Hoffnungen auf Gewalt erfüllten sich nicht

Glaubte man der fundamentalistisch-christlichen und klerikalfaschistischen Presse der letzten Tage, wäre heute eine „rote SA“ über Marburg hergefallen und hätte Angriffe auf Teilnehmer des menschenverachtenden APS-Kongresses unternommen. Aber: Etwa 1000 Teilnehmer demonstrierten bunt, friedlich, ausgelassen, wenn auch scharf im Ton, laut und kritisch in der Marburger Innenstadt. Die Hoffnung einiger am Religionswahn erkrankter Christen, man könne sich endlich wieder aus vollem Herzen verfolgt fühlen und das eigene Kreuzopfer mit dem des Herrn vereinen, erfüllten sich nicht, sondern blieben die schädliche Schwärmerei als die Kant sie schon vor über 200 Jahren ausgewiesen hat.

Verbittert mussten die Homo-Heiler und Christenfundis mitansehen, dass die „totalitären Bestrebungen der Schwulen-Lobby“ sich in friedlichem Protesten entluden. Die einzigen verbohrten Betonköpfe, die zwischen Meinungsfreiheit und dümmlicher Hetze nicht unterscheiden können, finden sich auf der Seite der christlichen Publizistik von braun bis tiefbraun. Das allgemeine Lügenverbot des Christentums halten diese offenbar nur anderen vor, beziehen es aber nicht auf sich. Es zeigt deren widerwärtiges Menschenbild auch für ungeübte Beobachter.

Es konnten ca. 800 Handzettel verteilt werden, die über die gefährlichen Therapiepraktiken der Homo-Heiler und über Heilungsmöglichkeiten bei pathologischem Religionswahn aufklären.

Hinsichtlich des Religionswahns ist eine kurze Episode erwähnenswert, die der Autor vor der Stadthalle im Gespräch mit Teilnehmern des Kongresses erlebte: Einige Christen versuchten unter Darmstädter Philosophie-Studierenden zu missionieren, waren aber offenbar deren Antworten nicht gewachsen. Während sich zwei Frauen in peinlichem Gekicher ergaben, das nur von armseliger Schwärmerei über die „frohe“ Botschaft ihres Gottes unterbrochen wurde, hatte ich die Gelegenheit mit einem verhältnismäßig vernünftigen Christen (Oxymoron!) zu diskutieren. Er erkundigte sich nach meiner Definition des Religionswahns. Er musste schließlich zugeben, dass Religionswahn ein reales Problem sei und es nicht möglich sei, selbst zu entscheiden, ob man an diesem leide oder nicht.

Er musste ebenso einräumen, dass die Geschichte des Christentums offenkundig voll von übelsten Entladungen des Religionswahns sei und wusste nicht zu erwidern, dass, so Gott sei und er Liebe sei, was vom Autoren nicht geglaubt wird, Gott ja wohl auch dem Menschen, der, aus welchen Gründen auch immer, nicht zum Kontakt mit ihrem Buch oder anderen Menschen gelangen könnte, einen Weg zur Erlösung ermöglichen müsse, womit der Weg zur Erlösung wenigstens nicht einzig in der Bibel zu finden sei. (Dass sich mit Hilfe monistischer Ideen hieraus eine potentielle Satanizität der Bibel konstruieren lässt, sei hier nur erwähnt und dem Leser zur Übung überlassen.) Der Christ konnte nicht widersprechen, dass dies nicht vielleicht in der Vernunft zu finden sei. Er wusste nur auf ein unmittelbares Gottesverhältnis zu verweisen, das er mit einer absurden Theorie über die Existenz Gottes in einer anderen Dimension(sic!) zu erklären hätte. Insofern Gott kein Charakter aus einem schlechten SciFi-Roman sein soll, stellte sich allein die Frage, wie zu einem Gott in einer anderen Dimension zu gelangen oder von diesem zu erfahren sei, so nicht schon eine Verbindung zu dieser Dimension bestünde, womit sich das Dimensionsargument ohnedies erledigt hätte.

Hieraus ist allenfalls zu lernen, dass der Religionswahn in seiner intellektuellen Not auch vor dümmlichsten Anleihen in Esoterik und Populärkultur nicht Halt macht. Nichtsdestotrotz war mit dem Verweis auf ein unmittelbares Gottesverhältnis, das alle empirischen Notwendigkeiten aufzuheben sucht, der eigentliche Kern der religiösen Wahnvorstellung freigelegt: der selbstreferentielle und potentielle gefährliche Eindruck, man stünde selbst in irgendeinem Kontakt mit einem höheren Wesen. Figuren der Geschichte, die auf Basis eines aus solch einer vermeintlichen, metaphysischen Erfahrung entstammten Sendungsbewusstseins, also nichts weniger als einer vernunftfeindlichen Verblendung Millionen von Menschen in den Tod gejagt, Kriege angezettelt und unsägliches Leid über die gesamte Menschheit gebracht haben, sind bekannt und müssen nicht weiter benannt werden.

Es sollte auf eine Dualität aber aufmerksam gemacht werden, die im Religionswahn angelegt ist und die sich durch eine bewusst falsche Lesart der Dialektik der Aufklärung zeigen lässt: So wie die Aufklärung sich dort selbst als Natur erkennen muss, um nicht ständig in Gefahr zu sein, in die Barbarei zu stürzen, muss auch die persönliche religiöse Erfahrung, die der Autor ohne Ausnahme für pathologisch hält, sich als Natur und damit gefährlich erkennen, sich also ihres eigenen Potentials zum Mord bewusst werden. Ein Argument gegen den Mord nämlich lässt sich aus der Vernunft ebensowenig ableiten wie aus der Religion. Die bemühten Einräumungen der Christen, es habe solche „Fehler“ gegeben, aber es gäbe auch eine „wahre“ Religion, sind tautologisch und deren unreflektierte Annahme, sei es aus Dummheit, sei es aus bösartigem Vorsatz, ist, wenn auch von einer anderen Art, nicht minder pathologisch als der Religionswahn selbst und meistenfalls nur dessen Begleiterscheinung.

Wie dem auch sei: In der dem Autor von den Zeugen Jehovas bekannten Manier, sich bei drohender argumentativer Niederlage schnell zu entschuldigen, versuchte sich besagter Christ dem philosophischen Verhör zu entziehen, was ihm nach einigen kleineren Bösartigkeiten auch gelangt, nicht aber ohne dem Autoren noch anzutragen, ob er es nicht sei, der etwas verpasse, da er nichts von Gott wisse. Da jedoch der Autor höchstselbst einstmal am Religionswahne erkrankt nur mit größter Mühe und Lektüre sich hieraus zu befreien vermochte, wurde der Versuch des Christen schnell umgedreht und die Vernunft als die Befreierin verkündet, die sie auch ist, sodass aber noch zu hoffen sei, dass schließlich jeder durch die frohe Botschaft der Vernunft befreit werde und dieses Licht, das sich anschickt, ein Paradies auf Erden zu errichten, weiterträgt.

Gestärkt durch die leckeren Speisen des etwas chaotisch organisierten „Lecker-Ecks“ setzte die Delegation Darmstädter Studierender schließlich die Heimreise an, auf der leider zu lernen war, dass, wenigstens für Sportstudenten, die Teilnahme an Kundgebungen gegen Sexismus und dümmliche Machosprüche über alternative Frauenwohnformen keine unvereinbaren Widersprüche darstellen.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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