Les ich „KiPo“ in der Nacht, bin ich um den Verstand gebracht…

Das entsetzlich blödsinnige und kryptofaschistische Gegreine, man dürfe X nicht „X“, sonder nur „unglaublich grauenhaftes Xylophon“ nennen, greift nun anscheinend noch weiter um sich. Nicht nur, dass Zensursula offenbar erfolgreich das absurde Wort „pädokriminell“ im Wortschatz der Deutschen Journaleska verankert hat, greift man nun beim Umgang mit der Piratenpartei zu immer schwachsinnigeren Mitteln. Ich zitiere die Ruhrbarone:

Das Anhänger der Piraten hier in den Kommentaren Kinderpornographie lässig mit „KiPo“ abkürzten fanden wir alle widerwärtig. (Und wir haben beschlossen solche Kommentare nicht mehr freizuschalten)

Dass sich erwachsene Menschen erblöden, so etwas zu schreiben, lässt tief in die Abgründe Deutscher Gehirne blicken: Der Vorwurf, der hier ja so widerlich explizit impliziert ist, sagt doch nichts anderes als, dass man Dinge, so sie der Zensor nur hinreichend scheisse findet, nicht mehr abkürzen darf. Was an der Verwendung einer Abkürzung für „pornographische Schriften, die sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern zum Gegenstand haben,“ bitte in irgendeiner Form „widerwärtig“ sein soll, erschließt sich einem halbwegs gesunden Gehirn nicht. Genauso könnte man sich darüber beklagen, die Abkürzung „KZ“ für „Konzentrationslager“ oder „NS“ für „Nationalsozialismus“ relativiere die Verbrechen des Faschismus. Wer ernsthaft diese Position vertritt, hat sich längst aus dem Kreis humaner Intelligenzbegabtheit verabschiedet. Um es kurz zu machen: Ich denke, wer sich auf diesen Standpunkt stellt, ist ein Idiot.

Warum?

Nun, dazu muss ich etwas ausholen: Es erscheint mir schon länger als Missbrauch zweiter Ordnung, die Anfertigung von pornographischen Schriften, die sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern zum Gegenstand haben, über alle Maßen zu dämonieren und zugleich sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vorzunehmen oder an sich von dem Kind vornehmen zu lassen mit der Tötung eines Menschen aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, gleichzusetzen: Man ignoriert damit die spezifische Problematik eines sexuellen Missbrauchs von Kindern und verhindert deren Genesung.

Wie bitte?

Ja: Wer Kindesmissbrauch, so schrecklich und abstoßend er zweifelsohne mit absoluter Sicherheit ist, mit Mord gleichsetzt oder von einem „Mord an der Seele“ spricht, verlängert das Leiden der Opfer unnötig. Wer ermordet wurde, ist tot. Das ist endgültig und unumkehrbar. Es gibt für das Opfer des Mordes keine weiteren Handlungsoptionen. Dies auf ein minder- oder volljähriges Vergewaltigungsopfer zu übertragen, gibt dem sexuellen Missbrauch einen ontologisch-psychologischen Status der Unabschließbarkeit. Natürlich ist das historische Faktum des Missbrauchs unabänderlich. Das gilt aber für Handtaschendiebstahle und Autounfälle mit und ohne Personenschaden genauso wie für Lottogewinne oder Blogeinträge. Alle diese historischen Ereignisse haben aber nicht den Charakter der Unabschließbarkeit: Es ist den Opfern, zumindest solange sie ihre Wunden nicht durch eifriges Lecken an der Heilung hindern, möglich, mit diesem Ereignis abzuschließen, es als negatives, aber nun einmal faktisches Ereignis in die eigene Biographie zu integrieren und damit zu leben. Ja, so schrecklich und unglaublich pervers es für viele Menschen klingen mag: Auch die Opfer von Kindesmissbrauch haben die Chance, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und dennoch ein glückliches Leben zu führen.

Natürlich muss ich ein perverses, abstoßendes Schwein sein, dass nicht nur Abkürzungen wie „KiPo“ benutzt, um in einer sowieso schon ermüdenden Debatte ein wenig Schreibarbeit zu sparen, sondern tatsächlich auch noch das Recht der Kinder auf Genesung verteidigt. Wer nämlich behauptet, die missbrauchten Kinder hätten, notwendig ein unabänderlich unabschließbares Los gezogen, woran sie ihr ganzes Leben kümmerlich zu tragen hätten, verdoppelt und verlängert die Missbrauchssituation: Er vollzieht einen Missbrauch zweiter Ordnung und missbraucht das Ereignis des Missbrauchs für eine fesselnde Fürsorge, die die Kinder nicht nur nicht in eine mögliche, obgleich höchstwahrscheinlich schmerzhafte Freiheit entlässt, sondern sperrt sie auch in das Ereignis des Missbrauchs ein: „DU BIST MISSBRAUCHT WORDEN! DU LEIDEST JETZT FÜR IMMER!“

Diese angeblich mitfühlende, in Wirklichkeit aber jede Emanzipation und Reifung hemmende Sichtweise zeugt nicht nur von mangelnder emotionaler Reife und tiefster moralischer Verkommenheit beim Sprecher, sondern von einer Bereitschaft, Opfer in einer Verdoppelung zu stigmatisieren: Der Täter lässt sie zum Opfer werden, der angeblich mitfühlende, sekundäre Missbrauchsprofiteur lässt sie ein Opfer bleiben.

Die Zeitstruktur von Mord ist eindeutig: Historisch unabänderlich und für das Opfer – tautologisch! – nicht mehr abschließbar: Ein Mordopfer kann das Ereignis des Verbrechens nicht verarbeiten und in seine eigene Biographie integrieren. Der Weg zu einem glücklichen Leben ist für das Mordopfer auf alle Zeit versperrt. Mord ist unabschließbar.

Die Anfertigung von pornographischen Schriften, die sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern zum Gegenstand haben, über alle Maßen zu dämonieren und zugleich sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vorzunehmen oder an sich von dem Kind vornehmen zu lassen mit der Tötung eines Menschen aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, gleichzusetzen, ist also der Versuch, die Zeitstruktur eines psychologisch zumindest im Prinzip abschließbaren Ereignisses durch eine endgültig-unabschließbare Zeitstruktur zu ersetzen. Wer ernsthaft diese Auffassung vertritt, misshandelt die Opfer mit Liebe.

Die „KiPo“-Hysterie der Ruhrbarone steht genau in dieser Tradition, beim Thema „sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornehmen oder an sich von dem Kind vornehmen lassen“ sowie der Dokumentation den Verstand auszuschalten und so laut „Faschist! Faschist!“ zu schreien, dass alle anderen aus purer Angst einfach nur mitschreien. Ich glaube das aber einfach nicht. Ich glaube nicht, dass ein Missbrauchsopfer niemals wieder zu einem glücklichen Leben gelangen kann, sowenig wie ich glaube, dass man nie den frühen Verlust der Mutter oder sonst ein schreckliches Ereignisses verarbeiten kann. Ich behaupte natürlich nicht, dass das leicht sei und es ist ganz sicher nichts, was irgendwem, aus egal welchem Grund auch immer, zu wünschen wäre und es ist natürlich ganz eindeutig so, dass die Täter zu stellen und im Sinne des Gesetzes zu bestrafen sind. Darüber herrscht ein so offensichtlicher Konsens, dass es mich ärgert, dass man sich angesichts der Kinderschänderhysterie ständig dazu bekennen muss. Also nochmal für die Schaum-vorm-Mund-Keifer:

§§176, 176a, 176b, 184a StGB sind richtig. Soll ich Euch’s auf Brot schmieren?

Eure dümmliche Hysterie aber ist kontraproduktiv, verstärkt und verlängert das Leiden der Opfer, verhindert eine Genesung, ist penetrantester Diskursterrorismus, ist emotional unreif und moralisch verkommen. Für Euer notgeiles Aufmerksamkeitsgegreine ist Euch das Mittel „KiPo“ indirekt doch nur recht. Ihr ekelt mich an! Merkt Euch das!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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2 Kommentare zu Les ich „KiPo“ in der Nacht, bin ich um den Verstand gebracht…

  1. Pingback: Schwuchtel to the Rescue « Die Orkpiraten

  2. daMax sagt:

    Ja! Da sprichst du weise Worte gelassen aus. Die Ruhrbaronhysterie ist ungefähr genauso lächerlich wie diese „Kritik“ an Lily Allens Album:
    http://www.buzzine.com/2009/03/its-not-you-its-her/

    Mir gehen diese Gutmenschen immer mehr auf den Sack, weil sie immer mehr Freiheiten durch ihr Gutmenschentum kaputt trampeln. Kommentare wg. Abk. zu zensieren ist echt die Höhe.

    OMG WTF?! 🙂

    Es grüßt
    daMax

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