Der Pfaffe und die Glückssucht

Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen [Zeit Online]

Oh man, Herr Gauck, Sie haben ja schon viel dummes Zeug von sich gegeben, aber das ist jetzt doch zu viel. Sie brauchen sich auch gar nicht damit heraus zu reden, dass es Ihnen ja irgendwie um Friedenseinsätze gegangen sei. Jaja, blabla, im 20. Jahrhundert hat es nicht einen Angriffskrieg gegeben, sondern alle waren Friedens-, Befreiungs- und Verteidigungseinsätze. Völkerrechtlich ist das ius ad bellum so eingeschränkt, dass sich kein Angriffskrieg mehr offen führen lässt. Notwendigerweise wird dann eben zuerst zurückgeschossen. Tun Sie mal nicht so, als wüssten Sie das nicht! Und wenn Sie es tatsächlich nicht wissen, dann gehören Sie schleunigst zurück auf die Schulbank.

Aber das Problem ist weniger Ihr unsagbar dummes Geschwätz über Krieg. Dass wir unsere InteressenSicherheit überall verteidigen müssen, wissen wir längst. Nun attestieren Sie aber unserer Gesellschaft »glückssüchtig« zu sein. Ich muss gestehen, dass es mir sehr schwerfällt, Ihnen nicht Begriffe an den Kopf zu knallen, die Sie nun verdient hätten, aber der alte Majestätsbeleidigungsparagraph schützt Sie ja übermäßig und unverdientermaßen. Und so können Sie sich vermutlich ungestraft als Majestät aufführen.

Gut, das ist unfair. Sie gehören ja nicht zum Adelsstand, sondern zum Klerus. Sie sind ein Pfaffe und tun das, was Pfaffen schon immer getan haben: jungen Menschen einreden, wie ehrenhaft es sei, für König, Kaiser, Kanzlerin zu sterben. Ob von der Kanzel dieser Krieg oder jener zu rechtfertigen war, Ihresgleichen war immer vorne mit dabei, wenn es darum ging, der Macht irgendeinen transzendentalen Anspruch zu verpassen und so schickte der Kaiser von Gottes Gnaden die Burschen nach Böhmen, um eine Defenestration im Namen der Herrn zu vergelten… Leider haben Sie nicht die Eier Ihrer Kollegin Käßmann, sich deutlich gegen Krieg auszusprechen, aber warum sollten Sie auch? Irdisches Glück war Leuten wie Ihnen noch nie viel wert. Es ging immer um das Glück drüben im Jenseits und wer hier Glück verlangte, versündigte sich gegen den Herrn – nein, nicht gegen Ihren Gott, sondern gegen den Grundherrn, Landesvater oder gar gleich gegen den König. Das Glück ist eben nur denen vorbehalten, die es sich leisten können. Für die armen Schweine gibt’s den ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld und wenn die Mütter ihre toten Söhne beweinen, dann ist das eben glückssüchtig.

Das Streben nach Glück für jeden Einzelnen ist aber der Kern des säkularen Humanismus und der Aufklärung. Der Aufklärung ging es nie so sehr um die Vernunft allein, wie es heute manchmal den Anschein hat, wo das Glück für alle dem Greifen nahe ist. Es ging ihr immer darum, dass alle Menschen frei und gleich an Rechten geboren sind. Das heißt nicht nur, dass es keine Menschen minderen Rechts gibt, auf die die Masse herabblickt, sondern es bedeutet, dass es keinen Stand gibt, zu dem sie heraufblickt. Das Glück ist nicht denen vorbehalten, die qua Kontostand oder qua Theologiestudium sich selbst für etwas besseres halten, sondern das Glück muss allen zukommen und zwar gleichermaßen. Dass Sie nun rhetorisch in die Zeit vor der Aufklärung zurückfallen, ist angesichts Ihres dummen Geschwätzes zwar folgerichtig, aber nichtsdestoweniger erschreckend. Das Glück wurde mal als Wohlstand für alle bezeichnet, aber das scheint uns heute ja doch arg materialistisch, wo wir uns bescheiden wollen, wenn es Milliarden nur für Banken, aber nie für Arme gibt. Soweit habt Ihr uns schon gebracht, dass wir Euch Eure fetten Wampen und Eure Kontostände lassen wollen, damit wir wenigstens im kleinen nach privaten, einfachem Glück suchen können. Und wenn zu diesem kleinen, privaten, einfachen Glück kommt, dass wir wenigstens unsere Kinder nicht auf Euren Schlachtfeldern lassen wollen, dann denunziert Ihr uns als glückssüchtig.

Was Sie wollen, Herr Gauck, ist eine neue Feudalgesellschaft, in der die Freiheit nur dem Reichen und das Glück nur dem Besseren zukommt. Sie wollen keine Demokratie, Sie wollen keinen Wohlstand für alle, Sie wollen kein Glück für alle. Sie wollen selbst an den Fleischtrögen sitzen und die Menschen auf weniger Freiheit, weniger Wohlstand, weniger Glück einstimmen. Sie sind kein Präsident aller Deutschen, sondern einfach nur ein Pfaffe, der mit seinem Weltbild Jahrhunderte zu spät kommt.

+++UPDATE+++: Auf Spiegel Online wird die Rede „im Wortlaut“ dokumentiert. Das Wort „glückssüchtige“ fehlt dort.

+++UPDATE2+++: Das Ton-Dokument der Rede enthält allerdings das Wort.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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3 Kommentare zu Der Pfaffe und die Glückssucht

  1. Elektra sagt:

    Danke für diesen schönen Kommentar. „Für die armen Schweine gibt’s den ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld und wenn die Mütter ihre toten Söhne beweinen, dann ist das eben glückssüchtig.“ Eben.

  2. Koschda77 sagt:

    Auf den Kopf getroffen! Danke!

  3. „In jedem Lande gibt es eine Kriegspartei, d. h. Leute, die auf Grund von Beobachtungen, Forschungen, eigenen oder fremden Theorien, oder sonstwie zu der Meinung gelangt sind, dass der Bürger- und Völkerfrieden eine Schwärmerei sei. Wer aber nicht an den Frieden glauben kann, glaubt notwendigerweise an den Krieg und wirkt für den Krieg durch sein ganzes Tun und Lassen. Wenn er auch kein eingeschriebenes Mitglied der eigentlichen Kriegspartei ist, so kann man ihn doch als Mitläufer rechnen. Es ist dabei durchaus nicht nötig, dass der Betreffende etwa den Krieg wünscht und Freude bei seinem Ausbruch empfindet. Es genügt, dass er an die Unvermeidlichkeit der Kriege glaubt; der Rest kommt dann ganz von selbst.“

    Silvio Gesell (aus „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, 1916)

    Dass ein studierter Theologe (Moralverkäufer) wie Herr Gauck nicht an den Frieden glauben kann, ist nicht weiter verwunderlich, denn erst die Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe) machte den Kulturmenschen „wahnsinnig genug“ für die Benutzung von Geld (Edelmetallgeld ist immer Zinsgeld), lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war.

    Aus dem anfänglichen Wahnsinn mit Methode wurde ein gänzlich irrationaler Wahnsinn ohne Methode (Cargo-Kult um die Heilige Schrift), der die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute davon abhielt, den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft), und damit allgemeinen Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und den Weltfrieden zu verwirklichen.

    http://www.anww.de

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