Implikationen christlicher Todesideologie

Ich wundere mich, dass mir nicht früher die bizarren Implikationen christlicher Todesideologie klar geworden sind. Eigentlich ist es es doch mehr als deutlich, was es bedeutet, davon auszugehen, ein Gott richte über jemanden nach dessen Tod, wäge dessen Leben ab und entscheide, ob er zum ewigen Leben gelange oder nicht. Die Seele selbst sei dabei unsterblich und so sehen sich wenigstens alle Gerechten am Ende der Welt zur rechten Gottes wieder und erfreuen sich an den Leiden der Verdammten.

Was wie  ein spleeniger Aberglaube daherkommt und von einigen naiven Neunmalklugen gerade noch als Phantasie zur Tröstung und zur Bewältigung von Todesangst daherkommt, erscheint mir nun, da ich eher aus Unachtsamkeit, denn aus ernsten Interesse auf diese christliche Todesideologie zurückgekommen bin, mit einem politischen Subtext, der zu nichts weniger als zur Rechtfertigung des Mordes geeignet ist:

Da der Mörder im Namen Jesu stets nur den Körper des Opfers auf unterschiedlich grausame Weise töten kann, seine Seele davon aber nach christlicher Lehre unsterblich, also unberührt bleibt, sodass nur Gott sich dieser Seele, was immer das nun genau sei, annehmen kann, ist das Risiko, einen unschuldigen Menschen zu töten oder einen religiösen Mord zu begehen, kein sonderlich großer Skandal mehr. Da Gott nämlich über die Seele das letzte Wort hat und die Erde sowieso ein Jammertal ist, beschleunigt man allenfalls den göttlichen Plan, was gewiss keine außerordentlich große Sünde ist. Aber nicht nur zur unmittelbaren Mordesrechtfertigung, die, zugegeben, schon etwas Akrobatik im Schädel erfordert, sondern auch bei der Rechtfertigung von Tötungen lässt sich die Tröstung der Todesangst ausschlachten.

Da nämlich Brüder im Glauben Menschen töten, ist man als Christ vielleicht geneigt, ein bisschen empört zu sein, aber es besteht kein sonderlich großer Handlungsbedarf: Sicher, der Tod mag unangenehm und ungerechtfertigt sein. Aber man muss sicher auch sehen, wie schwer es ist, dass Religion sich überhaupt einmal weiterentwickelt und also froh sein, dass nicht mehr ganz so viele Menschen wie früher getötet werden. Man kann dann den einen, oder den anderen Protestbrief schreiben und hoffen, dass der Vatikan sich in 300-400 Jahren vielleicht für ergangenes Unrecht entschuldigt. Dass sich die moralische Entrüstung unserer Menschenfreunde, trotz aller kritischen Anmerkungen, etwa bei Hexenprozessen in Grenzen hielt, ist hierfür ein trefflicher Beweis.

Der Tod ist nichts besonderes im Christentum, ist nicht sonderlich zu fürchten. Im Vertrauen auf Gott kann man ruhig sterben und in das neue, ewige Leben gehen (sofern man natürlich brav alle Dogmen geglaubt und alle Regeln eingehalten hat). Der Tod ist eine relativ unbedeutende Etappe.

Vielleicht ist dies der Grund, warum die Christen in den USA so vehement für die Todesstrafe sind?

Wer den Tod für ein verhältnismäßig harmloses Ereignis hält, ist nur noch beschränkt zur moralischen Entrüstung über den Tod in der Lage. Das Tötungsverbot reduziert sich auf einen Ungehorsam gegenüber Gott, dem man das Recht auf die Herrschaft über Leben und Tod bestritten hat. Aus Mord wird Insubordination und Verletzung der Herrschaft eines anderen. Der leibeigenschaftliche Subtext ist gewiss kein Zufall. Wer sich oder einen anderen tötet, begeht keine Sünde, weil er jemanden tötet, sondern weil er  sich die Rolle Gottes anmaßt. Nur Gott ist der Herr über Leben und Tod.

Geschickt, wer den Willen Gottes kennt und behände die göttlichen Tötungsabsichten, die dieser gewiss nur aus ökonomischen oder pflegmatischen Gründen nicht selbst vollzieht, plant und anderen aufträgt. Die mörderische Arbeitsteilung zwischen Kirche und Henker ist bekannt und historisch verbürgt.

In diesem Feld ist es unmöglich, ein Argument gegen den Mord zu finden. Schlimmer noch: Es lassen sich Argumente für den Mord finden. Das Christentum ist, solange es an ein Leben nach dem Tod glaubt, zu einer Ethik, die den Mord wahrhaft und konsequent ausschließt, nicht in der Lage.

Die Ethik aber, die wenigstens potentiell den Mord ausschließt (hierzu ist noch etwas mehr erforderlich), muss das Leben nach dem Tod verneinen. Sie muss das Leben vor dem Tod wertvoll machen, sie muss das Leben radikal bejahen, den Tod radikal verneinen. Sie muss das Leben in einem ganz materialistischen Sinne lieben können. Kurz: Eine solche Ethik muss die Tatsache akzeptieren können, dass unsere Existenz mit unserem Tod gänzlich endet und danach nichts mehr ist als die völlige Negation der Existenz. Nur eine Ethik, die angesichts dieses Endes leben und sterben kann, kann überhaupt eine sein, die ein Argument gegen den Mord gestattet. Ob sie dies dann leistet, ist freilich eine andere Frage.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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