Kleider machen Meute

Ich finde es traurig, dass durch die Piraten eine Kleiderdebatte schwelt, die an Niveau kaum zu unterbieten ist. Was soll das? Haben wir den Hauptmann von Köpenick nicht gelesen und ein bisschen kritisches Denken gegenüber textiler Verpackung entwickelt? Glauben wir ernsthaft, es würde ein Argument besser oder schlechter machen, weil das Haar blond, braun oder pink ist? Glauben wir ernsthaft, dass nur Männer im Jackett verantwortlich denken und handeln können? (Eine Position, die angesichts der vorherrschenden Kleidung in den Parlamenten und angesichts der permanenten Krise, durch zu wenige empirische Fakten zu untermauern wäre.)

Nein, glauben wir natürlich nicht. Wir glauben ja auch nicht, dass der Hersteller des Anzugs – sei es Angelo Litrico, sei es Armani – über den Zugang zu einem Job, das Geschlechtsteil über den Zugang zu besseren Jobs, die Haarfarbe über die Intelligenz, die sexuelle Präferenz über die zugeteilten Menschenrechte entscheiden sollten. Das wären ja alles Gesten, mittels derer wir uns den eigentlichen Fragen und Argumenten entziehen könnten, und wer will schon derjenige sein, der in einer der schlimmsten Staats- und Gesellschaftskrisen langer Zeit die Sachthemen aufgibt und wieder über T-Shirts, Turnschuhe und Haarfarben redet? Ich jedenfalls nichts.

Andererseits… Andererseits könnte es ja natürlich sein, dass die hirnzerfräsende Dämlichkeit, die Argumente durch Aussehen ersetzt, uns erst in den ganzen Schlamassel geführt hat. Wer Behauptungen auf schönen Powerpoint-Folien vorgetragen von adretten Lobbyisten eher glaubt, als einem sachlichen Argument, der glaubt auch, dass Steuersenkunden Staatshaushalte sanieren oder Jobs entstehen, wenn man die Arbeitslosen nur lange genug demütigt. Wäre das so – und es ist ja zum Glück völlig offensichtlich, dass diese Denke weder unter Rot/Grün noch unter Schwarz/Gelb geherrscht hat, nicht wahr? – wäre das so, dann wäre der Politikbetrieb längst zu einer ästhetischen Simulation mittels vorbereiteter Reden, kuhhandeliger Hinterzimmerbeschlüsse und betäubenden Neusprechs verkommen und man müsste die Fassade, dass man wirklich Verantwortung in Tun und Handeln für Volk und Staat übernehme, auch durch strikte Kleiderordnungen aufrecht erhalten.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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