Von matrimonium zu martyrium

Meine Cousine feiert Hochzeit. Ein Fest! Ein Fest! Ein Fest? Naja, das übliche: heterosexuelle Verwandte, die hoffentlich nicht wieder mit blöden Fragen nerven oder penetrant fragen, was ich denn nun mit meinem Philosophie-Studium anfangen will. Das Schlimme ist aber, dass Alkohol in den absurdesten Mengen fließen wird und ich das Auto nach dem Fest bedienen muss. Betrunkene Menschen sind schon angetrunken kaum zu ertragen, nüchtern geht es gar nicht.

Meine Schwester hat sich bei unserer Cousine gleich beliebt gemacht: Nach der Mitteilung des offziellen Zeitplans, natürlich erst Standesamt, dann sie als erneut schwangere Mutter nicht in weiß, sondern nur in Creme, diesem verschähmten Ausdruck der verkappten Reue einer verhinderten Jungfrau und er als frisch geschiedener Prokurist in der Kirche St. Logorrhoria – jedenfalls nach Mitteilung dieses Zeitplans fragte meine Schwester, ob er nicht bis zur Kirche dann schon zu betrunken sei.

Nun, die Frage ist mehr als berechtigt – womit das Fest, das mich heute erwarten wird, angemessen beschrieben ist.

Der Gipfel war aber, so fand ich, erreicht als ich auf der Einladungskarte die Information entgegen nahm, man solle bitte nichts für den Haushalt schenken, da alles vorhanden sei, aber da sich im Sparschwein noch Platze befände, wünschte man sich Geldgeschenke. Dass meine nach Firmeninsolvenz verarmten Eltern in ihrer gegenüber der Verwandtschaft manchmal erschreckend devoten Art diesem natürlich sofort Folge geleistet haben, ist schon ein kleines Armutszeugnis. Dass sie mich in Geschäftsführung ohne Auftrag gleich auf die Karte dazugeschrieben haben, da ich ja auch kein Geld hätte, nur konsequent – aus ihrer Sicht.

Ich mache da aber nicht mit. Ich sehe es absolut nicht ein, wieso ich als armer Philosophiestudent einem Doppelverdienerhaushalt – und Prokuristen verdienen nun wirklich nicht schlecht – auch noch Geld schenken sollte. Nun bekommen die beiden etwas günstiges, leidlich schönes, aber völlig nutzloses, das ihren Haushalt äußerst peripher berührt und möglicherweise sie seelisch erbaut. Das haben sie sich wirklich verdient.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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