Ist die AfD eine faschistische Partei?

Ist die AfD eine faschistische Partei? Ich sage: Ja.

Wieso?

Nun, zunächst einmal ist sie natürlich keine faschistische Partei in einem streng historischen Sinne. Allerdings ist ein solcher Begriff auch so eng, dass er seinen Sinn verliert. Natürlich ist die AfD nicht die historische NSDAP, F.E.T. y de las JONS oder PNF. Die Benennung als „faschistische Partei“ muss also, soll sie sinnvoll sein, etwas anderes bedeuten, was wohl eher Form und Ziel der Partei entspricht. Es geht also nicht um Identifikation, sondern um Vergleich. Es ist aber auch klar, dass es keinen Sinn haben kann, die AfD mit der NSDAP des Jahres 1938 oder gar 1942 zu vergleichen, als sich der Nationalsozialismus auf dem Höhepunkt seiner Regimephase oder in seiner Kriegsphase befand. Die AfD ist eine eher eine politische Bewegung und so drängt sich auf, einen Vergleich zu Formen und Ziel historischer faschistischer Parteien während ihrer Bewegungsphase zu untersuchen:

Gibt es also Parallelen zur NSDAP der 1920er Jahre hinsichtlich Form und Zielen?

Ich habe weder die Zeit, noch den Platz, hier eine ausführliche, quellenkritische und methodisch abgesicherte Studie vorzulegen, möchte aber ein paar Punkte nennen, die sich aufdrängen und die eine Attribuierung der AfD als faschistisch begründen könnten. Ich kann dabei nicht behaupten, es handele sich um eine vollständige Aufzählung oder gar um eine Liste notwendiger Bedingungen, deren Konjunktion eine hinreichende Bedingung bildet. Die Liste produziert aber eine Frage: Wenn all dieses vorliegt, was fehlt dann bitte schön noch, um die AfD als faschistisch zu attribuieren?

  • Nationalismus: Die AfD versteht unter „Deutschland“ nicht das völkerrechtliche Subjekt Bundesrepublik, sondern imaginiert eine deutsche Nation, von der der Staat Legitimation empfange. Diese Nation versteht sie freilich nicht staatsbürgerlich, sondern ethnisch. Ein Volk, ein Staat…
  • Revisionismus: Die AfD bezeichnet den Nationalsozialismus als „12 Unglücksjahre“, auf die sich die Vermittlung von Geschichte an Schulen nicht konzentrieren dürfe. Nicht nur wird damit der Nationalsozialismus und die Shoa heruntergespielt. Es wird auch ignoriert, dass die Hitlerei nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern dass sie einen Kulminationspunkt einer komplexen historischen Entwicklung bildet. Das ist eine Revision von in der Forschung anerkannten historischen Tatsachen.
  • Chauvinismus ist der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Man findet ihn bei der AfD in einem solchen Übermaß, dass man sich gar nicht entscheiden kann, womit man beginnen soll. Vielleicht ein Punkt, der unter den anderen nicht noch einmal explizit wird: Die Deutschen hätten einen höheren Anspruch auf Glück und Wohlstand als die anderen Völker(!). Man sei selbst eine Partei neuen Typs gegen die alten „Systemparteien“ etc. etc.
  • Sexismus gehört zum Wesenskern der AfD: Frauen sollen in die Rolle der Heimchen am Herd (zurück)gedrängt werden, die im wesentlichen als Gebärmaschinen dem Volk dienen müssen. Zugleich wird alles bekämpft, was in irgendeiner Form der Emanzipation dient. Man denke nur an das Phantasma der „Frühsexualisierung“ oder an das Gekeife über geschlechtergerechte Sprache. Alles, was nicht cis-hetero ist, ist der AfD ein Greuel. Folgerichtig will sie auch alle Programme gegen Diskriminierung und alle Forschung hierzu einstampfen. Hier könnte man auch ihre Position zur Abtreibung einordnen. Die NSDAP hat später eine „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ eingerichtet. Frau von Storch läuft sich bereits warm, wenn sie die Organisation der lgbtiq*-feindlichen Demonstrationen in Stuttgart von ihrem Abgeordnetenbüro aus organisieren lässt.
  • Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Klasse. Die AfD möchte den Sozialstaat einseitig zuungunsten einkommensschwacher und prekär beschäftigter Schichten umbauen. Man denke nur an die irrsinnige Idee, die Arbeitslosenversicherung zu privatisieren. Gleichzeitig kreist das Denken der AfD so massiv um die Frage, was jemand für die Gesellschaft (pardon: das Volk) getan habe, dass sich hieraus leicht die Verachtung für Menschen analysieren lässt, die kein ausreichendes Einkommen selbst erwirtschaften können. Derartige Not solle, so die AfD, von der Familie aufgefangen werden, womit die ohnehin niedrige soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft massiv reduziert würde. Kurz: Die Armen sollen bitte dort bleiben, wo sie sind.
  • Rassismus ist ein breiter Begriff, der allzu oft auf Fremdenfeindlichkeit reduziert wird. Die AfD ist unübersehbar fremdenfeindlich. Entscheidender ist aber der biologistische Kern des Rassismus. Die NSDAP ergötzte sich bis in den Völkermord hinein am biologistischen Denken. Soweit ist die AfD freilich noch nicht, aber ihr beständiges Schwadronieren über Fortpflanzungsstrategien oder biologisch begründete Wesensmerkmale der Geschlechter, der Völker etc. ist bereits die richtige Voraussetzung.
  • Völkisches Denken: Freilich ist die antisemitische Komponente des historischen völkischen Denkens bei der AfD unter einem schrillen Hass auf den Islam (einer Religion wohlgemerkt, kein Volk!) überdeckt, aber dafür ist die deutschtümelnde Komponente um so deutlicher. Die AfD träumt von einem homogenen deutschen Volk, das ist identisch mit der deutschen Nation und am Ende mit dem deutschen Staat ist. Alles, was ihr nicht deutsch genug ist, ist ohnehin „Multikulti“.
  • Antimodernismus ist die Ablehnung der Modernisierung von Gesellschaften, die mit deren Heterogenisierung und Öffnung einhergeht. Gelegentlich als neuer Biedermeier verharmlost, träumt sich die AfD in ein 19. Jahrhundert zurück, das so nie stattgefunden hat, in dem aber die Welt angeblich irgendwie überschaubar war. Moderne Errungenschaften der trans- und postnationalen Staatskunst, die zumindest Europa bisher vergleichsweise erfolgreich befriedet haben, lehnt die AfD ebenso ab wie die modernen Emanzipationsbewegungen, Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung, Subkulturen, Parallelgesellschaften, abgeschlossene und offene Gemeinschaften etc. – Kurz: Alles, was Komplexität und Offenheit einer Gesellschaft erhöht, ist zu bekämpfen.
  • Kulturpolitik: Die AfD hat in ihren Wahlprogrammen deutliche Eingriffe in die Kunstfreiheit gefordert. Zwar ist nicht von entarteter Kunst die Rede, aber der Feind im kritischen Kulturbetrieb ist bereits ausgemacht.
  • Pressefreiheit? Lügenpresse! Der Umgang der AfD mit den Medien ist aggressiv, jedenfalls sofern man von einigen als freundlich ausgemachten Medien, die sich politisch am rechten Rand verorten, absieht. Für eine sogar halbwegs lustige Episode denke man an den nicht erfolgten Auftritt von Frauke Petry beim ZDF-Morgenmagazin: Erst soll sie den Termin vergessen haben, dann lag es an einem Hackerangriff, dann wieder nicht und schließlich wird die Moderatorin des Morgenmagazins als „Politaktivistin“ bezeichnet, mit der man erst gar nicht reden wolle. – Weniger lustige Episoden erfährt man bei den Journalist_innen, die körperlich angegriffen wurden. Sicher, sicher, alles verwirrte Einzeltäter. Siehe dazu unten →Gewaltphantasien.
  • Feind- und Sündenbockdenken: „die Flüchtlinge“, „die Moslems“ – noch Fragen? Es ist nicht nur einfach ein „Wir gegen die“, sondern „die“ dienen auch als Objekt, dem man die Schuld an allen realen oder imaginierten eigenen Unglücksfällen zuschreiben kann.
  • Paranoides Denken ist weiter gefasst, als das Denken in Verschwörungen, das es bei der AfD auch gibt, etwa wenn strukturell antisemitische Vorstellungen von einem internationalen Finanzkapitalismus ventiliert werden. Im paranoiden Denken wird darüber hinaus hinter allem eine Lüge oder eine Agenda vermutet. Man denke nur an die irrsinnigen Unterstellungen, die Grünen wollten irgendeine das deutsche Volk(!) abschaffende gesellschaftliche Transformation durchsetzen, die von „Masseneinwanderung“, über „Frühsexualisierung“ bis hin zum Klimawandel reicht. Zu den Sternstunden des paranoiden Denkens gehören die Einlassungen zu CO₂ in den aktuellen Programmentwürfen der AfD. Spoiler: Hinter Windrädern steckt auch so eine irrsinnige Agenda!
  • Sprachpolitik à la LTI: Wie die historischen faschistischen Bewegungen neigt auch die AfD zu Neologismen: Lügenpresse, Masseneinwanderung, Systemparteien, Frühsexualisierung, … – Sie hat zwar nicht alle diese Begriffe erfunden, zieht sie aber ganz groß auf. Eine Relektüre von Klemperers LTI wäre hier sehr erhellend. Die lingua tertii imperii, die Sprache des dritten Reiches ist überaus lebendig.
  • Ablehnung demokratischer Kompromisse: Kurz nach den letzten Landtagswahlen wurde kurz von einer möglichen Zusammenarbeit von CDU und AfD in Sachsen-Anhalt geredet. Dem Unsinn muss man hier nicht nachgehen. Die AfD tat es dennoch und betonte, dass sie eine ganz andere Politik wolle. Höcke wird nicht müde, sich die AfD als zukünftige Kanzlerpartei zu imaginieren. Die AfD will einen fundamentalen Systemwechsel und die demokratischen Rituale, zu denen auch der Kompromiss gehört, beenden. Koalitionen und Absprachen sind aber keine Störung des demokratischen Systems, sondern der Normalfall, der politische Prozesse zwar bremst, aber dadurch auch stabilisiert.
  • Gewaltphantasien: Freilich kann eine Partei in Deutschland nicht allzu plump in ihrem Parteiprogramm von Gewalt phantasieren. Die AfD deutet ihre Gewaltphantasien im Programm nur an, wenn sie das Strafrecht verschärfen möchte oder die Sicherungsverwahrung auf suchtkranke Menschen ausdehnen will. Deutlicher wird dies schon, wenn ihre Funktionselite auf der Maus ausrutscht und sich Schießbefehle wünscht. Und noch deutlicher wird dies, wenn man dem Parteifußvolk auf Facebook aufs Maul schaut. Wenn sie nämlich erstmal am Ruder sind, dann wird endlich durchgegriffen und erschossen, wie man unlängst aus Neu-Isenburg erfuhr. Sicher, sicher, das waren einzelne Wirrköpfe. Tausende einzelner Wirrköpfe, die demokratische Politiker bedrohen, Menschen verprügeln, Häuser anzünden… und das örtlich und zeitlich zu AfD-Wahlergebnissen passend. Reiner Zufall!
  • Führerkult: Ja, auch die AfD hat einen Führerkult, einen Traum vom starken Mann, der durchgreift. Zwar hat sie bewiesen, dass eine rechtsextreme Partei auch ohne charismatischen Führer (zumindest zeitweise) erfolgreich sein kann, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Höcke, Petry oder sonst jemand in die Rolle hineingewachsen ist. Bis dahin träumt man von einer engen Bindung an das Russland des Herrn Putin. Vermutlich wegen seiner Rolle als „starker Mann“ und weniger aufgrund der niedrigen Lebenserwartung in Russland.

Alles Alleinstellungsmerkmale der AfD? Eher nicht. Aber sehr wohl alles Merkmale von faschistischen Parteien, ihren Formen, ihren Zielen. Was fehlt also bitte noch? Die Entfesselung der Massen? Das kommt noch, sage ich Euch. Die ersten Massebröckchen marschieren sich in Dresden ja schon einige Zeit warm.

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Die Erfindung des Cyberwars

WeltTrends-113-Cyberwar-CoverIn der aktuellen WeltTrends (Nr. 113, März 2016) ist ein kleiner Text von mir zur Erfindung des Cyberwars erschienen, der einige Argumente aus dem Artikel in der Berliner Debatte Initial noch einmal aufgreift und etwas allgemeinverständlicher darstellt. [Inhaltsverzeichnis]

Mittlerweile ist der Begriff „Cyberwar“ weltweit bekannt. Er entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA. Im Widerspruch zu seiner vorgeblichen Geschwindigkeit beschreibt „Cyberwar“ einen langsamen, schleichenden, eher latenten Krieg. Es ist seine fast vergessene Geschichte, die bis heute in Diskussionen mitschwingt und seine informationstechnische Seite überschreitet.

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Zwei Aspekte des Argumentierens

Es lassen sich leicht zwei Aspekte des Argumentierens unterscheiden. Der erste ist der Standpunkt der Logik, der zweite aber ein pragmatischer Standpunkt. Jener fragt nach dem logischen Zusammenhang der im Argument auftretenden Aussagen, dieser aber nach dem Erfolg des Arguments in der Diskussion. Es besteht keine Notwendigkeit, dass beide zusammenfallen, wie ein Beispiel zeigt:

Von einem Standpunkt der Logik aus gesehen ist selbst das dümmste Argument noch immer unendlich viel klüger als das völkisch-gewaltbesoffene Gesabbel der AfD. Von einem pragmatischen Standpunkt aus gesehen vermag aber selbst das klügste Argument einen hirntoten AfD-Zombie nicht zum Denken zu bewegen.

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Denker, allein im Studierzimmer.

Denker:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Geschichte,
Und leider auch Informatik
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn…
Da steh ich nun, ich armer Projektleitor!
und bin so müd als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Diplom-Informatiker gar
Und ziehe schon an die sechzehn Jahr
Herauf, herab und quer und krumm,
Diese Uni an der Nase rum
Und sehe, dass Studis nichts lernen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Bin gar nicht gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen
Mich plagen stets Skrupel uns Zweifel,
Fürchte mich auch vor Hölle und Teufel –
Dafür ist mir auch alle Karriere entrissen…

Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen einer simplen Integralgleichung.

Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt eine Referenz auf Nietzsche.

Er faßt das Buch und spricht den Namen Deleuze geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, Deleuze erscheint in der Flamme.

Deleuze: Wer ruft mir?

Denker (abgewendet): Schreckliche Fingernägel!

Deleuze:

Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun –

Denker:

Weh! Ich ertrag Dein Geschreibsel nicht mehr!

Deleuze:

Du flehst, erdenkend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;

Da bin ich! – Welch erbärmlich Grauen
Faßt Wunschmaschine dich! Wo ist der Synthese Ruf?

Wo ist die Einbildungskraft, die eine Immanenzebene in sich erschuf?

Wo bist du, Denker, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?

Denker:

Soll ich dir, Franzosenbildung, weichen?
Ich bin’s, bin Denker, bin deinesgleichen!

Deleuze:

In Wunschesfluten, im Synthesesturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!

So schaff ich die laufende Vielheit der Zeit
Und wirke der Konsistenzebene lebendiges Kleid.

Denker:

Der du die Schwallerei umschreibst,
Geschäftiger Deleuze, wie nah fühl ich mich dir!

Deleuze:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! (verschwindet)

Denker (zusammenstürzend):

Nicht dir?
Wem denn?
DOCH NICHT ETWA FREGE?!

 

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Du hast keinen Schnupfen

Ich hab Schnupfen *haaaatschi*

Du hast keinen Schnupfen. Schnupfen gibt es gar nicht. Das hat Dr. Eisenberg auf dem Sterbebett zugegeben. Das ist alles nur eine riesige Verschwörung der Taschentuch-Industrie. Da werden unschuldige Kinder, weil ihnen etwas die Nase läuft, mit rauen Tüchern wundgerieben und sie werden mit Tee und Medikamenten vollgepumpt… VOLLGEPUMPT!!!!!111elf Schnupfen ist nur ein Zeichen professioneller Vernachlässigung. Du musst Dich nur mal richtig austoben, mehr Sport machen, spazieren gehen. Probier doch mal was Homöopathisches und lass die ganzen Farb- und Zuckerstoffe weg! Ein Heilpraktiker hat meiner Cousine da sehr geholfen. Fernsehen ist auch ganz schädlich! Probier doch mal eine alternative Heilmethode! Du hast sicher nur unterdrückte Affekte, die Du mal rauslassen musst… Ich mein es nur gut! Ich habe Dir jetzt eine Alternative angeboten. Es ist Deine Entscheidung, ob Du immer Medikamente fressen willst!

Es gibt eine Sache, die das Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätssyndrom von praktisch allen anderen Erkrankungen und Syndromen unterscheidet: das Engagement, mit dem Unbeteiligte einem einreden wollen, dass man es gar nicht hätte. Irrsinnige pseudowissenschaftliche Gesundheitsesoterik gibt es überall, besonders auch bei psychischen Problemen, aber nirgends ist das Engagement, der Belehrungsdruck so groß wie bei ADS/ADHS. Das sagt viel über die Belehrenden aus.

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Der Dicke trinkt Gintonic

Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit ich schon damit verbracht habe, mir von Ärzten immer wieder die gleichen Vorträge anzuhören. Für dicke Menschen gehört es in Deutschland nämlich zum Ritual eines Arztbesuchs, sich Vorhaltungen anzuhören, bevor es möglich ist, über die tatsächlichen Beschwerden zu sprechen. Aber selbst dann wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gewicht ins Feld geführt, da es nämlich niemals unerheblich oder gar Symptom, sondern immer nur Ursache der Beschwerden sein kann.

Ich habe seit einiger Zeit das Problem, dass ich viel zu viel schlafe, ständig müde bin und nicht selten eine regelrechte Muskelschwäche wahrnehme. Bekanntlich gibt es für diese Symptome viele mögliche Ursachen und so habe ich mich mit meinem Hausarzt zusammen auf die Suche begeben. Letzte Woche war es dann soweit, dass sich in einer mir bis dahin fremden Gemeinschaftspraxis von Fachärzt*innen vorstellig wurde, unter anderem um eine Beteiligung der Nebennieren auszuschließen. Es war meinen Unterlagen leicht anzusehen, dass ich in diesem Zusammenhang schon einige Zeit unterwegs gewesen war und verschiedene Tests und Behandlungsversuche schon hatte über mich ergehen lassen. Das hielt die Fachärztin freilich nicht davon ab, noch einmal bei Adam und Eva anzufangen, mir etwas von Diätplänen und Energiebilanzen zu erzählen, eine Ernährungsberatung zu empfehlen (es wäre wohl die fünfte!), mir zu den Weight Watchers zu raten und mir schließlich Vorhaltungen über meinen Alkoholkonsum zu machen.

Nun trinke ich nicht sonderlich viel. Sicher, mal schlage auch ich über die Stränge, mal feiere ich ausgelassen und mal experimentiere ich mit dem ein oder anderen Cocktail herum, aber dazwischen gibt es auch immer wieder mehrwöchige Phasen, in denen ich gar keinen Alkohol trinke und ihn auch nicht vermisse. Alkohol ist sicher keine Ursache für mein Gewichtsproblem. Mir wurde dennoch attestiert, dass es ja wohl doch viel zu viel sei, was ich so in mich hinein schüttete. Mir haben Ärzte schon vorgeworfen, ich würde zu viel trinken, als ich noch überhaupt gar keine alkoholischen Getränke (auch keinen Wein) für mich entdeckt hatte. Nun, dieser Fachärztin ging es wenigstens diesmal nicht um die Menge an Alkohol (ein böses Kohlenhydrat, wie sie sich zu erklären beeilte), sondern um die Energiebilanz. Die sei ja schon bei Wein unglaublich schlecht. Sie fragte mich schließlich, ob ich zuckerhaltige Getränke zu mir nehmen würde. Ich verneinte, denn tatsächlich trinke ich tagsüber, sieht man einmal von leicht gesüßtem Kaffee oder Tee und einer gelegentlichen Coke Zero ab, nur Wasser oder maximal Apfelschorle. Hier hatte ich allerdings die Rechnung ohne Frau Doktor gemacht: Sie triumphierte, als hätte sie mich mit heruntergelassenen Hosen beim Lügen erwischt und verwies auf Gintonic, zu dem ich eine gewisse Zuneigung tatsächlich zuvor eingeräumt hatte. Tonic sei sehr wohl ein zuckerhaltiges Getränk, dozierte sie, und der Gin erst! Beides gehöre nicht auf meinen Speiseplan. Nun will ich nicht behaupten, dass Gintonic ein besonders gesundes Getränk wäre, aber mit etwa 200 kcal pro Glas müsste ich schon einiges trinken, um mein Gewicht erklären zu können. Hierauf verwies ich allerdings nicht, sondern wandte vielleicht etwas ungeschickt ein, ich wolle ja nun auch einmal mit Freunden ausgehen und feiern. Das dürfe ich doch, parierte sie, aber dann solle ich mir noch Salat bestellen und Wasser trinken. Nun, irgendwann hatte ich auch dieses Spiel auch mit dieser Fachärztin durchgespielt und wir konnten endlich daran gehen, objektive Untersuchungsmethoden in Angriff zu nehmen.

Diese Episode ist symptomatisch: Es scheint fast, dass derjenige, der dick ist, kein Recht hat, sich zu vergnügen. Der dicke Körper ist der obszöne, maßlose Körper. Moralisch geboten ist, ausschließlich zwischen Fahrrad und Salatbar – natürlich mit selbst gemachtem Dressing, worauf sie mich auch tatsächlich hingewiesen hatte – zu pendeln und zu akzeptieren, dass die festen und flüssigen Vergnügen dünner Menschen mir verboten sind. Das Problem hört freilich nicht bei Gaumenfreuden und bloßer Ernährung auf, sondern betrifft sogar noch Knochenstruktur, psychische Gesundheit und Schmerzen. Ich habe einen krummen Rücken, der vermutlich jedem früher oder später Probleme machen würde und der mich fast immer freundlich in Ruhe lässt, bekomme aber im seltenen Schmerzensfall als erstes erklärt, ich solle mein Gewicht reduzieren. Als ich einmal umgeknickt war und mir der Fuß anschwoll und weh tat, interessierte den Orthopäden: mein Gewicht… die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber es ist müßig. Es ist ein Ritual und Rituale müssen gepflegt werden. Morgen geht es zu einer Blutentnahme – also auf ein Neues!

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Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg

Umschlag JTPhil 2017Zum Drohnenkrieg habe ich mich jetzt auch ausgelassen: In der Technikphilosophie gibt es die Position, dass wir uns Technik durch Spuren explorieren können: Spuren von…, die uns etwas über die Funktion von Technik verraten, sowie Spuren für…, die Handlungsmöglichkeiten prädisponieren. Ich habe nun untersucht, wie solche Spuren von… und für… im Falle des Drohnenkriegs aussehen könnten.

Erschienen ist das unter dem Titel „Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg“ im Jahrbuch Technikphilosophie 2016 zum Themenschwerpunkt „List und Tod“. [Verlagsseite]

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›Cyberwar‹ – eine postmoderne Technik

Unterdessen ist von mir ein Artikel zum Cyberwar in der Berliner Debatte Initial (4/2015) erschienen, in dem ich mich – kurz gesagt – dem Problem des Cyberwars aus Sicht des Diskurses annähere:

„Cyberwar“ ist nicht einfach eine neue Form des Krieges, die mit informationstechnischen Mitteln ausgetragen wird, auch wenn sich die Debatte zunehmend auf diese Perspektive verengt. Er ist, folgt man dem begriffsprägenden Aufsatz von Arquilla und Ronfeldt von 1993, vor allem eine Folge der information revolution, die die Ordnungsschemata des Krieges, aber auch der Politik transformiert. Der Kampf um Durchsetzung mittels politischer Macht oder militärischer Stärke wird metastufig neu gefasst, indem die Optionen der Zweckbestimmung, der Mittelidentifikation und des Mitteleinsatzes Gegenstand der Auseinandersetzung werden. „Cyberwar“ tritt in dieser Perspektive historisch nur zufällig mit der Ausbreitung von Informationstechnologie auf und darf auf sie keinesfalls verengt werden. Der Aufsatz geht dem Begriff „Cyberwar“ in technikphilosophischer Perspektive am Ort seiner Entstehung nach, markiert seine Bruchlinien und zeigt, dass der Begriff stets diskursstrategisch, d.h. in seiner postmodernen Dimension, betrachtet werden muss.

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Schreibkraft und Greifkraft

Manchmal kommt es ganz dicke: Ich habe mir Anfang Juni die rechte Hand bei einem Sturz mit dem Fahrrad gebrochen. Ich war gerade auf dem Weg in die Bibliothek, schwer beladen, stellte mich verdammt ungeschickt an und lag schließlich im Herrngarten (Darmstadt) in einem Rhododendron. Meine rechte Hand hatte im Stil eines Karatemeisters das Holz des Rhododendron geteilt, damit allerdings eine lose-lose-Situation geschaffen: Spiralfraktur MHK 5 rechts, Basisfraktur am zweiten Fingerglied D5, ebenfalls rechts natürlich. Das Fingermittelgelenk war dabei am stärksten beschädigt.

Die Hand wurde erst ruhig gestellt, dann wenige Tage später operiert. Dabei wurde der Mittelhandknochen geplattet, das Fingermittelgelenk hingegen geschraubt. Man mag sich nicht ausmalen, wie schmerzhaft die Zeit nach einer solchen Operation sein kann. Um die Sache allerdings noch ärgerlicher zu machen, ist mir wenige Tage nach der Operation ein weiteres Missgeschick passiert – ungeübt mit der linken Hand drohte etwas aus selbiger zu fallen, so dass ich, obgleich streng geschient, intuitiv mit der rechten Hand zugreifen wollte und *knacks* – und ich brach mir das geschraubte Gelenk erneut. Es tat höllisch weh, hörte aber sehr bald auf zu schmerzen und ich dachte noch, dass ich wohl Glück gehabt hätte. Leider nicht: Ich musste erneut unters Messer, um die heraus gebrochene Schraube zu entfernen und die Krümelmasse, die mal ein Fingergelenk war, nach dem Zusammenpuzzeln mit einer Krallenplatte zu einem K-Draht zu stützen. Diesmal tat es schon etwas weniger weh, immerhin.

Der K-Draht wurde vorletzten Freitag gezogen und die Hand ist zum „beüben“, zur Krankengymnastik freigegeben. Das ist auch bitter nötig, denn das Gelenk ist nun so beschädigt, dass ziemlich sicher dauerhafte Bewegungseinschränkungen zurückbleiben werden, über deren genaues Ausmaß mein Chirurg auch nur spekulieren kann. Derzeit ist des Gelenk praktisch komplett steif, nun ja, vielleicht kann ich es um 5° bewegen. Die ermutigende Prognose: „Das wird noch eine schöne Quälerei. Da müssen Sie jetzt Geduld haben.“ – Künstliche Fingergelenke gibt es zwar, aber die kommen jetzt nicht nur nicht noch nicht in Frage, sondern sind wohl nach übereinstimmenden Aussagen zweiter und dritter Meinungen auch so unausgereift, dass man lieber auf sie verzichten sollte. Und sie müssten, wenn es gut läuft, alle fünf Jahre ausgetauscht werden. Nun, also Krankengymnastik bis auf weiteres…

Entsprechend habe ich im Juni und im Juli beinahe gar nichts geschrieben. Mit der Hand schreiben kann ich wieder ein bisschen, aber es sieht schlimm aus. Ich hatte früher eine sehr kleine, gepackte Handschrift. Jetzt ist sie unregelmäßig und sehr großzügig. Ich muss viel Geschick erst neu lernen, weil einige gewohnte Bewegungen nicht mehr möglich sind: Der kleine Finger ist ständig im Weg – aber ich werde besser! Tippen habe ich vom 10-Finger-System auf ein 8-Finger-System umgestellt, denn der rechte Ringfinger ist aufgrund der niedrigen Beweglichkeit seines Nachbarn auch nicht sonderlich geschickt derzeit. Das ungewohnte 8-Finger-Tippen hat mich am Anfang sehr ermüdet, aber mittlerweile ist es für mich normal geworden. Die Maus habe ich einfach auf die linke Hand verlagert. Die Spracherkennung ist, wie ich schon berichtete, eher dann von Nutzen, wenn der Text gedanklich bereits im Großen und Ganzen steht und man ihn nur erfassen möchte. Herumbasteln an bestehenden Texten, wie es für die Endphase eines Promotionsprojekts üblich ist, ist damit hingegen viel zu schwerfällig.

Auch die anderen alltäglichen Einschränkungen habe ich wieder im Griff (mit links Zähneputzen ist gar nicht so leicht) – … nur die Greifkraft in der rechten Hand fehlt noch immer. Im Bus muss ich mich mit links festhalten, Wasserkästen werden mit links getragen, schwere Taschen sowieso. Was mich dabei am meisten stört, ist aber, dass ich mich noch nicht wieder am Fahrradlenker festhalten und Bremse beziehungsweise Gangschaltung bedienen kann. Das kommt zwar sicher wieder, aber dennoch nervt mich das noch immer tierisch… entsprechend steht das Fahrrad derzeit auch schlicht im Keller.

Meine Chefin war in der ganzen Zeit übrigens wunderbar: Für einen kurzfristig fälligen Aufsatz wurde mir eine Hilfskraft gestellt und auch sonst verstand sie, wieso mir einige Wochen der Stift praktisch aus der Hand gefallen war. Denn mit links zu schreiben: puh, also ich hab’s nicht hinbekommen.

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Kein Heiliger Gral der Texterstellung

Vielleicht haben sich einige gefragt, warum ich in letzter Zeit so wenig in diesem Blog geschrieben habe. Es gibt dafür zwei Gründe: Erstens habe ich wegen meiner Doktorarbeit, aber auch wegen meines neuen Jobs viel zu tun und zweitens habe ich mit einem Karpaltunnelsyndrom zu kämpfen. Es ist zwar nicht so schlimm, dass ich gar nicht mehr tippen kann, aber dennoch werden meine Hände – denn ich habe es auch noch auf beiden Seiten! – schnell müde. Ich musste daher mit meinen „Schreibkräften“ sparsam umgehen.

Nun lebe ich aber im 21. Jahrhundert: Vor etwa zwei Wochen habe ich mir eine Spracherkennungssoftware gekauft. Glücklicherweise sind diese Programme besser als ihr Ruf. Zugegeben: Sie machen eine ganze Menge Fehler und einige Fehler sind zum Schreien komisch. Ich musste mich also damit abfinden, dass ich mir nun nicht nur sehr genau überlegen muss, was ich schreiben will, da ich nun nicht mehr komfortabel zwischen verschiedenen Sätzen hin und her springen kann, sondern auch damit, dass ich nun einen zusätzlichen Korrekturdurchgang beim Erstellen von Texten einplanen muss. Es ist also keineswegs so, finde ich, dass Spracherkennungssoftware Arbeit spart. Das war allerdings auch nicht mein Ziel! Es ging mir nur darum, meine Hände zu schonen, indem ich möglichst viel Schreibarbeit durch Diktate ersetze. Das ist mir zwar gelungen, aber der Heilige Gral der Texterstellung ist mit Spracherkennungssoftware nicht zu finden. Und das ist auch der Grund, warum vermutlich auch in den nächsten Wochen in diesem Blog nicht
sehr viel passieren wird. Ich bitte also um Geduld.

PS: Der Neurologe meint, dass man Karpaltunnelsyndrom zur Zeit nicht operiert werden muss. Ich habe aber eine hübsche blaue Bandage bekommen, die ich nachts artig zu tragen habe. Ich bilde mir zumindest ein, dass es damit besser wird.

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