Grund- und Erfahrungssätze

TL/DR: Homöopathie ist ab der ersten Zeile dogmatisch gesetzter Betrug und Hahnemann hat es selbst zugegeben.

Es komme jemand daher und sage:

similia similibus curentur – von diesem Grundsatz geht die Homöopathie aus.“

Der Satz ist dumm genug, so dass er eigentlich keinen Widerspruch verdient. Nur leben wir nicht in dummen, sondern in dümmsten Zeiten. Wir müssen also darauf antworten, um wenigstens in einem kurzen und glücklichen Moment der Dummheit Schaden anzutun. Antworten könnten wir vielleicht so:

„Ähnliches möge durch ähnliches geheilt werden“? Ja, „curentur“, also Konjunktiv Präsens Passiv, nicht „curantur“, was der entsprechende Indikativ wäre. Die Quacksalberei schmiert es einem so deutlich aufs Brot, dass niemand die Lüge übersehen kann: Der Konjunktiv markiert hier keinen Erfahrungssatz, sondern eine zum Grundsatz aufgeblasene Annahme. Die Quacksalberei setzt also die Selektionsstrategie dogmatisch. Ein Irrsinn, den man kaum zu deutlich als verlogen und betrügerisch herausstellen kann, der als ernsthaft vorgetragene Auffassung freilich nur mit ausgiebiger Fäkalsprache angemessen gewürdigt werden könnte. – Aber langsam und in des Betrügers eigenen Worten:

Im Gegentheile hievon lag die Wahrheit, der ächte Heilweg, zu welchem ich in diesem Werke die Anleitung gebe: wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (ὅμοιον πάϑος) vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)! Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand.[1]

Nun, vermutlich hat dies bereits deshalb bisher niemand gelehrt (und danach auch nie wieder jemand, der alle Tassen im Schrank zu haben pflegte), weil es schlicht Dünnschiss ist. Der springende Punkt ist aber tatsächlich das „e“, wo ein „a“ sein müsste. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass „similia similibus curantur“ gelte, wenn man sagte, dass Ähnliches durch ähnliches geheilt würde. Dann hätte man einen prüfbaren Satz: Man wende zur Prüfung diese Selektionsstrategie („wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, …“) an und bewerte die Ergebnisse im Vergleich zu einer anderen Strategie, etwa dieser: „wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche der Erfahrung nach das Leiden sanft, schnell und dauerhaft zu heilen vermag“). Hahnemann scheißt auf die Erfahrung, ja, er lehnt die Erfahrung ab, er will feststehende Gründe, wie er selbst schreibt:

Man kurirte bisher die Krankheiten der Menschen nicht rationell, nicht nach feststehenden Gründen, sondern nach sehr verschiednen Heilzwecken, unter andern auch nach der palliativen Regel: contraria contrariis curentur.[1]

Es lohnt sich diesen Dünnschiss einmal sehr langsam zu lesen: Bisher kurierte man „nicht rationell“ und „nicht nach feststehenden Gründen“. Selbst wenn man die Behauptung, es habe eine palliative oder allopathische Regel gegeben, zugesteht, ist bereit in den ersten drei Zeilen des „Organon der rationellen Heilkunde“ das Verbrechen gegen die Heilkunde angelegt und fast schon ausgeführt: Die Gründe sollen, so der Betrüger, „rationell“ und „feststehend“ sein. Wer – wie die meisten Heilpraktiker*innen – keinerlei ernsthafte Ausbildung genossen hat, mag „rationell“ vielleicht mit viel Glück als „wirtschaftlich“ lesen, was es heute tatsächlich bedeutet. „Rationell“, also „wirtschaftlich“, bezieht sich auf den sparsamen Einsatz von Mitteln und heute insbesondere auf die Maximierung des Gewinns. Tatsächlich verspricht fast nichts eine größere Gewinnspanne, als Zucker zum 400-fachen Preis zu verscherbeln, wie es im Homöopathie-Betrug Mode ist. Es lohnt sich hingegen, das Wort hier einmal probeweise als „rational“ zu lesen, was schlicht „vernünftig“ bedeutet. Und tatsächlich können wir um 1810 die beiden Wörter noch sehr viel näher zueinander stellen. Selbst wenn nicht, kann man das Folgende genauso aus den „feststehenden Gründen“ ziehen, man muss nur – wenig rationell – einen kleinen Umweg im Denken machen. Bleiben wir aber bei „rational“ und überlassen den Umweg anderen: Bekannt ist vielleicht der Streit zwischen Rationalismus und Empirismus, zwischen der Priorisierung der Vernunfterkenntnis gegenüber den Erfahrungstatsachen im ersten Fall bzw. deren Unterordnung unter diese im zweiten Fall. Nun wäre es völlig abwegig, einem Heini wie Hahnemann eine profunde Kenntnis der Philosophie zu unterstellen, zumindest ohne dabei in wirres Kichern verfallen zu wollen, und es wäre auch für 1810 schon etwas veraltet, an einer solchen Unterscheidung im Ernst festzuhalten, aber es trifft doch dieses und es trifft es gut: Hahnemann will nicht von Erfahrungssätzen, die beschreiben, was wir in der Welt beobachtet haben, ausgehen, sondern von dogmatischen Setzungen, Gründen nämlich, die nicht mehr hinterfragt werden dürfen. Es ist keine Erfahrung, dass Ähnliches ähnliches heilt. Erfahrungswissen ist entsprechend zu verbieten, da sie den feststehenden Grund angreift und empirisch (vulgo: evidenzbasiert), also gerade nicht „rationell“ ist. Und das schreibt er tief in sein Delirium ein: „e“ statt „a“. An die Stelle der widerlegbaren Behauptung tritt die dogmatische Forderung – und bekanntlich ist die Erfahrungstatsache, dass sich der Homöopathie-Betrug auf keine Weise wissenschaftlich zu bewähren vermag, für die Anhänger*innen des Betrugs der Markel der Wissenschaft: „Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man die Wirksamkeit beweisen kann.“

Ab ovo ist die Homöopathie gegen Erfahrung, gegen Lernen, gegen Wissen (im alten wie erst recht im neuen Sinne) gerichtet. Sie ist eine dogmatische Heiligenverehrung, ein Fest der Autoritätsargumente, eine narzisstische Lust am Leiden im Namen der eigenen Ideologie. Sie ist Anti-Wissenschaft im härtesten, scheußlichsten und tödlichsten Sinn.

 

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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