Ein kleines Negerlein

Mich nervt die Diskussion um die Rassismen in gewissen Kinderbüchern: Nachdem der Verlag angekündigt hatte, die Texte behutsam zu modernisieren, keifen sich an jeder Ecke Bewahrer und Reformer teils polemisch, teils noch polemischer gegenseitig an, ohne auch nur drei Minuten mit einer gedanklichen Reflexion zuzubringen. Natürlich ist es richtig, dass eine Mehrheit nicht entscheiden darf, wann sich eine Minderheit diskriminiert fühlt. Es ist auch richtig, dass Wörter wie „Neger“ auch in Kinderbüchern Rassimen darstellen und es ist auch richtig, dass es durchaus problematisch ist, Kindern diese Texte vorzulesen, solange sie nicht reif genug sind, um die sprachhistorische Erklärung zu verstehen. Ja, in Gottes Namen, Ihr Reformer, Ihr habt Recht… naja und Eure Haltung widert micht an. Ebenso furchtbar finde ich die Argumente der Bewahrer, unter die sich mal wieder das ganze Gesindel aus der „Political correctness geht schon viel zu weit!“-Gezeterecke mischt. Furchtbar! Kann man denn keinen kritischen Kommentar gegen einige Auswüchse der Reformecke machen, ohne dass einem gleich irgendwelche Maskulinisten, Rassisten oder andere Spinner hinterher laufen?

Dabei ist es doch so einfach: Sind Bücher Konsumgüter wie Pudding? Oder sind sie Kulturgüter?

Sind Bücher Konsumgüter wie Pudding, für den es völlig selbstverständlich ist, dass wir schädliche Substanzen in ihm nicht dulden, dann müssen Rassismen und Sexismen aus ihnen – gerade aus Kinderbüchern – getilgt werden. Dann sind Bücher aber auch nur noch etwas, was im harten Sinne konsumiert wird, etwas, was als unterhaltsamer Sprachstrom möglichst widerstandslos, am besten mit Bildchen illustriert, durch unsere Sinne in unsere Köpfe fließt, um uns zu erbauen, zu unterhalten, zu zerstreuen. Und dann gilt das, was schon für Pudding gilt: Wir mögen keine Klümpchen, keine Bitterkeit und keine unangenehmen Nebenfolgen des übermäßigen Konsums. Pudding soll uns den leichten Moment süßen Geschmacks ohne Reue geben. Bücher zu konsumieren, sich im Theater zu langweilen oder Hollywood im Kino zu finanzieren sind dann genau das gleiche wie der übliche postcinematische Besuch bei McDoof: stromlinienförmig, reproduzierbar, widerstandslos, standardisiert. An einem Wort kann man sich verletzen, ebenso wie an einem Knochensplitter im Burger. Deswegen muss alles sauber lektoriert, gemahlen, gefiltert und strengstens qualitätskontrolliert werden. Und dann muss auch der „Neger“ aus einem Kinderbuch verschwinden: Denn wer möchte schon, dass sein Kind mit gefährlichem Spielzeug umgeht? Das Kinderbuch möge dann bitte ein Kinderpudding sein: süß, gesund und gedankenlos verteil- und verkonsumierbar.

Oder aber Bücher sind Kulturgüter: Dann sind sie eingefrorene Zeit, die Kanten haben, auf uns überkommen sind, zerkratzt sind und gealtert sind. Es sind dann alte Bücher, alte Filme, alte Weine, die ihren Entstehungskontext überlebt haben, vielleicht schwierig, vielleicht unverständlich sind und erst über eine Reflexion der heutigen Kultur in ihrem notwendigen Verhältnis zu vergangener Kultur wieder lebendig gemacht werden müssen. Dann gibt es kein entspanntes Lesen an ruhigen Sonntagnachmittagen mehr, denn auf jeder Seite könnte ein Anstoß genommen werden (und auch Tumulte in Theatern sind viel zu selten geworden). Das Buch als Kulturgut ist nicht schön. Es ist notwendig anstößig, widerständig, klumpig. Es entspricht nicht mehr dem heutigen Standard, einem state of the art, sondern es fordert heraus. Damit meine ich keine intellektuelle Anstrengung eines Buchs über höhere Mathematik, sondern es fordert aus dem Lesesessel heraus. Wann habt Ihr das letzte Mal eine Lektüre oder einen Film unterbrochen und musstest sofort darüber diskutieren? Wie oft redet Ihr bei McDoof über die Überraschung beim Biss in einen unbekannten Burger? Und wie oft probiert Ihr etwas neues? Als ob die nordchinesische Küche für unsere Gaumen ohne Irritation verkonsumierbar wäre! Die Überraschung duldet keine Gedankenlosigkeit.

Was sind Bücher? Konsum- oder Kulturgüter?

Was wollt Ihr aus Kindern machen? Konsumenten? Wirklich nicht mehr? Wenn doch, dann müsst Ihr Ihnen den Anstoß zumuten.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Ein kleines Negerlein

  1. Es darf für mich gerne beides geben. Ein Kinderbuch für Kleinkinder, das Kindern ja die Sprache und damit auch die Freude am Wort beibringen soll, ist für mich auf jeden Fall ein Konsumgut. Ab einem gewissen Punkt in der Entwicklung des Kindes und der dazugehörenden Literatur, der mit Sicherheit mehr eine Zone als ein Punkt ist, geht es aber in Kulturgut über. Ich bin daher tatsächlich dafür, bei moderner Kinderliteratur „Neger“ zu streichen. Die Bestrebungen aus Huckleberry Finn ähnliche Begriffe durch „Sklave“ zu ersetzen finde ich dagegen nicht nur hochgradig sinnverfälschend sondern auch hochgradig grenzdebil.

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