Weitgehend ausgeprägt…

Nachdem die Frankfurter Buchmesse unter peinlichem Journalismusversagen allzu vieler Medien im Namen irgendeiner Debatte gewisse „neu-rechte“ Positionen normalisieren half, liest man heute in der neuen APuZ (42-43/2017, 16. Oktober 2017) einen Artikel des Hamburger Historikers Volker Weiß unter dem Titel „Faschisten von heute? »Neue Rechte« und ideologische Traditionen“. Der ganze Text, auch wenn ich nicht allen Bewertungen zustimmen würde, lohnt, wie vielleicht schon zwei Zitate zeigen:

Weitgehend ausgeprägt ist die faschistische Form bei den sogenannten Identitären. Sie wurden aus dem Umfeld der Zeitschrift „Sezession“ nach dem Vorbild des französischen Bloc identitaire aufgebaut und stehen inzwischen besonders unter dem Einfluss von österreichischen Kadern wie Martin Sellner. Dieser ist zugleich Autor der „Sezession“ und hat eine einschlägige Vergangenheit: Er sammelte seine ersten politischen Erfahrungen im Kreis um den österreichischen Neonazi Gottfried Küssel. [S. 7]

Sowie:

In diesem Sinne [gemeint ist die Verbindung zum Denken des italienischen Faschismus –KD] kann vor allem der harte Kern um das IfS [Institut für Staatspolitik] durchaus in der Tradition des Faschismus gesehen werden. [S. 9]

Wem hatte die Buchmesse da noch gleich eine Bühne gegeben? Waren das nicht der genannte Martin Sellner, der Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik Götz Kubitschek, der ebendort über „Reproduktionsstrategien“ referierte Björn Höcke und die sich zur Identitären Bewegung zählende und in Kubitscheks Verlag veröffentlichende Caroline Sommerfeld?

Es drängt sich doch die Idee auf, man sollte der Buchmesse die APuZ empfehlen – das wäre sicher ein spannender und interessanter Beitrag zur… Debatte.

Veröffentlicht unter Faschismus | Schreib einen Kommentar

Vielleicht ist der Kampf vorbei

Vielleicht ist es an der Zeit, zuzugeben, dass wir den Kampf gegen den Faschismus bereits wieder verloren haben. Damit ist freilich nicht gesagt, dass wir bereits in einer faschistischen Gesellschaft leben, also einer Gesellschaft, in der der Faschismus jeden Winkel besetzt hat und noch den Staat übernommen hat, um ihn, wie Deleuze sagt, zum Selbstmord zu treiben. Das bedeutet aber auch nicht, dass der Faschismus noch nicht da ist, denn schließlich wurde auch die deutsche Gesellschaft nicht erst Ende Januar 1933 faschisiert, sondern war es in erheblichen Teilen bereits vorher, sonst hätte man den Postkartenmaler gar nicht erst ins Amt befördert. Die Übernahme der Regierungsgewalt ist schließlich nicht der Beginn eines gesellschaftlichen Prozesses, sondern allenfalls einer ihrer Höhepunkte.

Wenn ich also frage, ob wir den Kampf bereits verloren haben, dann ist damit gemeint, ob bereits ein Prozess stattfindet, der unweigerlich zu einer erneuten Machtübernahme der Faschisten führen wird, wobei wir allenfalls noch kleinere Verzögerungen oder minimalste Korrekturen erreichen könnten, die für das, was uns dann bevorsteht, keine Rolle mehr spielen werden. Wer vom Dach eines Hochhauses springt, ist auch nicht tot, bevor er unten aufschlägt, kann noch im Fall sich aber bereits über die Unausweichlichkeit dieses Schicksals im Klaren sein.

Woran könnte man sehen, dass dieser unaufhaltsam Prozess zum Faschismus bereits im Gange ist und wir einen „Point of No Return“ erreicht und überschritten haben? Ein deutliches Kriterium wäre vielleicht, ob wir noch in der Lage sind, auf die vielen kleinen Schritte, die am Ende zum Faschismus führen werden, Einfluss zu nehmen. Der Faschismus kommt nicht mit einem Knall, sondern er schleicht sich langsam an, wie etwas, was in vielen kleinen Schritten vergiftet, vielleicht wie ein Krebs, der mit einer Zelle beginnt, die sich immer weiter teilt.

Wenn wir dieses Kriterium akzeptieren, dann sind wir bereits verloren: Offenbar funktioniert keines der politischen, rechtlichen, moralischen oder zivilgesellschaftlichen Sicherungssysteme, von denen wir uns nach 1945 eingeredet haben, sie würden einen zweiten Faschismus in Deutschland verhindern können. Der Einwand, dass der Faschismus eben noch nicht so radikal geworden sei, dass die Sicherungsmechanismen etwa des Grundgesetzes, um einmal sehr weit zu gehen, bereits eine Rolle spielen müssten, übersieht, dass auch diese Mechanismen ihrerseits Voraussetzungen haben, die durch die Ausbreitung des Faschismus erodieren. Abstrakt könnte man dies vielleicht am Problem der Auslegung von Regeln sehen, da das Auslegen von Regeln seinerseits auf Regeln verweist, so dass letztlich auch rechtlich definierte Grenzen des Sagbaren oder des Machbaren nur durch eine Auslegung auf den Einzelfall hin zu konkretisieren sind, was dabei seinerseits auf Regeln verweisen muss, die kein Teil des Rechts sind. Konkreter könnte man vielleicht ein Bundesland wie Sachsen nehmen, in dem vielleicht auf dem Papier alles mit rechten Dingen zugeht, unzähligen Pressemeldungen nach in der Praxis aber nicht. Nicht ohne Grund fragt man: Warum immer wieder Sachsen? Diese Frage kann nur der stellen, der glaubt, dass es mit der Verrechtlichung getan sei.

Die rechtlichen Sicherungsmechanismen gegen den Faschismus kommen also zu spät, was solange zu entschuldigen ist, wie andere Mechanismen in ihrem Vorfeld die Erosion ihrer Voraussetzungen verhindern. Das Recht besteht schließlich nur an seiner Oberfläche aus Normen, ist darunter aber das Resultat eines nur deskriptiv zu verstehenden Normierungsprozesses, an dessen Bruchstellen noch etwas wie ein Rechtsempfinden der Bevölkerung, also eine Deskription par excellence, durchscheint. Wer es noch deutlicher haben möchte, schaue in Urteilen des Verfassungsgerichts nach dem Begriff des gesellschaftlichen Wandels.

Hier stoßen wir, nebenbei bemerkt, auf einen Effekt, der überraschenderweise bisher übersehen wurde: Wenn die rechtlichen Sicherungsmechanismen gegen den Faschismus nämlich immer zu spät kommen, dass andere Sicherungsmechanismen vorher eingreifen müssen, um die Erosion der Voraussetzungen der rechtlichen Sicherungsmechanismen zu verhindern, so dürfen die anderen Sicherungsmechanismen nicht nach dem Bild der rechtlichen Sicherungsmechanismen ausgelegt werden. Wenn es beispielsweise die Aufgabe einer öffentlichen Moral ist, faschistische Hetzreden etwa durch soziale Exklusion zu sanktionieren, also noch bevor diese als Volksverhetzung strafbar werden, dann kann die Straflosigkeit einer faschistischen Hetzrede kein Argument gegen eine moralische Empörung gegen sie sein. Schränkt man nämlich die anderen Sicherungsmechanismen auf die Reichweite der rechtlichen Sicherungsmechanismen ein, gestattet man die moralische Sanktion also im Beispiel nur dort, wo die rechtliche Sanktion bereits eintritt, schneidet man jenen die Rolle ab, die Erosion der rechtlichen Sicherungsmechanismen zu verhindern. Politische, moralische und zivilgesellschaftliche Sicherungsmechanismen müssen aber, wie gesehen, über die rechtlichen Sicherungsmechanismen hinausgehen und ihnen zuvorkommen, um ihre Rolle erfüllen zu können. Damit spielt jeder, der das Recht zum alleinigen Kriterium gegen eine faschistische Hetzrede macht, den Faschisten in die Hände.

Damit haben wir also vielleicht ein abstraktes Kriterium, um festzustellen, ob wir den Faschismus noch verhindern können, und wir haben einen möglichen Aspekt einer Erklärung, warum bestimmte Mechanismen, also solche jenseits der rechtlichen Sicherungsmechanismen gegen den Faschismus, augenscheinlich nicht mehr funktionieren. Wir sollten aber noch konkret machen, dass diese Sicherungsmechanismen jenseits des Rechts nicht mehr funktionieren: Das deutlichste ist vielleicht die Wahnvorstellung, man müsse mit Nazis reden. Man müsse ihnen eine Bühne, eine Plattform geben, den Dialog suchen, sich ihre Argumente anhören, ja, ihre Sorgen ernst nehmen und um sie als vernünftige Menschen kämpfen. Dass dies auf abstrakter Ebene bereits ein Fehler ist, da der Dialog mit Faschisten niemals symmetrisch sein kann, habe ich an anderer Stelle diskutiert. Hier soll es noch darauf ankommen, an die vielen Plattformen zu erinnern, die den Faschisten gegeben werden, während sämtliche moralische Empörung gegen die Faschisten und gegen die, die ihnen die Bühne bereiten, zurückgewiesen wird. Dass die Faschisten auf der Frankfurter Buchmesse ein Klassentreffen machen konnten, ist einzig die Verantwortung derer, die die Frankfurter Buchmesse ausrichten und die im Vorfeld sich auf die Meinungsfreiheit beriefen, also die moralische Empörung mittels Verweis auf das Recht zurückwiesen. Dass es aber letztlich zu Gewalt führt, wenn man mit Faschisten einen Dialog führen möchte, das hätte man auch vorher wissen können. Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse wollten es wohl noch einmal deutlich aufs Brot geschmiert bekommen: Das Ergebnis des Dialogs mit Faschisten ist deren Monolog und dieser ist am Ende immer gewalttätig.

Es ist nicht nur eine Institution wie die Buchmesse, die den Faschisten damit in die Hände spielt, sondern es sind auch die Journalisten, die Reden, denen früher blanke Empörung entgegengeschlagen wäre, immer wieder Fläche geben, aber dabei so tun, als handele es sich nur um einen weiteren Standpunkt, der in irgend einer Art von Symmetrie neben anderen, nicht-faschistischen Standpunkten vorzutragen und abzuwägen sei – zumindest sofern wir uns einmal an die bequeme, aber irreführende und falsche Fiktion halten wollen, in derartigen Formaten eine Abwägung zu sehen. Es ist aber nicht nur die Mode einiger Journalisten, immer wieder die Faschisten einzuladen und sie ausgiebig zu Wort kommen zu lassen, als sei es selbstverständlich, dass Faschisten Teil des politischen Meinungskampfes sind, sondern es sind auch die Journalisten, die durch eigenes Schreiben oder durch Duldung derartig einseitiger Darstellungen zugunsten der Faschisten diesen so sehr den Boden bereiten, dass man darin längst einen Fall für den Presse- und Rundfunkrat sehen möchte. So veröffentlichte beispielsweise der Deutschlandfunk Kultur mit Blick auf die Frankfurter Buchmesse einen Text, der dem Stil und der Ausgewogenheit nach problemlos in einer Nazi-Postille hätte erscheinen können.

Mehr noch: Es sind nicht nur die Journalisten, die in ihrer Aufgabe völlig versagen, was in Anbetracht der Macht der Medien als Filter für Nachrichten zweifelsohne eine Katastrophe ist, sondern es sind auch die vielen kleinen Momente, in denen ganz einfache Bürger, betrunken vom Glauben an das bessere Argument und benebelt von der Illusion einer Symmetrie zwischen Faschismus und Nicht-Faschismus, denen, die gegen den Faschismus sprechen, in den Rücken fallen und noch den Opfern des Faschismus selbst eine Schuld an eben diesem geben wollen. Wir gelangen dann nicht nur zu einigermaßen bizarren Aktionen, in denen wir allen ernstes nett zu Faschisten sein sollen, sondern auch die Kritik daran, dass den Faschisten überhaupt eine Plattform gegeben wird, wird als eine Beleidigung (übrigens der Journalisten und manchmal auch der Faschisten selbst) ausgelegt, während die Faschisten und ihre Freunde nicht nur unbehelligt, sondern auch noch unter Applaus weitermachen dürfen. Kurz: Offensichtlich dringt die Empörung gegen den Faschismus bereits auf mikroskopischer Ebene nicht mehr durch. So können auch Anhänger der meines Erachtens offensichtlich faschistischen, da sich beispielsweise auf Julius Evola berufenden „Identitären Bewegung“ ohne Widerstand und ohne Kritik auftreten und nicht-faschistische Bürger beschimpfen. Man stelle sich einmal vor, 2002 hätte jemand im Rundfunk so getan, als ob der Faschismus bloß eine weitere Meinung sei.

Es ist also naiv, anzunehmen, man könnte den Faschismus noch verhindern, wenn bereits die kleinen einfachen Sicherungsmechanismen gegen den Faschismus auf mikroskopischer Ebene, etwa in einzelnen kleinen Gesprächen, bereits versagen und es bereits nicht einmal mehr möglich ist, einem Gegenüber, das zwar darauf besteht kein Faschist zu sein, wenigstens noch ein grundsätzliches und auch nur halbwegs ernst gemeintes Bekenntnis gegen den Faschismus abzuringen. Die Behauptung, man sei kein Nazi, aber … ist gerade kein solches Bekenntnis – im Gegenteil.

Wo sind die kleinen, mikroskopischen Siege gegen den Faschismus, an denen sich die Behauptung, man könne seinen Sieg noch verhindern, rechtfertigen lassen? Wo ist man in den letzten Jahren gegenüber dem Faschismus nicht zurückgewichen? Wo gab es mehr als einen allenfalls symbolischen Sieg? Wo hat ein „Bis hierher und nicht weiter!“ oder ein „Wehret den Anfängen!“ stattgefunden und gehalten? Sicher, es gibt all die vielen kleinen Ecken und Zonen in einer Gesellschaft, die noch nicht faschisiert sind, aber sind sie es vielleicht nur deshalb nicht, weil die Faschisten es dort noch nicht ernsthaft versucht haben? Es ist schwerlich ein Argument gegen die Gefährlichkeit unserer Situation, dass irgendeine traditionell linke Organisation noch nicht dem Faschismus zum Opfer gefallen ist.

Was also tun? Wenn die Diagnose, die ich hier in einigen groben Zügen vorgetragen habe, stimmt, verbleiben drei Möglichkeiten: Erstens könnten wir neue Mittel gegen den Faschismus finden, die noch wirken, was aber allenfalls Glück wäre. Und nur ein Narr würde sich in höchster Gefahr auf sein Glück verlassen. Zweitens könnten wir darauf setzen, dass auch der Faschismus von heute nur eine Mode ist, die sich bald müde laufen wird. Das wäre aber allenfalls naiv, gerade da durch die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien die Protagonisten der faschistischen Szene nun auf Jahre hinaus staatlich und damit fürstlich alimentiert werden und also ihre Aktionen noch ausdehnen können. Oder drittens könnten wir zugeben, dass wir versagt haben und uns einen Fluchtplan überlegen. Denn man soll nicht vergessen, dass uns diesmal die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und all die anderen Staaten, die bei dieser Aufzählung so gerne vergessen werden, wohl nicht von Faschismus befreien werden – und selbst wenn: Als das, was 1945 noch Deutschland war, von Faschismus „befreit“ wurde, waren nur noch die übrig, die die Faschisten nicht umgebracht hatten.

Veröffentlicht unter Faschismus | Schreib einen Kommentar

Notiz zur Frankfurter Buchmesse 2017

Vom Dialog mit Faschisten zum Monolog der Faschisten ist es nur ein winziger Schritt.

Veröffentlicht unter Faschismus | Schreib einen Kommentar

Deutschlandfunk Kultur scheint auf dem rechten Auge blind

Ich habe mir erlaubt, die folgende E-Mail an das Deutschlandradio zu schicken:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich muss sagen, ich wundere mich: Sie haben mich gerade auf Facebook von der Seite von Deutschlandfunk Kultur gesperrt, nachdem ich einen Artikel, in dem sie Rechtsextremisten und ihre Taten auf der Frankfurter Buchmesse verharmlost, ja unterschlagen haben, kritisiert habe. Gleichzeitig haben sie Beleidigungen von AfD-Mitarbeitern gegen meine Person – beispielsweise wegen meines Körpergewichts [siehe Bild] – stehen lassen. Da Sie einerseits es nicht für nötig erachtet haben, Gewalt gegen Bürger, darunter auch Stadtverordnete aus Frankfurt, zu kritisieren, aber andererseits Angriffe seitens AfD-Mitarbeitern weit unter der Gürtellinie offenbar für unproblematisch halten, kann ich daraus nur mit großem Schrecken und Widerwillen schließen, dass der Deutschlandfunk Kultur sich nun dazu entschieden hat, das Geschäft der Rechtsextremisten zu erledigen. Schließlich nennen Sie im besagten Artikel ohne weitere Einordnung Besucher der Frankfurter Buchmesse, die Beschimpfungen gegen angebliche Linke kommentiert haben, in einem undistanziert wiedergegebenen Zitat „Linksextremisten“, behaupten, es habe seitens rechtsextremistischer Verlage Gesprächsangebote gegenüber den Linken gegeben, erwähnen aber mit keinem Wort die von den Anhängern dieser rechtsextremistischen Verlage ausgehende Gewalt gegen Verleger, Stadtverordnete, Journalisten und andere Besucher der Frankfurter Buchmesse. Wenn Sie sich davon beleidigt fühlen, dass ich geschrieben habe, dass Sie sich für diesen Artikel schämen sollten, dann tut es mir sehr leid, aber ich kann davon nichts zurücknehmen: Denn Sie sollten sich dafür schämen, dass Sie einen so einseitigen Artikel, der auch noch Gewalt unterschlägt, veröffentlicht haben. Dass Sie einen Bürger, der dies kritisiert, sperren, während sie Angriffe auf dessen Person stehen lassen, sagt sehr viel über Sie aus und leider muss ich Ihnen für den Fall, dass Sie nicht wissen, was es über Sie aussagt, mitteilen, dass es nichts Gutes ist. – Möglicherweise handelt es sich aber auch um ein Missverständnis, sie führen ein Gespräch mit dem Mitarbeiter, der Ihre Facebook-Seite betreut hat, entsperren mich dort wieder und gehen zu einer differenzierten Berichterstattung über die von Rechtsextremisten auf der Frankfurter Buchmesse verübte Gewalt über. Schließlich sind wir alle Menschen und so ist es durchaus möglich, dass wir Fehler machen. Es gilt aber: Wer einen Fehler begeht, ihn aber nicht korrigiert, der begeht einen zweiten. Ich würde mich freuen, wenn Sie keine zweiten Fehler begehen würden.

Ich erlaube mir, diese E-Mail zu veröffentlichen.

Da ich Deutschlandfunk Kultur immer sehr gerne gehört habe, verbleibe ich trotz dieses ausgesprochen unerfreulichen Ereignisses mit freundlichen Grüßen,

Kai Denker

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Schreib einen Kommentar

Faschisten

Eine faschistische Partei im Deutschen Bundestag ist eine Schande.

Veröffentlicht unter Faschismus, Politik | Schreib einen Kommentar

Nur Wählen reicht nicht

Geht wählen und entscheidet möglichst nach Inhalten, notfalls mittels Wahl-O-Mat, aber vergesst nicht: Es reicht nicht, einfach nur zur Wahl zu gehen, um den Faschisten zu schaden. Ihr müsst …

  1. … auch gültig wählen, damit die Schwelle steigt, ab der eine Partei 5% der Stimmen hat. Ungültige Stimmen zählen nicht zu dieser Schwelle hinzu. Einfaches Beispiel: Wählen insgesamt 101 Leute und wählt einer davon ungültig, aber fünf davon die AfD, kommt die AfD rein. Wählt jener nicht ungültig, sondern irgendeine andere Partei als die AfD, kommt die AfD nicht rein.
  2. … eine Partei wählen¹, die ziemlich sicher über 5% kommt. Das ist nach der reinen Lehre der Demokratie freilich blöd, klar, aber da die AfD laut Umfragen ziemlich sicher reinkommt, senkt eine gültige Stimme für eine Partei, die unter 5% landet, die Zahl der Stimmen, die nötig sind, um einen Sitz im Bundestag zu erobern. Die Sitze im Bundestag werden bekanntlich nur unter den Parteien, die einziehen dürfen, verteilt. Beispiel: Das hat bei der letzten Bundestagswahl dazu geführt, dass die CDU mit 41,5% der Stimmen 311 von 631 Sitzen bekommen hat, 311 von 631 sind aber ca. 49,3% der Sitze im Bundestag. Da man Ausgleichsmandate eingeführt hat, liegt das nicht an den Überhangmandaten. Nebenbei: Je mehr Parteien unter 5% landen, desto niedriger ist der Zweitstimmenanteil, den eine Partei einfahren muss, um auf die absolute Mehrheit zu kommen.

(¹ Mit der Zweitstimme natürlich.)

Klar soweit?

Veröffentlicht unter Politik | Schreib einen Kommentar

Wahlverhalten

Ich habe etwas Schreckliches getan! Ich habe ungültig gewählt! Schock!

Allerdings nicht bei der Bundestagswahl, wo jeder, der ungültig wählt, billigend das Erstarken faschistischer Kräfte in Kauf nimmt, sondern bei der Sozialwahl meiner Krankenkasse.

Wieso?

Ich hatte mir vorgenommen, ein simples Kriterium zu nehmen, um die Listen in „wählbar“ und „unwählbar“ zu sortieren. Erst danach wollte ich weitere Fragen nach deren „Programm“ stellen. Dieses Kriterium lautete jedenfalls, ob die Liste Betrugsmaschen wie Homöopathie ablehnt. Lehnt sie es ab, ist sie grundsätzlich wählbar. In allen anderen Fällen ist sie es nicht.

Das klingt nach einem leichten Kriterium – allerdings war es ziemlich schwierig, teils völlig unmöglich, klare Ansagen von diesen Listen, die dort zu Wahl antreten, zu bekommen. Einige haben unumwunden zugegeben, dass sie „alternative Heilmethoden“ toll finden und waren damit sofort raus – ärgerlich, dass es ausgerechnet gewerkschaftsnahe Listen waren.

Andere haben online zu dieser Frage keine Stellung genommen und dann auch meine Frage per E-Mail nicht beantwortet, so dass es keine einzige Liste in die Rubrik „wählbar“ geschafft hat. Und so wurde es ungültig – was ich noch immer besser finde, als gar nicht zu wählen, aber dennoch höchst unbefriedigend.

Bei der Bundestagswahl gehe ich artig gültig und gegen den Faschismus wählen – und Ihr bitte auch, gell?

Veröffentlicht unter Politik, Wayne-Blogging | Schreib einen Kommentar

Molekularer Bürgerkrieg: Keine „plumpe“ Fälschung

Nicht wissend, ob Weidel diese wirre und dem Inhalt nach eindeutig faschistische E-Mail geschrieben hat, bleibt freilich statt der Attribution, die andere mit anderen Mitteln vielleicht vornehmen könnten, gerade nur die begriffliche Analyse übrig: Könnte diese E-Mail eine Fälschung sein, wie die AfD in einer geradezu panisch erscheinenden Vorwärtsverteidigung behauptet? (Vgl. die taz, die noch andere Gründe anführt, wieso die E-Mail echt sein könnte.)

Nun, „könnte vielleicht“, wenn es auch nicht sonderlich wahrscheinlich wäre, da sie gut, aber nicht allzu perfekt in das Bild anderer E-Mails und Chat-Nachrichten, die von dieser Partei bekannt wurden, passt. Wieso sollte jemand so etwas fälschen, wo doch schon so viel analoger Müll aus dieser Partei bekannt geworden ist? Wieso auf einen Haufen scheißen, der schon so groß ist? Man fälscht ja auch Hitler-Tagebücher und nicht den Einkaufszettel von Anneliese Meier.

Sicher ist es aber keine „plumpe Fälschung“, wie die Partei behauptete, sondern wenn es eine Fälschung ist, was mich doch sehr überraschen würde, dann ist es einerseits eine überaus gute Fälschung: Gerade die Rede vom „molekularen Bürgerkrieg“, die ich hier ausführlich analysiert habe, greift einen unter Rechtsradikalen und Rechtsextremisten beliebten Topos auf. Die Fälschung könnte dann nur von jemandem stammen, der sich in rechtsradikalen und rechtsextremen Diskursfeldern sehr gut auskennt.

Wer sich aber andererseits so gut auskennt, hätte vielleicht eine wirksamere Fälschung hergestellt, die ein jüngeres Datum trägt oder auf mehr Insiderwissen aus der AfD setzt, das einem solchen Experten sicher bekannt wäre. Wenn man schon einen solchen extremen, da durch und durch faschistischen Text fälschen wollen würde, wieso fälschte man ihn dann nicht auf eine Weise, die wirksamer wäre als eine vier Jahre alte E-Mail, zu der sich in den wirren Reichsbürgerkreisen, zu denen die E-Mail überaus deutlich passt, leicht irgendeine bescheuerte Verschwörungstheorie stricken lässt?

Wissend, dass das sowieso getan wird – und zwar auch dann, wenn Weidel selbst die Echtheit der E-Mail bestätigen sollte –, könnte man auch einfach noch einen drauf legen, ohne etwas zu verlieren. – Und wieso zur Hölle sollte jemand eine E-Mail mit kaputten Umlauten fälschen?

Veröffentlicht unter Faschismus | Schreib einen Kommentar

Lust am molekularen Bürgerkrieg

TL/DR: Ich weiß nicht, ob Weidel diese E-Mail geschrieben hat, aber wer auch immer diese E-Mail geschrieben hat, ist ein Faschist; nicht proto- oder halb-, sondern ganz und gar faschistisch! Diese E-Mail als „rassistisch“ zu bezeichnen, ist eine Verharmlosung. Für „Wehret den Anfängen“ ist es zu spät.

Die Deutschen haben es sich bequem gemacht, was die Frage angeht, wie man Faschisten erkennt. Durch unzählige Geschichtsdokumentationen wissen die Deutschen genau, dass man einen Faschisten am Zweifingerbart erkennen kann. Klügere Zeitgenossen wissen hingegen, dass die Sprache schon lange vor den Vernichtungslagern Hinweise auf den Faschismus und seine protofaschistischen Vorformen liefert. Nicht zufällig darf bis heute Victor Klemperers LTI in keinem besseren Bücherregal fehlen. Sprachkritik ist eine der antifaschistischsten Denkübungen überhaupt: Es gilt denen, die mit Hetze, Hass und Lust an Gewalt flirten, gründlich aufs Maul zu schauen. Diese Aufgabe beginnt freilich damit, seltsamen Formulierungen nachzugehen, die dem ungeübten Auge allenfalls als wunderlich oder als Fehlleistung erscheinen. Wie kaum für einen anderen Politiker der AfD wurde dies für Bernd herausgestellt, dessen Gefasel von der „organischen Marktwirtschaft“ bereits alle Alarmglocken bei den geübten Sprachkritiker_innen schrillen lässt. Über eine ähnliche und sogar noch wunderlichere Formulierung konnten wir uns jüngst dank einer E-Mail wundern, die mutmaßlich von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel 2013 verfasst wurde: Es ist nicht die schwachsinnige, da reichsbürgerhafte Rede von den „Marionetten der Siegermaechte[sic]“, sondern eine spezifische, eher subtile, aber lustvolle Referenz auf Gewalt. Die Aufgabe dieser „Schweine“, womit die mutmaßliche Autorin offenbar die deutschen Regierungen meint, sei es nämlich …

… das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen. (Quelle 1; Quelle 2)

Warum sollte die mutmaßliche Autorin Bürgerkriege „molekular“ nennen? Im eigentlichen Wortsinn können Bürgerkriege nicht „molekular“ sein. Es ist also offenbar irgendeine Form von Metapher. Nun sind Neuschöpfungen von Metaphern selten, sodass es sich lohnt zu fragen, ob die mutmaßliche Autorin Formulierung übernommen hat und wenn ja, woher. Die von ihr in der mutmaßlichen E-Mail verlinkte Webseite, die offensichtlich dem Denken der Reichsbürger zumindest nahe steht, liefert diese Formulierung jedenfalls nicht, zumindest nicht in dieser Form: Dass der Bürgerkrieg zwangsläufig kommen soll, behauptet diese Seite nämlich sehr wohl und weiß in den Flüchtlingen auch die Schuldigen auszumachen. Woher stammt also die Kombination von „Bürgerkrieg“ und „molekular“? – Die Frage ist nicht trivial: Ihre Antwort gibt uns einen Hinweis darauf, was die Autorin gelesen hat; mehr noch: Sie gibt uns einen Hinweis auf das ganze „Denkuniversum“ der Autorin. In diesem Fall ist die Antwort recht eindeutig, wie sie sich zeigen wird.

Ausblicke auf den Bürgerkrieg

Die Wendung taucht im Deutschen offenbar zum ersten Mal 1981 in einer Besprechung Carl von Linnés Nemesis Divina auf, die Hans Magnus Enzensberger für den Spiegel anlässlich deren Übersetzung ins Deutsche verfasst hat. Hier beschreibt Enzensberger einen paranoiden Linné, der sich der Zwangsvorstellung einer göttlichen Vergeltung angesichts gesellschaftlicher Unordnung – etwa durch korrupte Beamte – hingibt, eine Symmetrie zwischen Schuld und Vergeltung sucht und vielleicht seinen eigenen Sadismus nach außen projiziert. Das klingt nach einer schönen Quelle für die Wendung vom molekularen Bürgerkrieg, aber offenbar findet sich diese Wendung nicht bei Linné, sondern wurde von Enzensberger zur Charakterisierung der Akte von Rachsucht und Brutalität, in denen nach Enzensberger „nach Herzenslust gerädert, geköpft und gevierteilt“ wurde, von woanders her genommen. Bevor ich auf einen entsprechenden Verdacht eingehen möchte, lohnt es sich vielleicht, die Wendung bei Enzensberger selbst noch ein Stück zu verfolgen. Dieser hatte nämlich 1993 ebenfalls im Spiegel „Ausblicke auf den Bürgerkrieg“ gewagt, die sein hier mangels Verfügbarkeit nicht berücksichtigtes Buch Aussichten auf den Bürgerkrieg flankierten.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund des Jugoslawienkriegs diskutiert Enzensberger den Aufstieg des Bürgerkriegs zur dominierenden Form des bewaffneten Konflikts nach dem Ende des Kalten Krieges. Nicht nur seien die Bürgerkriege aber zu einem Signum der neuen Weltunordnung geworden, so Enzensberger, sie unterschieden sich auch von den alten großen Bürgerkriegen, die noch von staatlichen Mächten angezettelt worden seien: Die heutigen Bürgerkriege, so schreibt er 1993, schienen sich spontan und von innen heraus zu entzünden. Auch sei es zu einer Selbsttäuschung geworden, Bürgerkriege nur in großer Entfernung von uns zu verorten:

In Wirklichkeit ist der Bürgerkrieg längst in die Metropolen eingewandert. Seine Metastasen gehören zum Alltag der großen Städte, nicht nur in Lima und Johannesburg, in Bombay und Rio, sondern auch in Paris und Berlin, in Detroit und Birmingham, in Mailand und Hamburg. Geführt wird er nicht nur von Terroristen und Geheimdiensten, Mafiosi und Skinheads, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarzen Sheriffs, sondern auch von unauffälligen Bürgern, die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln. Wie in den afrikanischen Kriegen werden diese Mutanten immer jünger. (Ebd., 171)

Wer vermutet, dass Enzensberger hier eine Art der Paranoia beschreibt, liegt richtig, denn wir dürften uns nicht vormachen, es herrsche Frieden, so Enzensberger weiter, wenn wir Brötchen holen könnten, ohne dabei von Heckenschützen erschossen, „abgeknallt“ zu werden wie Enzensberger sagt. „Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozeß.“ Dass die Barbarei in der Aufklärung noch angelegt ist, gehört spätestens seit der Dialektik der Aufklärung zu den Allgemeinplätzen unseres Denkens. Versuchen wir also nicht, diese Dialektik zu verfolgen, sondern bleiben bei der Paranoia. „Begonnen wird er (der Bürgerkrieg – KD) stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen.“ Enzensberger zeichnet große Linien vom Berliner Autonomen bis zum Dschungelkrieger in Kambodscha, was aber keine bloße Panikmache sei, da es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sei: „Das ist, zum einen, der autistische Charakter der Täter und, zum anderen, ihre Unfähigkeit, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden. In den Bürgerkriegen der Gegenwart ist jede Legitimation verdampft. Gewalt hat sich von allen ideologischen Begründungen befreit.“ Dieser gemeinsame Nenner wirkt auf den ersten Blick zu abstrakt, um derartige weitgreifende Linien zu rechtfertigen. Es lohnt sich aber, die Abstraktion auszuhalten, die jenseits der Paranoia den Begriff entleert, diesseits aber zu einem interessanten Untersuchungsgegenstand macht. Zunächst sollten wir festhalten, wen Enzensberger als unsere eigenen (deutschen) Teilnehmer am molekularen Bürgerkrieg ausmacht, womit auch die Abstraktion als notwendig ausgewiesen ist:

Man nennt sie Rechtsradikale oder Neonazis; damit glaubt man zu wissen, was von ihnen zu halten ist. Aber auch hier ist die Ideologie bloße Maskerade. Der jugendliche Mörder, der Jagd auf Wehrlose macht, gibt, nach seinen Motiven gefragt, folgende Auskünfte: ‚Ich habe mir nichts dabei gedacht.‘ ‚Mir war langweilig.‘ ‚Die Ausländer waren mir irgendwie unangenehm.‘ Das genügt. Vom Nationalsozialismus weiß er nichts. Die Geschichte interessiert ihn nicht. […] ‚Deutschtum‘ ist ein Slogan ohne jeden Inhalt, der nur dazu dient, die Leerstellen im Gehirn zu besetzen. (Ebd.)

Nur ein Dummkopf würde hier „ich wusste es!“ aufschreien und verkünden, schon Enzensberger habe gewusst, dass es sich bei der AfD nicht um Faschisten handeln kann. Die analytische Präzision, die zur Einordnung dieser Stelle erforderlich ist, ist nicht sehr hoch, dürfte aber die meisten überfordern. Was Enzensberger beschreibt ist im Falle des molekularen Bürgerkriegs eine ideologische Entleerung, die eine nackte Lust an der Gewalt freilegt, die sich anschließend, nachdem sie sich in Gewalt aktualisiert hat, in einem geradezu postmodernen Zeichen- und Maskenspiel ex post als wahlweise Rassismus oder Behindertenfreundlichkeit oder sonst wie rationalisieren lässt. Dabei handelt es sich dann aber keineswegs, um eine Konkretisierung, sondern bloß um eine weitere Abstraktion: Dass diese Begriffe nämlich vollkommen ungeeignet sind, das Phänomen zu beschreiben, erkennt man leicht daran, dass mit ihnen Merkmale der tatsächlich beliebig gewählten Opfer zu Merkmalen der Motivationslage der Täter umcodiert werden. Die so weit von uns freigelegte Stärke des Begriffs des „molekularen Bürgerkriegs“ besteht darin, dass er die Gewaltbereitschaft und noch die Gewalt selbst abstrakt als eine Aktualisierung einer latent vorhandenen Gewaltlust zu deuten erlaubt. Dies ist freilich seine scheinbar offensichtlichste Schwäche, da er es erlaubt, konkrete politische Prozesse weitgehend auszublenden. Es handelt sich freilich um eine harmlose Schwäche, der mit intellektueller Disziplin zu begegnen ist, indem nämlich diese Frage trotzdem immer wieder aufgeworfen wird. Zuvor dürfen wir aber uns eine Pointe des Begriffs nicht entgehen lassen: Gerade da die Aktualisierung der Gewaltlust von Ideologie befreit ist, findet sich hier ein Medium, welches in bester Metapolitik faschistisch rekrutiert werden kann, sofern es gelingt, sich von der Abstraktion zu lösen. Weiß der Täter nämlich nichts vom Nationalsozialismus und interessiert ihn Geschichte nicht, so lässt sich ihm das alte faschistische Denken in identitärer Verpackung neu einflößen und aus dem dummen Schläger ein fröhlicher Soldat für das kommende Vierte Reich formen. Entsprechend ist es ein Irrtum, Radikalisierung schlicht dort zu sehen, wo jemand gewalttätig zu werden droht. Ich glaube, stattdessen sollten wir zugeben, dass die Gewalt auch hier meist das Ältere ist und, da wir wieder einfach zugesehen haben, von den neuen Faschisten für die eigenen Zwecke vereinnahmt werden konnte. Nicht umsonst haben wir immer wieder gesehen, dass Terroristen bereits zuvor eine unideologische Geschichte der Gewalt hatten. Wer hierbei an die Banalität des Bösen denkt, liegt richtig. Erst durchdringt der Hass und damit die Lust an der Gewalt „alle Poren des täglichen Lebens“ (Arendt?), bevor beide sich anlässlich irgendeines belanglosen Unterschieds lebensgefährlich entladen. Dies ist der endogene Prozess des molekularen Bürgerkriegs. Und wer statt an Arendt jetzt an Deleuze und Guattari denkt, liegt auch richtig. Aber ich muss auch hierfür noch für einen Moment um Geduld bitten. Es lohnt sich, den Begriff des „molekularen Bürgerkriegs“ noch ein Stück weiter zu verfolgen:

Nicht radikal genug

Enzensberger hat ihn neben dem Beitrag zum Spiegel von 1993 noch in einem Buch aus dem selben Jahr aufgegriffen, dass mir gerade leider nicht zur Verfügung steht, auf das sich aber ein gewisser Felix Menzel bezieht – seines Zeichens eine Schlüsselfigur der rechtsextremen Identitären Bewegung in Deutschland, wenn man der Wikipedia glaubt –, wenn er in einer Publikationsorgan namens Blaue Narzisse, auf das ich aus Gründen der Hygiene hier nicht verlinken werde, im Februar 2011 von westlichen Großstädten, in denen laut ihm mehrheitlich Ausländer leben, schreibt: „Es hört sich wie ein Horrorszenario an, das aber bereits Realität ist. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum niemand in der Stadt aufbegehrt und warum das Pulverfaß nicht hochgeht?“ Menzel ist auf der Suche nach Anzeichen für „[s]tumme Kriegserklärungen, die jeder erfahrene Städter versteht und deshalb verschwindet“, wenn er auf einem „beliebte[n] intellektuelle[n] Ansatz, das Wesen der Überfremdung in europäischen Großstädten zu erfassen,“ zu sprechen kommt und wenig überraschend eine „Steilvorlage“ im molekularen Bürgerkrieg des Hans Magnus Enzensberger findet, den wir gerade besichtigt haben. Aus dessen Buch zitiert Menzel:

Der Anfang ist unblutig, die Indizien sind harmlos. Der molekulare Bürgerkrieg beginnt unmerklich, ohne allgemeine Mobilmachung. Allmählich mehrt sich der Müll am Straßenrand. Im Park häufen sich Spritzen und zerbrochene Bierflaschen. An den Wänden tauchen überall monotone Graffiti auf, deren einzige Botschaft der Autismus ist: sie beschwören ein Ich, das nicht mehr vorhanden ist. Im Schulzimmer werden die Möbel zertrümmert, in den Vorgärten stinkt es nach Scheiße und Urin. Es handelt sich um winzige, stumme Kriegserklärungen, die der erfahrene Städtebewohner zu deuten weiß.

Menzel deutet den molekularen Bürgerkrieg hier als einen „Indikator für Verfallserscheinungen“ und behauptet zugleich keine „vorschnelle Interpretation“ vorzunehmen, die „die Realität zu verschleiern“ drohe. Nun ist mir nicht bekannt, wo Menzel Begriffsarbeit gelernt hat, aber ich hoffe, dass er nichts dafür bezahlen musste, wenn er uns wissen lässt, dass das „Konstrukt“ des molekularen Bürgerkriegs (er meint wohl: Begriff) „rein auf die Wirklichkeit ausgerichtet ist und mit dem zunächst Phänomene wertfrei einzuordnen sind“. Aber das soll uns nicht weiter stören, denn er macht ja sofort einen Nachteil dieses „Konstruktes“ aus: Der Begriff liefert ihm nämlich zu wenig Möglichkeiten, Gewalt in Chemnitz von Gewalt in einem Ausländergetto in Rotterdam zu unterscheiden. Dieses angebliche Ausländer Getto in Rotterdam wird sodann für Menzel zu einem Phantasma, in dem „wöchentlich mehrere polygame Ehen … geschlossen werden.“ Natürlich nach dem Recht der Scharia. Schneiden wir die halberotisierenden Fantasien über das Fremde, die für rechte Autoren erstaunlich typisch sind, großzügig weg und versuchen Menzels Verwendung des Begriffs des molekularen Bürgerkriegs herauszuarbeiten: Menzel bemerkt richtig, dass für Enzensberger der molekulare Bürgerkrieg sich dadurch auszeichnet, dass die Lust an der Gewalt von jeder Ideologie entkleidet ist. Kurz, ihm ist der Begriff offenbar nicht radikal genug:

Der molekulare Bürgerkrieg ist eine romantische Vorstellung. Er tut niemandem entscheidend weh – am wenigsten dem Intellektuellen, der ihn entwirft. In diesem Konstrukt ist die Sehnsucht angelegt, das Pulverfaß der Überfremdung möge doch bald einmal platzen. Die Lage dagegen ist eine andere: Die Fremden richten sich in entortenden Verortungen ein, pflegen ihre Religion und ihre Überzeugungen – so gut es eben in einer für sie fremden Welt geht. Sie bauen Institutionen und eine Gegenkultur auf, die von der Dekadenz des Westens zwar beeinflußt wird, aber immer noch um ein Vielfaches vitaler ist als die gegenwärtigen Kulturleistungen der Europäer.

Menzels Empörung ist unübersehbar. Und er verzeiht es Enzensberger offenbar nicht, dass dessen Begriff nicht die Brutalität liefert, die Menzel sich wünscht. Wir können aus seinem Beitrag einiges lernen: Erstens erfahren wir, dass der Begriff sehr wohl Karriere gemacht hat und zwar in rechten Kreisen. Tatsächlich lassen sich hier und da entsprechende Diskussionen in Bezug auf Enzensberger in rechtsradikalen und rechtsextremen Foren finden. Die Recherche bleibt der Leser_in zur Übung überlassen! (Bitte eine Spucktüte zur Hand nehmen.) Zweitens, dass der Begriff gerne in einer Rede gegen den Islam eingesetzt wird, wozu er sich, wie Menzel richtig bemerkt, nicht eignet, zumal Enzensberger zumindest für Deutschland gerade die Neonazis als Begriffspersonen ausgemacht hatte. Drittens lernen wir, dass die Identitäre Bewegung – zumindest in der Gestalt Menzels – es gerne noch radikaler hätte, also darüber trauert, dass in diesem „Konstrukt“ die Sehnsucht nach Gewalt nur angelegt ist, aber über eine romantische Vorstellung nicht hinauskommt. Entscheidend ist hier nebenbei bemerkt, dass Menzel im Islam gerade kein Latenzphänomen sieht, wie es für eine Instantiierung des „molekularen Bürgerkriegs“ erforderlich wäre, sondern letztlich eine aus seiner Sicht natürlich abzulehnende Alternative zur eigenen Sehnsucht nach einer die „Dekadenz des Westens“ beseitigenden „Kulturleistung“. An anderer Stelle könnte dies Anlass zu einer Beschäftigung mit Carl Schmitt liefern, womit sich zeigen ließe, dass die Autoritätsliebe der Identitären dem radikalen Islamismus (nicht: dem Islam) nahe steht, während beide in ihrer Ablehnung der liberalen Gesellschaften übereinkommen, diese also beiden als absoluter Feind dient.

Vera Lengsfeld will auch

Bevor wir kurz zu Deleuze und Guattari und dann noch einmal zu mutmaßlichen Autorin kommen, lohnt es sich vielleicht, auf einen Text von Vera Lengsfeld einzugehen: Erst im März 2017, also nach der hier zu untersuchenden E-Mail und höchstwahrscheinlich ohne Kenntnis derselben, greift sie den Begriff des „molekularen Bürgerkriegs“ auf, zitiert den Titel des Buches von Enzensberger falsch und datiert es auch noch auf ein Jahr zu spät. Ähnlich präzise charakterisiert sie den Begriff des molekularen Bürgerkriegs mit konsequent falscher Interpunktion und ohne korrektes Zitieren. Tatsächlich wäre ihr Text deutlich zu dumm und verdiente keinerlei Aufmerksamkeit, wenn er nicht an einer entscheidenden Stelle symptomatisch wäre:

Die Aggressionen richten sich gegen Wehrlose. Die Täter, fast ausschließlich junge Männer, hacken wahllos auf Menschen ein, schubsen sie auf Gleise oder walzen sie mit einem Lastkraftwagen nieder. Inzwischen ist das eine fast alltägliche Meldung bei uns geworden. Enzensberger stellt ausdrücklich auch die ideologische Substanz des islamistischen Fundamentalismus infrage, der mit der historischen Hochreligion nichts zu tun habe. … Damit trachten sie (die Islamisten – KD), allen überflüssigen Menschen an die Gurgel zu gehen. Überflüssig ist, wer keine Waffe besitzt. (Quelle)

Dies ist das Symptom: Wo Enzensberger noch die Neonazis als Begriffspersonen ausmachte und wo ein Identitärer die fehlende Radikalität des Begriffs beklagte, wird der sich aus einer Vielzahl von Gründen fragwürdige Begriff Enzensbergers unbeschadet etwaiger Referenzen auf den Islam bei ihm selbst zu einem pseudointellektuellen Anlass zur billigsten Hetze gegen den Islam vulgarisiert – freilich nicht ohne die üblichen Topoi der Rechten zu bedienen (Lengsfeld: „Die Medien spielen eine verhängnisvolle Rolle, weil ihre Berichterstattung den Bürgerkrieg fördert.“) und die eigene Lust an der Gewaltfantasie herauszustellen: „Vor der Aggression liegt die Phase der Resignation, die wir im Augenblick erleben. Je deutlicher die Anzeichen für einen heißen Bürgerkrieg werden, desto stiller wird es im Land. Es scheint aber nicht die Stille vor dem (Protest-)Sturm, sondern die Stille vor dem Schuss zu sein.“ (Ebd.) Wo Lengsfeld noch kommentarlos und vielleicht unabsichtlich an einer Stelle Enzenbergers ursprünglichen Hinweis auf rechtsextreme Schläger mitzitiert, verdummt ein anonymer Schmierfink auf einer Webseite, die sich explizit dem Islamhass widmet, den Begriff noch weiter und dreht die Gewaltlustspirale vom Molekularen ernsthaft auf das Atomare: „Ich wäre mir da nicht ganz so sicher, dass es stets bei diesen ‚molekularen‘ Bürgerkriegen bleibt, ich könnte mir nämlich auch sehr gut vorstellen, dass daraus ein atomarer Flächenbrand werden könnte“ – auch hier aus hygienischen Gründen kein Link.

Deleuze und Guattari

Kommen wir zu Deleuze und Guattari: Der gerade zitierte Verweis auf das Atomare zeigt, wie wenig die Rede vom Molekularen selbst von den Rechten verstanden wurde und wird. Ich hatte sie oben zwar bereits als eine Art Latenzphänomen charakterisiert, möchte sie nun aber noch einmal gründlicher in den Blick nehmen, um die Faschismustheorie, die Deleuze und Guattari in den Tausend Plateaus abgelegt haben und zu der ich schon seit Jahren etwas schreiben möchte, wenigstens in aller Kürze anzureißen. Dort geben sich Deleuze und Guattari nämlich nicht der bequemen Illusion hin, der Faschismus komme als ein vollständig entwickeltes totalitäres Makrosystem über uns, sondern sie versuchen zu zeigen, wie sich der Faschismus aus Mikro-Faschismen entwickelt, die sich in den winzigsten Löchern, Nischen, vielleicht Poren des alltäglichen Lebens festsetzen können (TP, 292), sodass es sehr wohl möglich ist, auf makroskopischer Ebene, d. h. molarer Ebene, sogar noch ein Antifaschist zu sein, aber auf mikroskopischer, also molekularer Ebene einen Faschismus zu pflegen, der noch das eigene Begehren, die Lust, die Sehnsucht besetzt und in eine zerstörerische Kraft verwandelt, die dazu treibt die eigene Unterdrückung zu wünschen. Es ist diese mikroskopische, molekulare Besetzung, die den Faschismus für Deleuze und Guattari auszeichnet: „Der Faschismus wird durch seine mikro-politische oder molekulare Macht gefährlich, denn er ist eine Massenbewegung: eher ein krebsbefallener Körper als ein totalitärer Organismus.“ (TP, 293) Der Makro-Faschismus kristallisiert sich aus den Mikro-Faschismen heraus. (TP, 311) Und hier finden beide ein Paradox des Faschismus, durch das er sich vom Totalitarismus unterscheiden lässt: Wo der Totalitarismus eine Angelegenheit des Staates ist, also vom Staat ausgeht, entwickelt sich der Faschismus gewissermaßen von unten nach oben, sodass der Faschismus existiert lange bevor er sich den Staat einverleiben kann: (TP, 314)

Diese Verkehrung der Fluchtlinie [hier: eine Art Abstraktions- und Konkretisierungsprozess – KD] in eine Destruktionslinie belebte schon alle molekularen Unruheherde des Faschismus und ließ sie eher in einer Kriegsmaschine zusammenwirken als Resonanz in einem Staatsapparat finden. Eine Kriegsmaschine, deren einziges Ziel der Krieg war und die eher dazu bereit war, ihre eigenen Diener zu vernichten, als der Zerstörung Einhalt zu gebieten. Gegenüber dieser Gefahr sind alle Gefahren der anderen Linien nur gering. (TP, 316)

Die Kriegsmaschine ist präzise nichts anderes als die Aktualisierung der latenten Gewaltlust, die Enzensberger durch den molekularen Bürgerkrieg zu markieren suchte. Auch er beschrieb nichts anderes als eine eher erratische als organisierte Gewalt, für die Ideologie zunächst eine bloße Maskerade ist, die sich aber – so können wir jetzt sehen – für den Faschismus jederzeit vereinnahmen lässt, wodurch er gerade kristallisiert. Das, was uns an der Oberfläche vielleicht als ein Rassismus entgegentritt, der eine deutsche Politikerin „entsorgen“ möchte oder von einer „organischen Marktwirtschaft“ ohne alle Freiräume träumt, ist gerade nichts anderes als das Sprachspiel, in dem diese Kristallisierung stattfindet. Noch einmal: Was Bernd und die anderen von sich geben, ist nicht der Faschismus selbst oder ein Zeichen des Faschismus, sondern das Sprachspiel, dass den Faschismus aus dem Molekularen heraus erschafft. Wäre das Molekulare nicht bereits verheert und von Hass trunken gemacht, fände diese Hetze keinerlei Resonanzboden. Es ist dabei völlig unerheblich für den Faschismus, wer der Feind ist, solange sich der Feind in einer bestimmten Form als Feind markieren lässt, wie es mit im Fall des Antisemitismus jederzeit möglich ist und was uns wieder auf das Problem führt, was erst im Zusammenhang mit Carl Schmitt zu untersuchen sein wird.

Diese E-Mail

Entscheidend ist an dieser Stelle, die Form des Übergangs vom Molekularen zum Molaren. Was die mutmaßliche Autorin tut und zwar nicht nur in dieser E-Mail, ist der Versuch die Mikro-Faschismen, die im Molekularen bereits angelegt sind, zueinander in eine Resonanz zu bringen, indem sie deren quasi beliebiges Feinddenken auf einen Brennpunkt hin ausrichtet: die „Ueberfremdung“. Es ist gerade doch der Kummer dieses Identitären gewesen, dass der Begriff vom molekularen Bürgerkrieg die Gewaltlust auf Mikroebene zu beschreiben vermochte, es aber nicht leistete, diese Gewaltlust auf seinen Feind zu fokussieren. Das hält hingegen die Faschisten nicht davon ab, diese Fokussierung gewissermaßen manuell vorzunehmen, indem sie den Begriff vulgarisieren, wozu sie ständig wiederholen, dass es eigentlich um den Islam ginge, der – wie gesehen – bei Enzensberger 1993 eine kleinere Rolle spielte als die rechtsextremistischen Schläger. Dieses Sprachspiel ist Begriffspolitik vom Feinsten: Man nimmt einen mehr oder minder funktionierenden Begriff, der ein Phänomen beschreibt, dass man sich zunutze machen möchte, und konnotiert ihn so um, dass der gewünschte Zweck in ihn eingeschrieben wird. Dies gelingt nicht durch Argumente, sondern nur durch beständige Wiederholung. Und diese Wiederholung ist es dann schließlich, die eine scheinbare Wahrheit produziert, die in einer perversen Form von Vernunft den Faschismus als Antwort erscheinen lässt. – Werfen wir vielleicht noch mal einen Blick auf die mutmaßliche E-Mail:

Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden. Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen.

Hier finden wir genau das wieder, was wir gerade herauszuarbeiten vermochten: Das Projekt einer Refokussierung der Gewaltlust und zwar weg von beliebigen Opfern hin zu präzise ausgemachten Feinden: Angebliche Fremde und eine angeblich verfassungsfeindliche Regierung. Dass diese den „molekularen Bürgerkrieg“ (begriffswidrig) „induzieren“ wollten, ist freilich nichts als der Versuch davon abzulenken, dass die Autorin den Rahm einer von ihr selbst bespielten Paranoia abschöpfen möchte. Es spricht den Faschisten der AfD zu viel Macht zu, ihnen alleine die Schuld an der zunehmenden Gewaltlust in der Bevölkerung zu geben. Dieses Problem ist unendlich komplexer und sehr viel älter als die AfD. Das sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AfD alles tut, um die Gewaltlust in der Bevölkerung zu fördern. Sie tun damit etwas, was mich an etwas erinnert, was mein Professor, bei dem ich Nationalsozialismus gehört habe, immer über die Nazis sagte: Sie seien sehr gut darin gewesen, günstige Gelegenheiten für sich auszunutzen. Die gebrochenen Biografien nach der Wiedervereinigung, die Perspektivlosigkeit nach der Deindustrialisierung der neuen Bundesländer, die Entwürdigung durch Gesetze wie Hartz IV, … – All das hat neben vielem anderen zu einer latenten, aber nichtsdestoweniger höchst destruktiven Aggression beigetragen, die die AfD nun mobilisiert, um den Faschismus, den sie sich erträumt, zum Kristallisieren zu bringen. Entsprechend sind die entscheidenden Kriterien, an denen wir den Faschismus erkennen können, nicht der Zweifingerbart, sondern das Fördern, das Unterhalten, das Abschöpfen, das Fokussieren und Ideologisieren von Lust an Gewalt. Ihre Fans, kurz für: Fanatiker, sind bereits unfähig, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden. Die blutigen Träume von den Schießbefehlen an der Grenze oder der Ermordung von Politiker_innen sind daher keine Einzelfälle, sondern Wesensmerkmal der AfD. Sie dienen der Kristallisierung, die nichts anderes als die oben gesuchte Konkretisierung ist. Wir wissen alle, dass die Distanzierung von solchen Ausbrüchen zum bloßen Schein erfolgen und von denen, die an der Gewaltlust bereits besoffen sind, richtig verstanden werden. Die AfD berauscht sich hieran. Die mutmaßliche Autor_in haben wir jetzt mit den Fingern in der braunen Keksdose erwischt. Das ist sicher kein Einzelfall und es wird keine Konsequenzen haben. Dazu ist es bereits zu spät: Die TV-Auftritte sind schon gebucht.

 

Veröffentlicht unter Faschismus | 2 Kommentare

Grund- und Erfahrungssätze

TL/DR: Homöopathie ist ab der ersten Zeile dogmatisch gesetzter Betrug und Hahnemann hat es selbst zugegeben.

Es komme jemand daher und sage:

similia similibus curentur – von diesem Grundsatz geht die Homöopathie aus.“

Der Satz ist dumm genug, so dass er eigentlich keinen Widerspruch verdient. Nur leben wir nicht in dummen, sondern in dümmsten Zeiten. Wir müssen also darauf antworten, um wenigstens in einem kurzen und glücklichen Moment der Dummheit Schaden anzutun. Antworten könnten wir vielleicht so:

„Ähnliches möge durch ähnliches geheilt werden“? Ja, „curentur“, also Konjunktiv Präsens Passiv, nicht „curantur“, was der entsprechende Indikativ wäre. Die Quacksalberei schmiert es einem so deutlich aufs Brot, dass niemand die Lüge übersehen kann: Der Konjunktiv markiert hier keinen Erfahrungssatz, sondern eine zum Grundsatz aufgeblasene Annahme. Die Quacksalberei setzt also die Selektionsstrategie dogmatisch. Ein Irrsinn, den man kaum zu deutlich als verlogen und betrügerisch herausstellen kann, der als ernsthaft vorgetragene Auffassung freilich nur mit ausgiebiger Fäkalsprache angemessen gewürdigt werden könnte. – Aber langsam und in des Betrügers eigenen Worten:

Im Gegentheile hievon lag die Wahrheit, der ächte Heilweg, zu welchem ich in diesem Werke die Anleitung gebe: wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (ὅμοιον πάϑος) vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)! Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand.[1]

Nun, vermutlich hat dies bereits deshalb bisher niemand gelehrt (und danach auch nie wieder jemand, der alle Tassen im Schrank zu haben pflegte), weil es schlicht Dünnschiss ist. Der springende Punkt ist aber tatsächlich das „e“, wo ein „a“ sein müsste. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass „similia similibus curantur“ gelte, wenn man sagte, dass Ähnliches durch ähnliches geheilt würde. Dann hätte man einen prüfbaren Satz: Man wende zur Prüfung diese Selektionsstrategie („wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, …“) an und bewerte die Ergebnisse im Vergleich zu einer anderen Strategie, etwa dieser: „wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche der Erfahrung nach das Leiden sanft, schnell und dauerhaft zu heilen vermag“). Hahnemann scheißt auf die Erfahrung, ja, er lehnt die Erfahrung ab, er will feststehende Gründe, wie er selbst schreibt:

Man kurirte bisher die Krankheiten der Menschen nicht rationell, nicht nach feststehenden Gründen, sondern nach sehr verschiednen Heilzwecken, unter andern auch nach der palliativen Regel: contraria contrariis curentur.[1]

Es lohnt sich diesen Dünnschiss einmal sehr langsam zu lesen: Bisher kurierte man „nicht rationell“ und „nicht nach feststehenden Gründen“. Selbst wenn man die Behauptung, es habe eine palliative oder allopathische Regel gegeben, zugesteht, ist bereit in den ersten drei Zeilen des „Organon der rationellen Heilkunde“ das Verbrechen gegen die Heilkunde angelegt und fast schon ausgeführt: Die Gründe sollen, so der Betrüger, „rationell“ und „feststehend“ sein. Wer – wie die meisten Heilpraktiker*innen – keinerlei ernsthafte Ausbildung genossen hat, mag „rationell“ vielleicht mit viel Glück als „wirtschaftlich“ lesen, was es heute tatsächlich bedeutet. „Rationell“, also „wirtschaftlich“, bezieht sich auf den sparsamen Einsatz von Mitteln und heute insbesondere auf die Maximierung des Gewinns. Tatsächlich verspricht fast nichts eine größere Gewinnspanne, als Zucker zum 400-fachen Preis zu verscherbeln, wie es im Homöopathie-Betrug Mode ist. Es lohnt sich hingegen, das Wort hier einmal probeweise als „rational“ zu lesen, was schlicht „vernünftig“ bedeutet. Und tatsächlich können wir um 1810 die beiden Wörter noch sehr viel näher zueinander stellen. Selbst wenn nicht, kann man das Folgende genauso aus den „feststehenden Gründen“ ziehen, man muss nur – wenig rationell – einen kleinen Umweg im Denken machen. Bleiben wir aber bei „rational“ und überlassen den Umweg anderen: Bekannt ist vielleicht der Streit zwischen Rationalismus und Empirismus, zwischen der Priorisierung der Vernunfterkenntnis gegenüber den Erfahrungstatsachen im ersten Fall bzw. deren Unterordnung unter diese im zweiten Fall. Nun wäre es völlig abwegig, einem Heini wie Hahnemann eine profunde Kenntnis der Philosophie zu unterstellen, zumindest ohne dabei in wirres Kichern verfallen zu wollen, und es wäre auch für 1810 schon etwas veraltet, an einer solchen Unterscheidung im Ernst festzuhalten, aber es trifft doch dieses und es trifft es gut: Hahnemann will nicht von Erfahrungssätzen, die beschreiben, was wir in der Welt beobachtet haben, ausgehen, sondern von dogmatischen Setzungen, Gründen nämlich, die nicht mehr hinterfragt werden dürfen. Es ist keine Erfahrung, dass Ähnliches ähnliches heilt. Erfahrungswissen ist entsprechend zu verbieten, da sie den feststehenden Grund angreift und empirisch (vulgo: evidenzbasiert), also gerade nicht „rationell“ ist. Und das schreibt er tief in sein Delirium ein: „e“ statt „a“. An die Stelle der widerlegbaren Behauptung tritt die dogmatische Forderung – und bekanntlich ist die Erfahrungstatsache, dass sich der Homöopathie-Betrug auf keine Weise wissenschaftlich zu bewähren vermag, für die Anhänger*innen des Betrugs der Markel der Wissenschaft: „Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man die Wirksamkeit beweisen kann.“

Ab ovo ist die Homöopathie gegen Erfahrung, gegen Lernen, gegen Wissen (im alten wie erst recht im neuen Sinne) gerichtet. Sie ist eine dogmatische Heiligenverehrung, ein Fest der Autoritätsargumente, eine narzisstische Lust am Leiden im Namen der eigenen Ideologie. Sie ist Anti-Wissenschaft im härtesten, scheußlichsten und tödlichsten Sinn.

 

Veröffentlicht unter Philosophie, Wissenschaft | Schreib einen Kommentar