Der Dicke trinkt Gintonic

Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit ich schon damit verbracht habe, mir von Ärzten immer wieder die gleichen Vorträge anzuhören. Für dicke Menschen gehört es in Deutschland nämlich zum Ritual eines Arztbesuchs, sich Vorhaltungen anzuhören, bevor es möglich ist, über die tatsächlichen Beschwerden zu sprechen. Aber selbst dann wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gewicht ins Feld geführt, da es nämlich niemals unerheblich oder gar Symptom, sondern immer nur Ursache der Beschwerden sein kann.

Ich habe seit einiger Zeit das Problem, dass ich viel zu viel schlafe, ständig müde bin und nicht selten eine regelrechte Muskelschwäche wahrnehme. Bekanntlich gibt es für diese Symptome viele mögliche Ursachen und so habe ich mich mit meinem Hausarzt zusammen auf die Suche begeben. Letzte Woche war es dann soweit, dass sich in einer mir bis dahin fremden Gemeinschaftspraxis von Fachärzt*innen vorstellig wurde, unter anderem um eine Beteiligung der Nebennieren auszuschließen. Es war meinen Unterlagen leicht anzusehen, dass ich in diesem Zusammenhang schon einige Zeit unterwegs gewesen war und verschiedene Tests und Behandlungsversuche schon hatte über mich ergehen lassen. Das hielt die Fachärztin freilich nicht davon ab, noch einmal bei Adam und Eva anzufangen, mir etwas von Diätplänen und Energiebilanzen zu erzählen, eine Ernährungsberatung zu empfehlen (es wäre wohl die fünfte!), mir zu den Weight Watchers zu raten und mir schließlich Vorhaltungen über meinen Alkoholkonsum zu machen.

Nun trinke ich nicht sonderlich viel. Sicher, mal schlage auch ich über die Stränge, mal feiere ich ausgelassen und mal experimentiere ich mit dem ein oder anderen Cocktail herum, aber dazwischen gibt es auch immer wieder mehrwöchige Phasen, in denen ich gar keinen Alkohol trinke und ihn auch nicht vermisse. Alkohol ist sicher keine Ursache für mein Gewichtsproblem. Mir wurde dennoch attestiert, dass es ja wohl doch viel zu viel sei, was ich so in mich hinein schüttete. Mir haben Ärzte schon vorgeworfen, ich würde zu viel trinken, als ich noch überhaupt gar keine alkoholischen Getränke (auch keinen Wein) für mich entdeckt hatte. Nun, dieser Fachärztin ging es wenigstens diesmal nicht um die Menge an Alkohol (ein böses Kohlenhydrat, wie sie sich zu erklären beeilte), sondern um die Energiebilanz. Die sei ja schon bei Wein unglaublich schlecht. Sie fragte mich schließlich, ob ich zuckerhaltige Getränke zu mir nehmen würde. Ich verneinte, denn tatsächlich trinke ich tagsüber, sieht man einmal von leicht gesüßtem Kaffee oder Tee und einer gelegentlichen Coke Zero ab, nur Wasser oder maximal Apfelschorle. Hier hatte ich allerdings die Rechnung ohne Frau Doktor gemacht: Sie triumphierte, als hätte sie mich mit heruntergelassenen Hosen beim Lügen erwischt und verwies auf Gintonic, zu dem ich eine gewisse Zuneigung tatsächlich zuvor eingeräumt hatte. Tonic sei sehr wohl ein zuckerhaltiges Getränk, dozierte sie, und der Gin erst! Beides gehöre nicht auf meinen Speiseplan. Nun will ich nicht behaupten, dass Gintonic ein besonders gesundes Getränk wäre, aber mit etwa 200 kcal pro Glas müsste ich schon einiges trinken, um mein Gewicht erklären zu können. Hierauf verwies ich allerdings nicht, sondern wandte vielleicht etwas ungeschickt ein, ich wolle ja nun auch einmal mit Freunden ausgehen und feiern. Das dürfe ich doch, parierte sie, aber dann solle ich mir noch Salat bestellen und Wasser trinken. Nun, irgendwann hatte ich auch dieses Spiel auch mit dieser Fachärztin durchgespielt und wir konnten endlich daran gehen, objektive Untersuchungsmethoden in Angriff zu nehmen.

Diese Episode ist symptomatisch: Es scheint fast, dass derjenige, der dick ist, kein Recht hat, sich zu vergnügen. Der dicke Körper ist der obszöne, maßlose Körper. Moralisch geboten ist, ausschließlich zwischen Fahrrad und Salatbar – natürlich mit selbst gemachtem Dressing, worauf sie mich auch tatsächlich hingewiesen hatte – zu pendeln und zu akzeptieren, dass die festen und flüssigen Vergnügen dünner Menschen mir verboten sind. Das Problem hört freilich nicht bei Gaumenfreuden und bloßer Ernährung auf, sondern betrifft sogar noch Knochenstruktur, psychische Gesundheit und Schmerzen. Ich habe einen krummen Rücken, der vermutlich jedem früher oder später Probleme machen würde und der mich fast immer freundlich in Ruhe lässt, bekomme aber im seltenen Schmerzensfall als erstes erklärt, ich solle mein Gewicht reduzieren. Als ich einmal umgeknickt war und mir der Fuß anschwoll und weh tat, interessierte den Orthopäden: mein Gewicht… die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber es ist müßig. Es ist ein Ritual und Rituale müssen gepflegt werden. Morgen geht es zu einer Blutentnahme – also auf ein Neues!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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2 Kommentare zu Der Dicke trinkt Gintonic

  1. Wer dick ist, hat mehr Energie zu sich genommen, als er verbraucht hat. Wer unter seinem Dicksein leidet, hat nur eine Wahl: Weniger Energie zu sich nehmen, als er verbraucht. Also entweder weniger essen oder sich mehr bewegen oder beides. Das sind die ebenso harten wie einfachen Gesetze der Natur.
    Und nach einer erfolgreich absolvierten Diät empfiehlt es sich, diese fortzusetzen, um nicht wieder zuzunehmen.
    Scheiße, nicht wahr?

  2. Kai Denker sagt:

    Du kannst schon lesen, oder?

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