige Anmaßung, einen Gott durch Taten kaufen zu wollen!

Zum Zweiten sieht man die ganze Verlogenheit der sog. christlichen Nächstenliebe, wenn man das Objekt ihrer Liebe betrachtet: Es sind die Armen, die Sünder, die Kranken – gehen wir diese einzeln durch: Es ist ja so schön, Almosen zu geben, bei der die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Wieder nichts als blanker Egoismus, aber hier kommt hinzu, dass man Almosen nicht geben kann, wenn es keine Armen gibt. Die christliche Nächstenliebe ist auf das Vorhandensein von armen Menschen angewiesen und so erklärt sich auch, warum es heute christlich ist, „mehr Netto vom Brutto für alle“ zu fordern. Da arme Menschen gar keine Steuern zahlen, sollen die wohlhabenderen Menschen entlastet werden, damit diese nur noch inniger Almosen geben können. Für Entwicklungsländer gilt dies mutatis mutandis nicht minder. So ist das Christentum längst in der Sozialtechnik angekommen: Man braucht die Armen für seinen eigenen Anteil am Schatz Christi. – Wer mir nicht glaubt, dem sei die Verwendung von Google empfohlen: Die christlich motivierten Steuersenkungsreden liegen massenhaft verteilt, aber leider nur selten knackig, herum.

Die Sünder lieben die Christen sowieso, genau wie ihr Vater. Sie hassen aber die Sünde. Es ist brillant, zwischen dem Sünder und der Sünde zu trennen, erlaubt es doch eine perfide Vielzahl von Ausdrücken der Nächstenliebe:

Diese Form der Nächstenliebe versteckt also die ganze Palette psychischer Gewalt unter sich, die schizophrene Erkrankungen geradezu züchtet (Doppelbindungstheorie): Wer von einflussreichen Menschen aus Familie, Sekte oder gar einem vermeintlichen Therapeuten ständig paradoxe Botschaften empfängt, braucht sich über Probleme, Selbstmordgedanken und somatische Störungen nicht zu wundern. Sie sind die Frucht der christlichen Nächstenliebe: Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. – Dieser Satz ist mehr als eine unbeholfene Anspielung auf ihre „frohe“ Botschaft, sondern zeigt die ganze Perversion, die darin liegt, die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben: Was entscheidet denn, ob ein Baum gut oder schlecht ist? Na, die Früchte! Und wer entscheidet, ob die Früchte gut oder schlecht sind? Na, die Christen, wer denn bitte sonst: sie werden sie erkennen. In dieser peccatischen Erkenntnistheorie ist die wissenschaftliche Disziplin und die vernünftige Gewaltenteilung noch nicht angekommen. Der Christ hat die Definitionsmacht über die Sünde, die Sünde bestimmt den Sünder, sagt der Christ. Er liebe diesen, hasse jene und kann sich so seinen Nächstenliebe genannten Menschenhass als psychische Gewalt jahrelang voronanieren, bis das Opfer endlich die Todsünde der Selbstentleibung vollzieht und damit nur die eigene Sündhaftigkeit dokumentiert. Dass es erst durch den Christen in diese Lage gebracht wurde, interessiert ihren Herrn nicht, sagen sie und wir haben keinen Grund, warum wir von ihrem Gott besser denken sollten.

Wo wir schon bei christlicher Schizophrenie sind: Die Kranken sind das wichtigste und zentralste Moment der christlichen Nächstenliebe. Gewiss, als noch die Lepra ein Problem war, konnte man die Betroffenen isolieren, mit ihnen in einem leprösen Sexlager leben und sie so aufrichtig nächstlieben und missionieren, dass nichts mehr von deren Lebensqualität übrig blieb. Oh Amen, ich sage Euch: Diese Christen haben die Verzweiflung der Kranken für ihr eigenes Seelenheil ausgenutzt. Nichts war daran eine Aufopferung für den anderen und es nimmt Wunder, dass dieser christliche Liebesporno nicht zu einer religiösen Priapismusepidemie geführt hat. – Und in absolut gar nichts unterscheidet sich der christliche Liebeseifer heute in Afrika, wo es gilt, dem AIDS-Kranken den Angst- und Todesschweiss von der Stirn zu tupfen: Das ist die wahre Erklärung für die bizarre Kondomfeindschaft Ratzingers. Die Christen brauchen die Epidemie, sie sind die wahnwitzigen Co-Abhängigen einer früher stets tötlichen, heute – dank Wissenschaft und nicht dank ihres Gottes! – chronischen, dennoch schrecklichen Krankheit, die in Schach zu halten wäre, wenn es nicht gelte, die Armen arm und die Christen christlich zu halten. Der sich nächstliebend aufopfernde Christ, der die Kranken pflegt, lebt nach dem indulgentischen Motto: Sobald die Hand den Schweiss abtupft, die Seele in den Himmel hupft. Die Chance, AIDS einzudämmen und schließlich zu beseitigen, ist so eine dreifache Gefahr für das Christenvolk: Afrika könnte sich vielleicht wirtschaftlich erholen, wenn nicht so viele Menschen stürben. Das Wort „Sünde“ könnte seinen Schrecken verlieren, wenn das Ficken jenseits der christlichen Moraldoktrin nicht mehr so gefährlich wäre und die Kranken, dieses Idol der Nächstenliebe, kämen ihnen ohnedies abhanden.

Es ist ganz klar: Die Chance, die Erde durch Wissenschaft und Vernunft in ein Paradies zu verwandeln, ist die größte Gefahr, dem sich das Christentum gegenüber sieht. Der Weg zum Paradies muss versperrt bleiben, notfalls nehmen die Christen das Schwert des Cherub selbst in die Hand. Dass der berühmte Apfel vom Baum der Erkenntnis stammte, ist nicht ein wunderlicher Effekt der Übersetzung, sondern die Nabelschau der christlichen Ideologie höchstselbst: Es soll ein Paradies sein, aber es muss das christliche sein, zu dem man nur durch indulgentisch-peccatischen Mindfuck und zwar erst im Jenseits gelangen darf. Die immanent-materialistische Aussicht auf ein Paradies dagegen ist die Idee des Antichristen.

Nichts an der christlichen Nächstenliebe ist ethisch. Sie hält Menschen arm, psychisch labil und feiert ihre Krankheit. Alles für den zusammengewursteten Selbstaufopferungsporno, um den das Christentum seine Existenz aufbaut. Nichts daran ist wahr. Nichts darin bedeutet eine Liebe zum nächsten Menschen. Wenn es in dieser Liebe ein Nächstes gibt, dann ist es das nächste Leben, in dem die Christen endlich ihre verdiente Belohnung ihres Herrn entgegen nehmen können. Das Christentum ist die schizophrene Ausgeburt des tiefsten Egoismus, die sich von offener Barbarei nur durch ihren mühsamen Zynismus unterscheidet.

Die einzige Ethik, die angesichts des Leidens, das die Religion über die Welt bringt, ihren Kredit trotz allem noch nicht völlig verspielt hat, ist die Ethik der Vernunft: Wüssten wir, dass Gott sei, wüssten wir, was sein Wille sei, wüssten wir, dass wir in die ewige Verdammnis stürzten, wenn wir nicht gehorchten und könnten wir seinen Willen erfüllen, fänden aber in uns, dass sein Wille gegen unsere redliche Vernunft und gegen die Menschheit im Ganzen und in jedem Einzelnen sei, so dürften wir doch nicht gehorchen. Die wahre Ethik ist vollkommen apostatisch und nimmt die Hölle in Kauf.

Was die Christen angeht, wird aber klar: Eine echte Ethik haben diese nicht. Alles, was sie Liebe nennen, ist nichts weiter als der giftige Schleim ihrer Todesangst, der sie nichts anderes mehr entgegenzusetzen haben, als das erbärmliche Gewinsel: Bitte bitte, lieber Gott, bitte bitte, hab doch Gnade, ich war doch immer brav!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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