Soll man Nazis töten? Notizen zum Problem der offenen Debatte

TL;DR/DU: Die Rechten fordern nur zum Schein eine »offene Diskussionskultur«. Man darf ihnen nicht auf den Leim gehen.

Es kommen ja immer mal wieder Leute mit der Position an, man müsse das Recht auf eine offene Debatte gegen diejenigen verteidigen, die „immer gleich“ „Nazi!“ rufen. Diese Position ist natürlich Käse, allein da niemand „immer gleich“ „Nazi!“ ruft, auch wenn sich die Nazis das natürlich so einbilden, so einbilden müssen: Sie ruft man ja tatsächlich immer gleich „Nazi!“ – was denn auch sonst? Waschmaschine? Diese subjektive Erfahrung aber generalisieren zu wollen, hätte etwas davon, dass ich mir einbildete, ausnahmslos alle Menschen würden als dick bezeichnet werden, da ich so bezeichnet würde. Man könnte also das Geheule einfach Geheule sein lassen, wäre die genannte Position nicht so lästig wie eine unerwartet flinke Obstfliege. (Zur ausgewachsenen Schmeißfliege reicht es angesichts ihrer argumentativen Schwachbrüstigkeit nicht.) Lässt man das Geheule also nolens volens nicht einfach Geheule sein, so müsste man wohl etwas antworten wie:

Selbst wenn man die Position verträte, dass das Recht auf eine offene Debatte jederzeit und gar schrankenlos zu verteidigen sei, so müsste man doch zugeben, dass wir einige Anforderung zu stellen hätten, damit eine Debatte auch Debatte zu nennen sei. Stellte man überhaupt keine Anforderungen an die Form der Debatte, wäre auch die Verweigerung zur Debatte eine solche, aber die Inhaber*innen der genannten Position könnten dies gerade nicht so sehen, ohne ihrer Inhaberschaft derselben verlustig zu gehen. Es gibt also Anforderungen an die Form der Debatte. Ich schlage zwei weitere Anforderungen vor, die insbesondere auch offene Debatten auszuzeichnen haben: Sie müssen erstens ergebnisoffen sein, und es muss sich zweitens um Debatten unter Gleichen handeln. Es ist keine offene Debatte, wenn von vornherein eine Asymmetrie zwischen den an der Debatte beteiligten Personen besteht oder das Ergebnis – zumal aus logischen Gründen – bereits festliegt. Einverstanden? – Gut, denn: Was die Nazis unter dem Deckmantel einer offenen Debatte fordern, ist in diesem Sinne keine offene Debatte, da sich bereits aus der vorgeblich offen zu debattierenden Fragestellung eine Asymmetrie zwischen den beteiligten Personen ergibt, aus denen bereits das Ergebnis folgt: In Frage stehen bei dem, worüber die Nazis eine offene Debatte fordern, nämlich die Rechte nur einer Seite, die gerade nicht die ihre ist. Es geht um die Frage, ob diese oder jene Gruppe die vollen Menschenrechte verdiene, ob diese oder jene Gruppe deportiert werden solle, ob diese oder jene Gruppe gar den Tod verdiene. Es steht nicht in Frage, ob die Nazis die vollen Menschenrechte verdienten (tun sie mit den dort formulierten Einschränkungen für Leute, die die Menschenrechte bekämpfen), ob sie deportiert werden sollten (wohin denn bitte?) oder man sie gar ums Leben bringen sollte (Nein). Die Fragestellung der Nazis legt von vornherein eine Seite auf eine existentielle Frage fest, ohne dass sich die Nazis selbst auf eine existentielle Frage festlegen müssen. Damit führen sie eine Asymmetrie ein, durch die eine Seite nicht mehr auf (angebliche) Argumente reagieren kann, da jede Abwägung eines Arguments bereits die Abwägung des eigenen (Existenz-)Rechts beinhaltet. Wenig überraschend können die Nazis damit die Karte spielen, sie selbst seien offen für diese Debatte, aber die andere Seite nicht – schließlich wird niemand ernsthaft an der Diskussion teilnehmen, ob er oder sie selbst ums Leben gebracht werden solle. Es gibt keinen Kompromiss, es kann keinen geben: niemand kann „offen“ für selbstmörderische Vorschläge sein. Es ist keine offene Debatte: Sie ist weder ergebnisoffen, noch findet sie unter Gleichen statt. Sie ist ab ovo einseitig, asymmetrisch, geschlossen und existentiell bedrohend – kurz: Sie ist Gewalt.

Es wäre ein riesiger zivilisatorischer Fortschritt, würden die, die den Nazis deren angeblich offene Debattenkultur zugute halten, dies endlich kapieren. Man müsste vielleicht gar nicht die eigene Position ändern. Man müsste nur akzeptieren, dass in Konsequenz auch Debatten mit Nazis über die Frage, warum man sie nicht alle auf die Rheinwiesen deportieren sollte, als offene Debatten zu führen wären. Ich verspreche: Das Geheule der Nazis wäre gewaltig!

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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