Was völlig falsch ist, wird wieder wahr

Ich glaube, ich bin auf einen Argumentationstrick gestoßen, der mir bisher so nicht klar war:

Da kaum jemand beim Lesen von Texten auf den argumentativen Zusammenhang achtet, brauchst Du auch nicht zu argumentieren, sondern bloß die äußere Form des Arguments einzuhalten. Hierdurch kannst Du eine beliebige Folgerung in eine beliebige Folge von Sätzen einbinden. Willst Du nun eine politisch motivierte Behauptung (z.B. dass die Evolution eine Lüge ist) verteidigen, dann behaupte nur, dass sie aus der Folge der übrigen Sätze ableitbar ist, arrangiere aber in die übrigen Sätze einen Unsinn der folgenden Art: Der Unsinn muss der Form nach klug klingen, muss dem Laien aber völlig unverständlich sein. Der Unsinn muss so ein dermaßen bizarrer Unsinn sein, dass daran nichts wahr oder richtig ist. Er muss wirklich völlig falsch und aus fachlicher Sicht geradezu abwegig sein. Dabei behaupte beständig, dass Wissenschaftler, die Dir nicht zustimmen, dies aus ideologischen Gründen nicht tun, ja, dass sie überhaupt schlimme Ideologen sind, die die Wahrheit unterdrücken wollen. (Vielleicht kann man einen von ihnen noch sinnentstellend zitieren?) Wenn nun ein Wissenschaftler Deine Unsinns-Sätze als solche bezeichnet, werfe ihm vor, er sei ideologisch und verwerfe Deine Rede nur deshalb völlig, weil er sich nicht im einzelnen damit beschäftigen wolle. Mit etwas Glück wird der Wissenschaftler darauf sogar böse reagieren. Für das Publikum hast Du dann bewiesen, was für ein Arschloch der Wissenschaftler ist und da nur Arschlöcher die Wahrheit bezweifeln, die Du so gekonnt abgeleitet hast, muss Deine Behauptung stimmen.

Man könnte diese Methode vielleicht auch Beweis durch provokativ verkauften hirnzerfräsenden Dünnschiss nennen und sie ist in der Esoterik sehr beliebt.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
Dieser Beitrag wurde unter Alltag in der Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Was völlig falsch ist, wird wieder wahr

  1. PeterOinDO sagt:

    Hallo,

    ich war’s, der den Text ausgegraben hat, auf den sich deine Polemik bezieht. Ich hatte schon an meinem Verstand gezweifelt, als ich ihn las, aber meine Kritikfähikeit ist anscheinend noch nicht stark genug, die „Argumentationstricks“ voll zu durchschauen. Danke für die Klarstellung!

  2. Leif Czerny sagt:

    Argumentum ad auditores, fallacia non causae ut causae, argumentum ad personam. Finte.

  3. Kai Denker sagt:

    Das beschreibt nicht die systematische Verbindung der einzelnen Tricks. Auch wenn ein Bild aus Farben besteht, beschreiben die einzelnen Farben trotzdem nicht das Bild.

Kommentar verfassen