Große Männer, große Helden, große Nerds

Geschichte dient der Produktion von Legitimation. Das weiß jede, und der Spruch, dass Sieger(!) die Geschichte schrieben, ist ein alter Gemeinplatz geworden. Geschichte ist das Werkzeug für all die kommunikativen Systeme, die ihre Legitimation auch auf der Input-Seite pflegen wollen: Wer einen Anspruch begründen möchte, zeigt am besten, dass gerade dieser Anspruch schon immer bestandt, geschickterweise bereits seit mindestens der Jungsteinzeit. “Ich war zuerst hier” – Das Handtuch auf der Liege der Geschichte.

Weniger bekannt ist die Rolle der Form der Geschichte, also die Art, in der Geschichte geschrieben und repräsentiert wird. In der akademischen Geschichtswissenschaft hat man sich über den beschränkten Nutzen der Ereignisgeschichte, die eben vorallem (und zwar nur als “relevant” erachtete) Ereignisse filtert, datiert und verzeichnet, längst verständigt und die Ausweitung der Methoden und Perspektiven in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen akzeptiert. Man untersucht Quellen – auch solche, die zuvor schwerlich als relevant gelten konnten – nun auch auf Mentalitäten, Redeweisen, wirtschaftliche und finanzielle Verhältnisse, Ideen, Zeichen-, Zeit- und Raumregime, Umwelteinflüsse, Emotionen, Werte, Techniken, Alltagskulturen, besonders schlicht Aussagen…, um nur ein paar wenige und unsortierte Eckpunkte zu nennen. Diese Ausweitung des Blicks in der Geschichtswissenschaft bedingte eine Verschiebung, die der in der Schule vermittelten Intuition über das, was Historiker*innen tun, zuwiderläuft.

Es geht nicht mehr einfach um Ereignisse und kaum noch um Personen, sondern um Formationen, Strukturen, kollektive Prozesse und ihre Phänomene. Niemand käme heute mehr ernsthaft auf die Idee, den Aufstieg des Faschismus beispielsweise dem angeblichen Charisma eines gewissen Postkartenmalers zuzuschreiben, ohne die gesamte ideologische, propagandistische, organisatorische, … Architektur mitsamt ihrer äußeren Bedingungen von Unterstützernetzwerken über bestehende ideologische Anknüpfungspunkte bis hin zum politischen System der Weimarer Republik ausgiebig zu würdigen. Selbst das gefällige Reden, die Weimarer Demokratie sei nicht stabil genug gewesen, so dass jemand wie Hitler…, ist grobes Geschwätz und erklärt rein gar nichts. Deutlich wird dies vielleich an Guido Knopps Reihe “Hitlers Helfer”: Die Chance, eben jenen weiten Blick einzunehmen, wird dort regelmäßig vertan, wenn die “Helfer” doch nur wieder einzelne Personen sind, die von ihrem Kontext abgelöst scheinend doch nur in all ihren Handlungen wieder auf Hitler zulaufen. Man mag zugestehen, dass diese Kammerdienerperspektive den dramaturgischen Anforderungen des Mediums geschuldet ist, ohne dies deswegen schon für eine besonders moderne Herangehensweise zu halten.

Nach dieser Vorrede wieder zurück zur Rolle der Form: Legitimation wird nicht nur durch den Inhalt der Geschichte produziert, sondern auch durch ihre Form. Sobald es um kollektive, überindividuelle Prozesse geht, verliert die flache Geschichte “großer Männer” und “geschichtsträchtiger Ereignisse” ihren Reiz. Überhaupt lässt sich Geschichte dann nicht mehr anhand einzelner Namen treiben, wie es die schulische Intuition so oft nahelegt.

Das ist spätestens dort ein Problem, wo jenseits kritisch-wissenschaftlicher Zusammenhänge historische Forschung betrieben wird, etwa in den Selbsterzählungen von Verbänden und Bewegungen. Solange man sich selbst in einer Tradition von großen Männern und ihren großen Taten sieht, verliert man den Blick für die Bedeutung systemischer oder struktureller Effekte: Auch Wau Holland hat einfach gemacht (Wer macht, hat ja angeblich in diesen Kreisen Recht) und musste sich nicht mit Kritik am strukturellen Sexismus in der ganzen Szene beschäftigen (was vermutlich nicht einmal stimmt).

Man wünscht sich, wenn man dagegen beklagt, dass irgendwelche “SJWs” nun auch noch den CCC zerstören wollten, weil sie sich um strukturellen Mumpitz und Mikroaggressionen bekümmerten, den Worten nach den alten Zustand zurück, in dem es diese Kritik nicht gegeben haben soll, sondern in dem man noch gemeinsam an coolen Sachen gearbeitet habe. TUWAT.TXT statt SAGWAT.TXT. Tatsächlich, also jenseits der Worte, wünscht man sich nicht den damaligen Zustand, sondern das Bild der gegenwärtigen Erzählung, die von Siegern geschrieben, gefiltert und von denen, die nicht herausgeworfen oder hinausgeekelt wurden, weitererzählt wurde (survivor bias). Liefert die gegenwärtige Erzählung aber männlich Heldengeschichten großer Nerds, in denen strukturelle Effekte nicht vorkommen, lässt sich strukturelle Kritik nicht an jene Erzählung anschließen. Die Kritik scheint damit immer nur von Außen zu kommen, was erlaubt, die Kritiker*innen für fremd zu erklären. Geschichte, ja überhaupt alle Selbsterzählungen wirken nicht bloß legitimierend, sondern, da sie eine Differenz ziehen, immer auch delegitimierend, kurz: ein beliebiges System stabilisierend, in dem nur noch das Anschlussfähige vernünftig erscheint, so dass die Differenz von System und Umwelt fortgeschrieben wird. Das gilt auch für den CCC und Konsorten.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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