Wege aus dem Wahnsinn

Während meine Blogsoftware diesen Artikel automatisch veröffentlicht, sitze ich hoffentlich im Odenwald auf einer kleinen entspannten Grillfeier und vertilge entweder noch Fleisch oder schon Wasabi-Erbsen, die ich übrigens sehr empfehlen kann. Damit meine Leser, die wohl auf derartige Hülsenfruchtköstlichenkeiten verzichten müssen, nicht gänzlich darben müssen, gibt es hier eine kurze Handreichung, um sich selbst die ganze Lächerlichkeit fanatischer Religiosität klarzumachen:

Ich empfehle dazu harte Kost, nämlich die späte Religionsschrift Immanuel Kants „Die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft“. Kant hatte diese 1793 (2. Auflage: 1794) veröffentlicht und mit erheblichen Zensurproblemen durch die preußische Regierung zu kämpfen. Vielleicht deshalb ist der Anfang der Schrift recht schwer und scheint zunächst nur das kantische Moralsystem, welches aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS, 1785) bekannt war, auf die Religion umzusetzen. Natürlich knüpft Kant hieran an und erfindet das ethische Rad seines Systems nicht neu, aber während die GMS sich noch sehr rein um die systematische Anlage der Ethik (Wie ist so etwas wie ein kategorischer Imperativ überhaupt möglich?) dreht, kommt in der Religionsschrift der Widerstreit von Gut und Böse im Menschen stärker in den Blick. Zwar wird hier durchaus ein kantischer Boden bereitet, aber doch nur, um in den letzten Teilen so richtig vom Leder zu ziehen. Hier einige Kostproben: (langsam lesen!)

Die Überredung, Wirkungen der Gnade von denen der Natur (der Tugend) unterscheiden, oder die letztern wohl gar in sich hervorbringen zu können, ist Schwärmerei; denn wir können weder einen übersinnlichen Gegenstand in der Erfahrung irgend woran kennen, noch weniger auf ihn Einfluß haben, um ihn zu uns herabzuziehen, wenn gleich sich im Gemüt bisweilen aufs Moralische hinwirkende Bewegungen ereignen, die man sich nicht erklären kann, und von denen unsere Unwissenheit zu gestehen genötigt ist: »der Wind wehet, wohin er will, aber du weißt nicht, woher er kömmt u.s.w.« Himmlische Einflüsse in sich wahrnehmen zu wollen, ist eine Art Wahnsinn, in welchem wohl gar auch Methode sein kann (weil sich jene vermeinte innere Offenbarungen doch immer an moralische, mithin an Vernunftideen anschließen müssen), der aber immer doch eine der Religion nachteilige Selbsttäuschung bleibt. Zu glauben, daß es Gnadenwirkungen geben könne, und vielleicht zu Ergänzung der Unvollkommenheit unserer Tugendbestrebung auch geben müsse, ist alles, was wir davon sagen können; übrigens sind wir unvermögend, etwas in Ansehung ihrer Kennzeichen zu bestimmen, noch mehr aber, zur Hervorbringung derselben etwas zu tun. (Kant-W Bd. 8, S. 846)

Dass Kant hier den Wahnsinn, der darin liegt, himmlische Einflüsse in sich wahrnehmen können zu glauben, als eine potentielle Methode ausweist, liegt darin, dass er der Vernunft und ihrer Macht noch vertraut, sodass auch derartige innere Offenbarungen sich an solche Vernunftideen anschließen müssen. Genau gelesen findet man aber, dass eine der Religion nachteilige Selbsttäuschung darin liege, was die Christen, die hier schon Blut und Galle spucken, noch daran erinnern soll, dass es Kant nicht darum geht, die Religion zu vernichten, sondern sie von den üblen Einflüssen des ungezügelten Herumdünkelns zu reinigen und vor diesen in Schutz zu nehmen. Aus heutiger Sicht, da das Zeitalter der Aufklärung in eine üble Barbarei geführt hatte, können wir ein solches Vertrauen weder gegen Vernunft, noch gegen Religion noch aufbringen und müssen, soviel ist klar, Kants Schrift als historischen Text lesen. Gleichwohl müssen wir zugeben, dass er noch heute eine Schlagkraft besitzt, die viele handzahme Religionskritiken vermissen, etwa wenn sie nicht den Mut besitzen, Religion in einem Atemzug mit Wahnsinn zu nennen:

Der Wahn, durch religiöse Handlungen des Cultus etwas in Ansehung der Rechtfertigung vor Gott auszurichten, ist der religiöse Aberglaube; so wie der Wahn, dieses durch Bestrebung zu einem vermeintlichen Umgange mit Gott bewirken zu wollen, die religiöse Schwärmerei. – Es ist abergläubischer Wahn, durch Handlungen, die ein jeder Mensch tun kann, ohne daß er eben ein guter Mensch sein darf, Gott wohlgefällig werden zu wollen (z.B. durch Bekenntnis statutarischer Glaubenssätze, durch Beobachtung kirchlicher Observanz und Zucht u.d.g.). Er wird aber darum abergläubisch genannt, weil er sich bloße Naturmittel (nicht moralische) wählt, die zu dem, was nicht Natur ist (d.i. dem sittlich Guten), für sich schlechterdings nichts wirken können. (Kant-W Bd. 8, S. 846-847)

Was im 18. Jahrhundert überaus klar war, klingt heute ein bisschen verklausuliert, bedeutet aber noch immer das gleiche: Davon, dass man in die Kirche rennt, irgendwelche Rituale oder Handlungen ausführt, fleissigst betet, beichtet, nasebohrt, ändert man nichts an seiner Rechtfertigung vor Gott – das kann schließlich auch ein abgrundtief böser Mensch tun. Das ist ein zentraler Punkt der kantischen Religionskritik: Der Gläubige kann seinen Gott nicht in Haft nehmen, ihm eine bestimmte Handlung zu vergelten. Hier findet sich die philosophische Grundierung meiner Wut über die Nächstenliebe, die nämlich nichts anderes tut, als die Aufopferung für andere, die sie vordergründig fordert, durch die Idolatrie Armut, Sünde, Krankheit zu ersetzen, die sie – dialektisch wie eh und je – selbst hervorbringt.

Lesen wir genau, so finden wir einen schmalen Grad zwischen diesem Aberglauben, durch Handlungen seinen Gott zwingen zu können und dem Wahn selbst himmlische Einflüsse, also innere Offenbarungen in sich wahrzunehmen. Auf diesem Grad findet sich aber eigentlich nichts weiter, als das Bekenntnis, dass ein Gott wohl sein könnte, dass man es aber nicht wissen könne, dass man diesen nicht zwingen könne und dass jenseits dieses Grades Wahnsinn und Aberglauben liegen. Kant lässt daran keinen Zweifel:

Der abergläubische Wahn, weil er ein an sich für manches Subjekt taugliches und diesem zugleich mögliches Mittel, wenigstens den Hindernissen einer Gott wohlgefälligen Gesinnung entgegen zu wirken, enthält, ist doch mit der Vernunft so fern verwandt, und nur zufälliger Weise dadurch, daß er das, was bloß Mittel sein kann, zum unmittelbar Gott wohlgefälligen Gegenstände macht, verwerflich; dagegen ist der schwärmerische Religionswahn der moralische Tod der Vernunft, ohne die doch gar keine Religion, als welche, wie alle Moralität überhaupt, auf Grundsätze gegründet werden muß, statt finden kann. (Kant-W Bd. 8, S. 847)

Die Mittel/Zweck-Dialektik, die hier schwingt, bedarf, da aus dem Kontext gerissen, einer kurzen Erklärung: Kant ist streng, was die Rollen von Mittel und Zweck angeht. Zwecke (wie z.B. Menschen) sind Zwecke an sich und dürfen nicht zu bloßen Mitteln werden. Das ist die berühmte Zweck-Formel des kategorischen Imperativs. Andersherum darf man sich aber ein Mittel auch nicht zum Zweck machen, was geschieht, sobald man ein Mittel, Gott wohlgefällig zu sein, zum eigentlich Zweck (hier: „Gegenstand“) erhebt.

Der letzte Satz kündigt Kants scharfe Zunge an, die wir jetzt, wo über Zwecke, Mittel, Aberglauben und Wahn gesprochen wurde, erst beginnen, genießen zu können: „Religionswahn [ist] der moralische Tod der Vernunft“, mehr noch: Vernunft ist die Voraussetzung für Religion, da ohne sie gar keine solche „statt finden“ kann. Ganz klar: Zuerst kommt die Vernunft, dann kommt die Moral und schließlich die Religion. Wer an dieser Reihenfolge etwas dreht, ist längst im Religionswahn angekommen.

Das bedeutet aber auch, dass sich die Religion immer der Prüfung durch die Vernunft stellen muss. Für Kant ist das kein Problem: Er vertraut der Vernunft und so muss die wahre Religion, wenn sie also von Gott ist, auch dieser Prüfung gegenüber bestehen können.

Wir müssen, ich schrieb es bereits, heute die Vernunft historisch betrachten und können nicht mehr einfach so der Vernunft alles zutrauen. Der evangelikale Schluss aber, die Prüfung durch die Vernunft aufzugeben, führt geradewegs in den völligen Religionswahn hinein. Der einzige Weg, der angesichts von kantischer Theorie und historischer Vernunftkritik heute noch zu einer Religion führen kann, ist ein so tiefer Zweifel an Vernunft und damit zwingend auch an Religion, dass Religion keinen Moment als dogmatisches System bestehen kann. Dass hierin, gerade für einfache Gemüter, der Absturz ins Gefühl droht, liegt auf der Hand. Das Gefühl ist jedoch wieder nur eine Schwärmerei: singend und tanzend mit einer Gitarre in der Hand auf dem Weg zum evangelischen Kirchentag das Böse verjagen, das einige Meter weiter im Zug nach Marburg sitzt und sich auf die Demo freut…

Erlauben wir uns nach soviel Mühe, die Religion an der scharfen Zunge des kantischen Geistes entlangzuführen, ein letztes Zitat; diesmal aber nicht philosophisch-formal, sondern materiell-resümierend, um auch den letzten Skeptiker von der Lesbarkeit, Güte und Schärfe dieser späten kantischen Religionsschrift zu überzeugen. Im Abschnitt „§3 Vom Pfaffentum als einem Regiment im Afterdienst des guten Prinzips“ heißt es:

Von einem tungusischen Schaman, bis zu dem Kirche und Staat zugleich regierenden europäischen Prälaten, oder (wollen wir statt der Häupter und Anführer nur auf die Glaubensanhänger nach ihrer eignen Vorstellungsart sehen) zwischen dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der die Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt, mit dem kurzen Gebet: »Schlag mich nicht tot!« bis zum sublimierten Puritaner und Independenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in der Manier, aber nicht im Prinzip zu glauben[.] (Kant-W Bd. 8, S. 848)

„ein mächtiger Abstand in der Manier, aber nicht im Prinzip“ – Freunde von mir werden bestätigen, dass dies meine liebste Stelle bei Kant ist, an der sich das scharfe Messer seiner Untersuchungen tief in den Blödsinn, den es zu überwinden gilt, hineinschneidet.

Dass das Prinzip des Glaubens bei evangelikalen Gesundbetern sich nicht vom Aberglauben, wie er oben beschrieben ist, unterscheidet, ist völlig klar. Dass aber deren Manier, also ihr Stil, schon ebenso offen zum Wahnsinn übergangen ist, sollte uns erschrecken. Wir können sicher nicht sagen, dass alle Christen geisteskrank sind. Dazu müssten wir schließlich alle untersuchen, aber wir müssen endlich zugeben, dass es Menschen in dieser Gesellschaft gibt, die ihren Wahn, der schon fern aller Realität ist, unter dem Deckmantel der Religion ausleben und die Grenze der Selbst- und Fremdgefährdung überschritten haben. Ich bin der Psychologie gegenüber skeptisch genug, um keine Zwangsbehandlungen oder Verbote zu fordern, aber aufmerksam beobachten und offen aussprechen müssen wir diesen Wahnsinn hingegen schon.

Kant aber zeigt uns, dass es lange vor Dawkins Autoren gab, denen die Gefährlichkeit von Religion klar war und die die Religion unter die Herrschaft der Vernunft gestellt sehen wollten. Kant verflucht nicht die Religion überhaupt, da hat es nach ihm anderen Autoren gegeben, aber er zeigt uns so viel darüber, dass wir mit seiner Hilfe und unserer historischen Erfahrung heute leicht einen Ausweg aus dem Gotteswahn finden können, wenn wir uns in ihm verstrickt haben. Ich hoffe, dass dieser Text für einige noch immer so wirkt.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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