Dann halt nicht…

Ich überlegte, ein paar Kaffeeteilchen mit ins Büro zu bringen. Aber dann fragen die Kollegen wieso. Und dann muss ich zugeben, dass ich einfach nur Lust dazu hatte. Dann fragen die aber, ob es wirklich keinen besonderen Grund gebe. Ich muss das verneinen und gelte als verschroben und verrückt. Wenn die anderen Kollegen etwas mitbringen, dann hat das immer einen Grund. Meistens weil sie lange nicht da waren oder weil sie Geburtstag haben. Aber ich habe im Juni Geburtstag und war erst gestern im Büro. Oder sie machen es, wenn sie sich verabschieden, aber ich bleibe doch noch über zwei Jahre! Die Erklärung fällt also aus.

Jetzt war ich letzte Woche etwas krank. Wenn ich jetzt plötzlich mir nichts, dir nichts Stückchen mitbringe, dann glauben die vielleicht, dass es etwas ernstes ist. Okay, dann werden sie vielleicht zuvorkommend, aber wenn ich das ausnutze, wäre ich doch nur ein schäbiger Lügner. Geht also auch nicht. Ich muss also wohl irgendwas sagen. Aber wenn ich sage, dass ich einfach Lust dazu hatte, dann werden die sicher misstrauisch und fragen sich die ganze Zeit, was ich will und wenn ich dann abstreite, dass es einen Zweck hat, dann fragen sie ja nur um so gründlicher nach – und auf so ein Verhör habe ich nun wirklich keine Lust!

Und wenn sie gar nicht fragen und mir am Ende gar noch glauben, dass ich einfach nur Lust hatte, ihnen Stückchen mitzubringen, dann nehmen sie es vielleicht am Ende noch für selbstverständlich und wollen immer, dass ich ihnen etwas mitbringe. Wenn ich ihnen aber sage, dass es eine einmalige Aktion ist, dann werden sie misstrauisch und ich kann ihnen nicht nochmal Stückchen mitbringen, auch wenn ich nochmal Lust dazu habe. Wie soll man etwas denn öfter machen, ohne dass es Gewohnheit wird und wie soll man etwas einmal machen, ohne dass es etwas Besonderes wird. Wie soll man den Kollegen die aktual singuläre, aber virtuell häufige gewöhnliche Besonderheit klar machen, ohne dass man wieder als verschrobener Philosoph gilt? Das gilt man ja allein wegen der Stückchen schon sowieso! Und was mache ich überhaupt mit möglichen Nahrungstabus und -allergien! Sind die Stückchen vegan? Koscher? Halal? Durch deren ganzen Religionen steigt doch niemand mehr durch, aber wenn ich es ignoriere, dann bin ich rücksichtslos und nehme ihre Religion nicht ernst. Und wenn ich ihnen keine Stückchen mitbringe und es vielleicht bei ihnen normal ist, dass man ihnen am 15. September eben Stückchen mitbringt? Und wenn man vorher fragt, dann zeigt man, dass man ihnen komische Dinge unterstellt, sich lustig machen will (Was sich dadurch bestätigt, dass man es bestreitet!) oder gegenüber ihrer Weltanschauung einfach ignorant ist. Oder vielleicht stört man damit eine Diät?

Wieso muss eigentlich immer so viel gedacht werden, nur weil man mal ein paar Stückchen mitbringen will? Man könnte ja kleine, billige mitbringen, dann gilt man als geizig, aber wenn man teurere mitbringt, dann gerät man doch nur noch mehr in Verdacht, ob man etwas will, ob man zur Verschwendungssucht neigt oder ob man einfach nur ein seltsamer Kerl ist. Oh wäre ich doch religiös! Dann könnte ich einfach irgendein Mond-Saturn-Fest erfinden, das keiner kennt, aber als strammer, rationalistischer Atheist einfach etwas verschenken?

Dieser ganze Missmut kann einem echt den Tag verderben! Da will man einfach nur mal Stückchen mit ins Büro bringen, weil man Lust dazu hat und muss sich gleich Verdacht und Verhör ausgesetzt sehen! Was für eine kranke Welt ist das eigentlich, in der man anderen nichtmal eine Freude machen darf, weil man erst wissen muss, ob es überhaupt eine Freude ist?! Wieso müssen Wohltäter immer gleich unter Verdacht stehen? Pah! Dann gibt es halt keine Stückchen!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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4 Kommentare zu Dann halt nicht…

  1. zottel sagt:

    „Dann behalten Sie eben Ihren Scheiß-Hammer!“ 🙂

  2. Phaidros sagt:

    Zwischenstand:

    2 von 3 Frauen akzeptieren als Antwort auf die Frage, wieso ich Stückchen mitgebracht habe, die Aussage „grundlos“.

    2 von 3 Männern fragen nach, teils sehr irritiert.

  3. rauskucker sagt:

    Mann, das ist ja kompliziert bei euch.
    Wo ich zuletzt war, das waren alles Hartz4ler und andere Billigheimer, da hat jeden Tag jemand was mitgebracht, manchmal auch noch die „Kunden“. Und wenn dir was nicht geschmeckt hat, hast du halt selber auch noch was besorgt und dazugestellt.
    Ich habe dort noch 2 kg zugenommen.

  4. felix sagt:

    Vielleicht hättest du mal vorkosten sollen.

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