Der Papst besucht England

Ratzinger ist in England zu Besuch. Leider kommt dieser Besuch etwa 470 Jahre zu spät und verläuft daher recht unblutig, aber dennoch ist es schön, wie er sich im Mutterland des Kapitalismus aufführt:

  • Nachdem er nun wohl leider doch nicht verhaftet und in den Tower verbracht werden wird, brachte er es immerhin fertig, den Spott der britischen Medien auf sich zu ziehen. Nachdem er nämlich auf den Atheismus der Nazis hingewiesen hatte, vermerkte die britische Öffentlichkeit, dass der deutsche Papst das ja wohl am besten wissen müsse. Der pauschale Nazi-Atheisten-Vergleich sorgte übrigens gestern für eine kurze Diskussion in meinem Graduiertenkolleg: Ein promovierter Historiker räumte ein, dass so ein Vergleich in einer geschichtswissenschaftlichen Hausarbeit, die sich um Religion bekümmert, zu undifferenziert sei, in jeder Hausarbeit zu einem anderen Thema als nichts zu suchen habe. Ich würde in der Rolle des Dozenten Ratzinger die Arbeit also vermutlich zur Nachbesserung zurückgeben. 😉
  • Dass der Papst aber nicht abgehoben und lebensfremd ist, wie man anhand seiner Kleidung leicht, aber völlig falsch vermuten könnte, zeigt sein Umgang mit der Marktwirtschaft. Wie mir HR1 gerade beim Aufwachen einflüsterte, sind Andenken an den Papstbesuch zu durchaus stattlichen Preisen zu haben, die die Abzockmentalität jeder Autobahntankstelle in den Schatten stellen würden. Lediglich die Eintrittskarten für den öffentlichen Sermon im Hyde-Park waren ein solches Kassengift, dass die heilige römisch-katholische Kirche deren Preis unterdessen auf 5 Pfund absenkte. Nun wäre es vielleicht zu viel verlangt, dass der Vatikan das Prinzip von Angebot und Nachfrage auch auf die eigenen metaphysischen Erlösungsprodukte übertragen würde. Die verkaufen sich zwar auch immer schlechter, aber der Preis von lebenslänglichem Unglück, schlechter Laune und dauerndem Realitätsverlust ist anhaltend hoch. Bemerkenswert ist allerdings, dass Ratzinger und seine Angestellten beständig gegen Konsumismus hetzen. Vermutlich muss man das einfach differenzierter sehen: 20-Pfund-Rosenkranz hui, DVD-Player pfui. Das muss einen auch nicht weiter überraschen: War der Kapitalismus doch neben der Aufklärung und der Demokratie die größte Niederlage der Kirche in ihrem Streben nach ewiger Dunkelheit.

Vermutlich ist aber damit auch schon die Differenzierungsleistung des Diktators des letzten absolutistischen Staates auf diesem Planeten erschöpft und er muss danach wieder alles andere in einen Topf werfen. Schwule und Pädophile, Atheisten mit Nazis und Kommunisten, Katholiken mit guten Menschen… – So gesehen muss man also gar nicht gegen Ratzinger demonstrieren. Wes‘ Geistes Kind der ist, zeigt er schon von ganz allein. Und wie einer der Professoren des Kollegs immer so schön sagt: „Jeder blamiert sich selbst, so gut er kann.“

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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