Lust am molekularen Bürgerkrieg

TL/DR: Ich weiß nicht, ob Weidel diese E-Mail geschrieben hat, aber wer auch immer diese E-Mail geschrieben hat, ist ein Faschist; nicht proto- oder halb-, sondern ganz und gar faschistisch! Diese E-Mail als „rassistisch“ zu bezeichnen, ist eine Verharmlosung. Für „Wehret den Anfängen“ ist es zu spät.

Die Deutschen haben es sich bequem gemacht, was die Frage angeht, wie man Faschisten erkennt. Durch unzählige Geschichtsdokumentationen wissen die Deutschen genau, dass man einen Faschisten am Zweifingerbart erkennen kann. Klügere Zeitgenossen wissen hingegen, dass die Sprache schon lange vor den Vernichtungslagern Hinweise auf den Faschismus und seine protofaschistischen Vorformen liefert. Nicht zufällig darf bis heute Victor Klemperers LTI in keinem besseren Bücherregal fehlen. Sprachkritik ist eine der antifaschistischsten Denkübungen überhaupt: Es gilt denen, die mit Hetze, Hass und Lust an Gewalt flirten, gründlich aufs Maul zu schauen. Diese Aufgabe beginnt freilich damit, seltsamen Formulierungen nachzugehen, die dem ungeübten Auge allenfalls als wunderlich oder als Fehlleistung erscheinen. Wie kaum für einen anderen Politiker der AfD wurde dies für Bernd herausgestellt, dessen Gefasel von der „organischen Marktwirtschaft“ bereits alle Alarmglocken bei den geübten Sprachkritiker_innen schrillen lässt. Über eine ähnliche und sogar noch wunderlichere Formulierung konnten wir uns jüngst dank einer E-Mail wundern, die mutmaßlich von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel 2013 verfasst wurde: Es ist nicht die schwachsinnige, da reichsbürgerhafte Rede von den „Marionetten der Siegermaechte[sic]“, sondern eine spezifische, eher subtile, aber lustvolle Referenz auf Gewalt. Die Aufgabe dieser „Schweine“, womit die mutmaßliche Autorin offenbar die deutschen Regierungen meint, sei es nämlich …

… das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen. (Quelle 1; Quelle 2)

Warum sollte die mutmaßliche Autorin Bürgerkriege „molekular“ nennen? Im eigentlichen Wortsinn können Bürgerkriege nicht „molekular“ sein. Es ist also offenbar irgendeine Form von Metapher. Nun sind Neuschöpfungen von Metaphern selten, sodass es sich lohnt zu fragen, ob die mutmaßliche Autorin Formulierung übernommen hat und wenn ja, woher. Die von ihr in der mutmaßlichen E-Mail verlinkte Webseite, die offensichtlich dem Denken der Reichsbürger zumindest nahe steht, liefert diese Formulierung jedenfalls nicht, zumindest nicht in dieser Form: Dass der Bürgerkrieg zwangsläufig kommen soll, behauptet diese Seite nämlich sehr wohl und weiß in den Flüchtlingen auch die Schuldigen auszumachen. Woher stammt also die Kombination von „Bürgerkrieg“ und „molekular“? – Die Frage ist nicht trivial: Ihre Antwort gibt uns einen Hinweis darauf, was die Autorin gelesen hat; mehr noch: Sie gibt uns einen Hinweis auf das ganze „Denkuniversum“ der Autorin. In diesem Fall ist die Antwort recht eindeutig, wie sie sich zeigen wird.

Ausblicke auf den Bürgerkrieg

Die Wendung taucht im Deutschen offenbar zum ersten Mal 1981 in einer Besprechung Carl von Linnés Nemesis Divina auf, die Hans Magnus Enzensberger für den Spiegel anlässlich deren Übersetzung ins Deutsche verfasst hat. Hier beschreibt Enzensberger einen paranoiden Linné, der sich der Zwangsvorstellung einer göttlichen Vergeltung angesichts gesellschaftlicher Unordnung – etwa durch korrupte Beamte – hingibt, eine Symmetrie zwischen Schuld und Vergeltung sucht und vielleicht seinen eigenen Sadismus nach außen projiziert. Das klingt nach einer schönen Quelle für die Wendung vom molekularen Bürgerkrieg, aber offenbar findet sich diese Wendung nicht bei Linné, sondern wurde von Enzensberger zur Charakterisierung der Akte von Rachsucht und Brutalität, in denen nach Enzensberger „nach Herzenslust gerädert, geköpft und gevierteilt“ wurde, von woanders her genommen. Bevor ich auf einen entsprechenden Verdacht eingehen möchte, lohnt es sich vielleicht, die Wendung bei Enzensberger selbst noch ein Stück zu verfolgen. Dieser hatte nämlich 1993 ebenfalls im Spiegel „Ausblicke auf den Bürgerkrieg“ gewagt, die sein hier mangels Verfügbarkeit nicht berücksichtigtes Buch Aussichten auf den Bürgerkrieg flankierten.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund des Jugoslawienkriegs diskutiert Enzensberger den Aufstieg des Bürgerkriegs zur dominierenden Form des bewaffneten Konflikts nach dem Ende des Kalten Krieges. Nicht nur seien die Bürgerkriege aber zu einem Signum der neuen Weltunordnung geworden, so Enzensberger, sie unterschieden sich auch von den alten großen Bürgerkriegen, die noch von staatlichen Mächten angezettelt worden seien: Die heutigen Bürgerkriege, so schreibt er 1993, schienen sich spontan und von innen heraus zu entzünden. Auch sei es zu einer Selbsttäuschung geworden, Bürgerkriege nur in großer Entfernung von uns zu verorten:

In Wirklichkeit ist der Bürgerkrieg längst in die Metropolen eingewandert. Seine Metastasen gehören zum Alltag der großen Städte, nicht nur in Lima und Johannesburg, in Bombay und Rio, sondern auch in Paris und Berlin, in Detroit und Birmingham, in Mailand und Hamburg. Geführt wird er nicht nur von Terroristen und Geheimdiensten, Mafiosi und Skinheads, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarzen Sheriffs, sondern auch von unauffälligen Bürgern, die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln. Wie in den afrikanischen Kriegen werden diese Mutanten immer jünger. (Ebd., 171)

Wer vermutet, dass Enzensberger hier eine Art der Paranoia beschreibt, liegt richtig, denn wir dürften uns nicht vormachen, es herrsche Frieden, so Enzensberger weiter, wenn wir Brötchen holen könnten, ohne dabei von Heckenschützen erschossen, „abgeknallt“ zu werden wie Enzensberger sagt. „Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozeß.“ Dass die Barbarei in der Aufklärung noch angelegt ist, gehört spätestens seit der Dialektik der Aufklärung zu den Allgemeinplätzen unseres Denkens. Versuchen wir also nicht, diese Dialektik zu verfolgen, sondern bleiben bei der Paranoia. „Begonnen wird er (der Bürgerkrieg – KD) stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen.“ Enzensberger zeichnet große Linien vom Berliner Autonomen bis zum Dschungelkrieger in Kambodscha, was aber keine bloße Panikmache sei, da es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sei: „Das ist, zum einen, der autistische Charakter der Täter und, zum anderen, ihre Unfähigkeit, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden. In den Bürgerkriegen der Gegenwart ist jede Legitimation verdampft. Gewalt hat sich von allen ideologischen Begründungen befreit.“ Dieser gemeinsame Nenner wirkt auf den ersten Blick zu abstrakt, um derartige weitgreifende Linien zu rechtfertigen. Es lohnt sich aber, die Abstraktion auszuhalten, die jenseits der Paranoia den Begriff entleert, diesseits aber zu einem interessanten Untersuchungsgegenstand macht. Zunächst sollten wir festhalten, wen Enzensberger als unsere eigenen (deutschen) Teilnehmer am molekularen Bürgerkrieg ausmacht, womit auch die Abstraktion als notwendig ausgewiesen ist:

Man nennt sie Rechtsradikale oder Neonazis; damit glaubt man zu wissen, was von ihnen zu halten ist. Aber auch hier ist die Ideologie bloße Maskerade. Der jugendliche Mörder, der Jagd auf Wehrlose macht, gibt, nach seinen Motiven gefragt, folgende Auskünfte: ‚Ich habe mir nichts dabei gedacht.‘ ‚Mir war langweilig.‘ ‚Die Ausländer waren mir irgendwie unangenehm.‘ Das genügt. Vom Nationalsozialismus weiß er nichts. Die Geschichte interessiert ihn nicht. […] ‚Deutschtum‘ ist ein Slogan ohne jeden Inhalt, der nur dazu dient, die Leerstellen im Gehirn zu besetzen. (Ebd.)

Nur ein Dummkopf würde hier „ich wusste es!“ aufschreien und verkünden, schon Enzensberger habe gewusst, dass es sich bei der AfD nicht um Faschisten handeln kann. Die analytische Präzision, die zur Einordnung dieser Stelle erforderlich ist, ist nicht sehr hoch, dürfte aber die meisten überfordern. Was Enzensberger beschreibt ist im Falle des molekularen Bürgerkriegs eine ideologische Entleerung, die eine nackte Lust an der Gewalt freilegt, die sich anschließend, nachdem sie sich in Gewalt aktualisiert hat, in einem geradezu postmodernen Zeichen- und Maskenspiel ex post als wahlweise Rassismus oder Behindertenfreundlichkeit oder sonst wie rationalisieren lässt. Dabei handelt es sich dann aber keineswegs, um eine Konkretisierung, sondern bloß um eine weitere Abstraktion: Dass diese Begriffe nämlich vollkommen ungeeignet sind, das Phänomen zu beschreiben, erkennt man leicht daran, dass mit ihnen Merkmale der tatsächlich beliebig gewählten Opfer zu Merkmalen der Motivationslage der Täter umcodiert werden. Die so weit von uns freigelegte Stärke des Begriffs des „molekularen Bürgerkriegs“ besteht darin, dass er die Gewaltbereitschaft und noch die Gewalt selbst abstrakt als eine Aktualisierung einer latent vorhandenen Gewaltlust zu deuten erlaubt. Dies ist freilich seine scheinbar offensichtlichste Schwäche, da er es erlaubt, konkrete politische Prozesse weitgehend auszublenden. Es handelt sich freilich um eine harmlose Schwäche, der mit intellektueller Disziplin zu begegnen ist, indem nämlich diese Frage trotzdem immer wieder aufgeworfen wird. Zuvor dürfen wir aber uns eine Pointe des Begriffs nicht entgehen lassen: Gerade da die Aktualisierung der Gewaltlust von Ideologie befreit ist, findet sich hier ein Medium, welches in bester Metapolitik faschistisch rekrutiert werden kann, sofern es gelingt, sich von der Abstraktion zu lösen. Weiß der Täter nämlich nichts vom Nationalsozialismus und interessiert ihn Geschichte nicht, so lässt sich ihm das alte faschistische Denken in identitärer Verpackung neu einflößen und aus dem dummen Schläger ein fröhlicher Soldat für das kommende Vierte Reich formen. Entsprechend ist es ein Irrtum, Radikalisierung schlicht dort zu sehen, wo jemand gewalttätig zu werden droht. Ich glaube, stattdessen sollten wir zugeben, dass die Gewalt auch hier meist das Ältere ist und, da wir wieder einfach zugesehen haben, von den neuen Faschisten für die eigenen Zwecke vereinnahmt werden konnte. Nicht umsonst haben wir immer wieder gesehen, dass Terroristen bereits zuvor eine unideologische Geschichte der Gewalt hatten. Wer hierbei an die Banalität des Bösen denkt, liegt richtig. Erst durchdringt der Hass und damit die Lust an der Gewalt „alle Poren des täglichen Lebens“ (Arendt?), bevor beide sich anlässlich irgendeines belanglosen Unterschieds lebensgefährlich entladen. Dies ist der endogene Prozess des molekularen Bürgerkriegs. Und wer statt an Arendt jetzt an Deleuze und Guattari denkt, liegt auch richtig. Aber ich muss auch hierfür noch für einen Moment um Geduld bitten. Es lohnt sich, den Begriff des „molekularen Bürgerkriegs“ noch ein Stück weiter zu verfolgen:

Nicht radikal genug

Enzensberger hat ihn neben dem Beitrag zum Spiegel von 1993 noch in einem Buch aus dem selben Jahr aufgegriffen, dass mir gerade leider nicht zur Verfügung steht, auf das sich aber ein gewisser Felix Menzel bezieht – seines Zeichens eine Schlüsselfigur der rechtsextremen Identitären Bewegung in Deutschland, wenn man der Wikipedia glaubt –, wenn er in einer Publikationsorgan namens Blaue Narzisse, auf das ich aus Gründen der Hygiene hier nicht verlinken werde, im Februar 2011 von westlichen Großstädten, in denen laut ihm mehrheitlich Ausländer leben, schreibt: „Es hört sich wie ein Horrorszenario an, das aber bereits Realität ist. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum niemand in der Stadt aufbegehrt und warum das Pulverfaß nicht hochgeht?“ Menzel ist auf der Suche nach Anzeichen für „[s]tumme Kriegserklärungen, die jeder erfahrene Städter versteht und deshalb verschwindet“, wenn er auf einem „beliebte[n] intellektuelle[n] Ansatz, das Wesen der Überfremdung in europäischen Großstädten zu erfassen,“ zu sprechen kommt und wenig überraschend eine „Steilvorlage“ im molekularen Bürgerkrieg des Hans Magnus Enzensberger findet, den wir gerade besichtigt haben. Aus dessen Buch zitiert Menzel:

Der Anfang ist unblutig, die Indizien sind harmlos. Der molekulare Bürgerkrieg beginnt unmerklich, ohne allgemeine Mobilmachung. Allmählich mehrt sich der Müll am Straßenrand. Im Park häufen sich Spritzen und zerbrochene Bierflaschen. An den Wänden tauchen überall monotone Graffiti auf, deren einzige Botschaft der Autismus ist: sie beschwören ein Ich, das nicht mehr vorhanden ist. Im Schulzimmer werden die Möbel zertrümmert, in den Vorgärten stinkt es nach Scheiße und Urin. Es handelt sich um winzige, stumme Kriegserklärungen, die der erfahrene Städtebewohner zu deuten weiß.

Menzel deutet den molekularen Bürgerkrieg hier als einen „Indikator für Verfallserscheinungen“ und behauptet zugleich keine „vorschnelle Interpretation“ vorzunehmen, die „die Realität zu verschleiern“ drohe. Nun ist mir nicht bekannt, wo Menzel Begriffsarbeit gelernt hat, aber ich hoffe, dass er nichts dafür bezahlen musste, wenn er uns wissen lässt, dass das „Konstrukt“ des molekularen Bürgerkriegs (er meint wohl: Begriff) „rein auf die Wirklichkeit ausgerichtet ist und mit dem zunächst Phänomene wertfrei einzuordnen sind“. Aber das soll uns nicht weiter stören, denn er macht ja sofort einen Nachteil dieses „Konstruktes“ aus: Der Begriff liefert ihm nämlich zu wenig Möglichkeiten, Gewalt in Chemnitz von Gewalt in einem Ausländergetto in Rotterdam zu unterscheiden. Dieses angebliche Ausländer Getto in Rotterdam wird sodann für Menzel zu einem Phantasma, in dem „wöchentlich mehrere polygame Ehen … geschlossen werden.“ Natürlich nach dem Recht der Scharia. Schneiden wir die halberotisierenden Fantasien über das Fremde, die für rechte Autoren erstaunlich typisch sind, großzügig weg und versuchen Menzels Verwendung des Begriffs des molekularen Bürgerkriegs herauszuarbeiten: Menzel bemerkt richtig, dass für Enzensberger der molekulare Bürgerkrieg sich dadurch auszeichnet, dass die Lust an der Gewalt von jeder Ideologie entkleidet ist. Kurz, ihm ist der Begriff offenbar nicht radikal genug:

Der molekulare Bürgerkrieg ist eine romantische Vorstellung. Er tut niemandem entscheidend weh – am wenigsten dem Intellektuellen, der ihn entwirft. In diesem Konstrukt ist die Sehnsucht angelegt, das Pulverfaß der Überfremdung möge doch bald einmal platzen. Die Lage dagegen ist eine andere: Die Fremden richten sich in entortenden Verortungen ein, pflegen ihre Religion und ihre Überzeugungen – so gut es eben in einer für sie fremden Welt geht. Sie bauen Institutionen und eine Gegenkultur auf, die von der Dekadenz des Westens zwar beeinflußt wird, aber immer noch um ein Vielfaches vitaler ist als die gegenwärtigen Kulturleistungen der Europäer.

Menzels Empörung ist unübersehbar. Und er verzeiht es Enzensberger offenbar nicht, dass dessen Begriff nicht die Brutalität liefert, die Menzel sich wünscht. Wir können aus seinem Beitrag einiges lernen: Erstens erfahren wir, dass der Begriff sehr wohl Karriere gemacht hat und zwar in rechten Kreisen. Tatsächlich lassen sich hier und da entsprechende Diskussionen in Bezug auf Enzensberger in rechtsradikalen und rechtsextremen Foren finden. Die Recherche bleibt der Leser_in zur Übung überlassen! (Bitte eine Spucktüte zur Hand nehmen.) Zweitens, dass der Begriff gerne in einer Rede gegen den Islam eingesetzt wird, wozu er sich, wie Menzel richtig bemerkt, nicht eignet, zumal Enzensberger zumindest für Deutschland gerade die Neonazis als Begriffspersonen ausgemacht hatte. Drittens lernen wir, dass die Identitäre Bewegung – zumindest in der Gestalt Menzels – es gerne noch radikaler hätte, also darüber trauert, dass in diesem „Konstrukt“ die Sehnsucht nach Gewalt nur angelegt ist, aber über eine romantische Vorstellung nicht hinauskommt. Entscheidend ist hier nebenbei bemerkt, dass Menzel im Islam gerade kein Latenzphänomen sieht, wie es für eine Instantiierung des „molekularen Bürgerkriegs“ erforderlich wäre, sondern letztlich eine aus seiner Sicht natürlich abzulehnende Alternative zur eigenen Sehnsucht nach einer die „Dekadenz des Westens“ beseitigenden „Kulturleistung“. An anderer Stelle könnte dies Anlass zu einer Beschäftigung mit Carl Schmitt liefern, womit sich zeigen ließe, dass die Autoritätsliebe der Identitären dem radikalen Islamismus (nicht: dem Islam) nahe steht, während beide in ihrer Ablehnung der liberalen Gesellschaften übereinkommen, diese also beiden als absoluter Feind dient.

Vera Lengsfeld will auch

Bevor wir kurz zu Deleuze und Guattari und dann noch einmal zu mutmaßlichen Autorin kommen, lohnt es sich vielleicht, auf einen Text von Vera Lengsfeld einzugehen: Erst im März 2017, also nach der hier zu untersuchenden E-Mail und höchstwahrscheinlich ohne Kenntnis derselben, greift sie den Begriff des „molekularen Bürgerkriegs“ auf, zitiert den Titel des Buches von Enzensberger falsch und datiert es auch noch auf ein Jahr zu spät. Ähnlich präzise charakterisiert sie den Begriff des molekularen Bürgerkriegs mit konsequent falscher Interpunktion und ohne korrektes Zitieren. Tatsächlich wäre ihr Text deutlich zu dumm und verdiente keinerlei Aufmerksamkeit, wenn er nicht an einer entscheidenden Stelle symptomatisch wäre:

Die Aggressionen richten sich gegen Wehrlose. Die Täter, fast ausschließlich junge Männer, hacken wahllos auf Menschen ein, schubsen sie auf Gleise oder walzen sie mit einem Lastkraftwagen nieder. Inzwischen ist das eine fast alltägliche Meldung bei uns geworden. Enzensberger stellt ausdrücklich auch die ideologische Substanz des islamistischen Fundamentalismus infrage, der mit der historischen Hochreligion nichts zu tun habe. … Damit trachten sie (die Islamisten – KD), allen überflüssigen Menschen an die Gurgel zu gehen. Überflüssig ist, wer keine Waffe besitzt. (Quelle)

Dies ist das Symptom: Wo Enzensberger noch die Neonazis als Begriffspersonen ausmachte und wo ein Identitärer die fehlende Radikalität des Begriffs beklagte, wird der sich aus einer Vielzahl von Gründen fragwürdige Begriff Enzensbergers unbeschadet etwaiger Referenzen auf den Islam bei ihm selbst zu einem pseudointellektuellen Anlass zur billigsten Hetze gegen den Islam vulgarisiert – freilich nicht ohne die üblichen Topoi der Rechten zu bedienen (Lengsfeld: „Die Medien spielen eine verhängnisvolle Rolle, weil ihre Berichterstattung den Bürgerkrieg fördert.“) und die eigene Lust an der Gewaltfantasie herauszustellen: „Vor der Aggression liegt die Phase der Resignation, die wir im Augenblick erleben. Je deutlicher die Anzeichen für einen heißen Bürgerkrieg werden, desto stiller wird es im Land. Es scheint aber nicht die Stille vor dem (Protest-)Sturm, sondern die Stille vor dem Schuss zu sein.“ (Ebd.) Wo Lengsfeld noch kommentarlos und vielleicht unabsichtlich an einer Stelle Enzenbergers ursprünglichen Hinweis auf rechtsextreme Schläger mitzitiert, verdummt ein anonymer Schmierfink auf einer Webseite, die sich explizit dem Islamhass widmet, den Begriff noch weiter und dreht die Gewaltlustspirale vom Molekularen ernsthaft auf das Atomare: „Ich wäre mir da nicht ganz so sicher, dass es stets bei diesen ‚molekularen‘ Bürgerkriegen bleibt, ich könnte mir nämlich auch sehr gut vorstellen, dass daraus ein atomarer Flächenbrand werden könnte“ – auch hier aus hygienischen Gründen kein Link.

Deleuze und Guattari

Kommen wir zu Deleuze und Guattari: Der gerade zitierte Verweis auf das Atomare zeigt, wie wenig die Rede vom Molekularen selbst von den Rechten verstanden wurde und wird. Ich hatte sie oben zwar bereits als eine Art Latenzphänomen charakterisiert, möchte sie nun aber noch einmal gründlicher in den Blick nehmen, um die Faschismustheorie, die Deleuze und Guattari in den Tausend Plateaus abgelegt haben und zu der ich schon seit Jahren etwas schreiben möchte, wenigstens in aller Kürze anzureißen. Dort geben sich Deleuze und Guattari nämlich nicht der bequemen Illusion hin, der Faschismus komme als ein vollständig entwickeltes totalitäres Makrosystem über uns, sondern sie versuchen zu zeigen, wie sich der Faschismus aus Mikro-Faschismen entwickelt, die sich in den winzigsten Löchern, Nischen, vielleicht Poren des alltäglichen Lebens festsetzen können (TP, 292), sodass es sehr wohl möglich ist, auf makroskopischer Ebene, d. h. molarer Ebene, sogar noch ein Antifaschist zu sein, aber auf mikroskopischer, also molekularer Ebene einen Faschismus zu pflegen, der noch das eigene Begehren, die Lust, die Sehnsucht besetzt und in eine zerstörerische Kraft verwandelt, die dazu treibt die eigene Unterdrückung zu wünschen. Es ist diese mikroskopische, molekulare Besetzung, die den Faschismus für Deleuze und Guattari auszeichnet: „Der Faschismus wird durch seine mikro-politische oder molekulare Macht gefährlich, denn er ist eine Massenbewegung: eher ein krebsbefallener Körper als ein totalitärer Organismus.“ (TP, 293) Der Makro-Faschismus kristallisiert sich aus den Mikro-Faschismen heraus. (TP, 311) Und hier finden beide ein Paradox des Faschismus, durch das er sich vom Totalitarismus unterscheiden lässt: Wo der Totalitarismus eine Angelegenheit des Staates ist, also vom Staat ausgeht, entwickelt sich der Faschismus gewissermaßen von unten nach oben, sodass der Faschismus existiert lange bevor er sich den Staat einverleiben kann: (TP, 314)

Diese Verkehrung der Fluchtlinie [hier: eine Art Abstraktions- und Konkretisierungsprozess – KD] in eine Destruktionslinie belebte schon alle molekularen Unruheherde des Faschismus und ließ sie eher in einer Kriegsmaschine zusammenwirken als Resonanz in einem Staatsapparat finden. Eine Kriegsmaschine, deren einziges Ziel der Krieg war und die eher dazu bereit war, ihre eigenen Diener zu vernichten, als der Zerstörung Einhalt zu gebieten. Gegenüber dieser Gefahr sind alle Gefahren der anderen Linien nur gering. (TP, 316)

Die Kriegsmaschine ist präzise nichts anderes als die Aktualisierung der latenten Gewaltlust, die Enzensberger durch den molekularen Bürgerkrieg zu markieren suchte. Auch er beschrieb nichts anderes als eine eher erratische als organisierte Gewalt, für die Ideologie zunächst eine bloße Maskerade ist, die sich aber – so können wir jetzt sehen – für den Faschismus jederzeit vereinnahmen lässt, wodurch er gerade kristallisiert. Das, was uns an der Oberfläche vielleicht als ein Rassismus entgegentritt, der eine deutsche Politikerin „entsorgen“ möchte oder von einer „organischen Marktwirtschaft“ ohne alle Freiräume träumt, ist gerade nichts anderes als das Sprachspiel, in dem diese Kristallisierung stattfindet. Noch einmal: Was Bernd und die anderen von sich geben, ist nicht der Faschismus selbst oder ein Zeichen des Faschismus, sondern das Sprachspiel, dass den Faschismus aus dem Molekularen heraus erschafft. Wäre das Molekulare nicht bereits verheert und von Hass trunken gemacht, fände diese Hetze keinerlei Resonanzboden. Es ist dabei völlig unerheblich für den Faschismus, wer der Feind ist, solange sich der Feind in einer bestimmten Form als Feind markieren lässt, wie es mit im Fall des Antisemitismus jederzeit möglich ist und was uns wieder auf das Problem führt, was erst im Zusammenhang mit Carl Schmitt zu untersuchen sein wird.

Diese E-Mail

Entscheidend ist an dieser Stelle, die Form des Übergangs vom Molekularen zum Molaren. Was die mutmaßliche Autorin tut und zwar nicht nur in dieser E-Mail, ist der Versuch die Mikro-Faschismen, die im Molekularen bereits angelegt sind, zueinander in eine Resonanz zu bringen, indem sie deren quasi beliebiges Feinddenken auf einen Brennpunkt hin ausrichtet: die „Ueberfremdung“. Es ist gerade doch der Kummer dieses Identitären gewesen, dass der Begriff vom molekularen Bürgerkrieg die Gewaltlust auf Mikroebene zu beschreiben vermochte, es aber nicht leistete, diese Gewaltlust auf seinen Feind zu fokussieren. Das hält hingegen die Faschisten nicht davon ab, diese Fokussierung gewissermaßen manuell vorzunehmen, indem sie den Begriff vulgarisieren, wozu sie ständig wiederholen, dass es eigentlich um den Islam ginge, der – wie gesehen – bei Enzensberger 1993 eine kleinere Rolle spielte als die rechtsextremistischen Schläger. Dieses Sprachspiel ist Begriffspolitik vom Feinsten: Man nimmt einen mehr oder minder funktionierenden Begriff, der ein Phänomen beschreibt, dass man sich zunutze machen möchte, und konnotiert ihn so um, dass der gewünschte Zweck in ihn eingeschrieben wird. Dies gelingt nicht durch Argumente, sondern nur durch beständige Wiederholung. Und diese Wiederholung ist es dann schließlich, die eine scheinbare Wahrheit produziert, die in einer perversen Form von Vernunft den Faschismus als Antwort erscheinen lässt. – Werfen wir vielleicht noch mal einen Blick auf die mutmaßliche E-Mail:

Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden. Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen.

Hier finden wir genau das wieder, was wir gerade herauszuarbeiten vermochten: Das Projekt einer Refokussierung der Gewaltlust und zwar weg von beliebigen Opfern hin zu präzise ausgemachten Feinden: Angebliche Fremde und eine angeblich verfassungsfeindliche Regierung. Dass diese den „molekularen Bürgerkrieg“ (begriffswidrig) „induzieren“ wollten, ist freilich nichts als der Versuch davon abzulenken, dass die Autorin den Rahm einer von ihr selbst bespielten Paranoia abschöpfen möchte. Es spricht den Faschisten der AfD zu viel Macht zu, ihnen alleine die Schuld an der zunehmenden Gewaltlust in der Bevölkerung zu geben. Dieses Problem ist unendlich komplexer und sehr viel älter als die AfD. Das sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AfD alles tut, um die Gewaltlust in der Bevölkerung zu fördern. Sie tun damit etwas, was mich an etwas erinnert, was mein Professor, bei dem ich Nationalsozialismus gehört habe, immer über die Nazis sagte: Sie seien sehr gut darin gewesen, günstige Gelegenheiten für sich auszunutzen. Die gebrochenen Biografien nach der Wiedervereinigung, die Perspektivlosigkeit nach der Deindustrialisierung der neuen Bundesländer, die Entwürdigung durch Gesetze wie Hartz IV, … – All das hat neben vielem anderen zu einer latenten, aber nichtsdestoweniger höchst destruktiven Aggression beigetragen, die die AfD nun mobilisiert, um den Faschismus, den sie sich erträumt, zum Kristallisieren zu bringen. Entsprechend sind die entscheidenden Kriterien, an denen wir den Faschismus erkennen können, nicht der Zweifingerbart, sondern das Fördern, das Unterhalten, das Abschöpfen, das Fokussieren und Ideologisieren von Lust an Gewalt. Ihre Fans, kurz für: Fanatiker, sind bereits unfähig, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden. Die blutigen Träume von den Schießbefehlen an der Grenze oder der Ermordung von Politiker_innen sind daher keine Einzelfälle, sondern Wesensmerkmal der AfD. Sie dienen der Kristallisierung, die nichts anderes als die oben gesuchte Konkretisierung ist. Wir wissen alle, dass die Distanzierung von solchen Ausbrüchen zum bloßen Schein erfolgen und von denen, die an der Gewaltlust bereits besoffen sind, richtig verstanden werden. Die AfD berauscht sich hieran. Die mutmaßliche Autor_in haben wir jetzt mit den Fingern in der braunen Keksdose erwischt. Das ist sicher kein Einzelfall und es wird keine Konsequenzen haben. Dazu ist es bereits zu spät: Die TV-Auftritte sind schon gebucht.

 

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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2 Kommentare zu Lust am molekularen Bürgerkrieg

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