Molekularer Bürgerkrieg: Keine „plumpe“ Fälschung

Nicht wissend, ob Weidel diese wirre und dem Inhalt nach eindeutig faschistische E-Mail geschrieben hat, bleibt freilich statt der Attribution, die andere mit anderen Mitteln vielleicht vornehmen könnten, gerade nur die begriffliche Analyse übrig: Könnte diese E-Mail eine Fälschung sein, wie die AfD in einer geradezu panisch erscheinenden Vorwärtsverteidigung behauptet? (Vgl. die taz, die noch andere Gründe anführt, wieso die E-Mail echt sein könnte.)

Nun, „könnte vielleicht“, wenn es auch nicht sonderlich wahrscheinlich wäre, da sie gut, aber nicht allzu perfekt in das Bild anderer E-Mails und Chat-Nachrichten, die von dieser Partei bekannt wurden, passt. Wieso sollte jemand so etwas fälschen, wo doch schon so viel analoger Müll aus dieser Partei bekannt geworden ist? Wieso auf einen Haufen scheißen, der schon so groß ist? Man fälscht ja auch Hitler-Tagebücher und nicht den Einkaufszettel von Anneliese Meier.

Sicher ist es aber keine „plumpe Fälschung“, wie die Partei behauptete, sondern wenn es eine Fälschung ist, was mich doch sehr überraschen würde, dann ist es einerseits eine überaus gute Fälschung: Gerade die Rede vom „molekularen Bürgerkrieg“, die ich hier ausführlich analysiert habe, greift einen unter Rechtsradikalen und Rechtsextremisten beliebten Topos auf. Die Fälschung könnte dann nur von jemandem stammen, der sich in rechtsradikalen und rechtsextremen Diskursfeldern sehr gut auskennt.

Wer sich aber andererseits so gut auskennt, hätte vielleicht eine wirksamere Fälschung hergestellt, die ein jüngeres Datum trägt oder auf mehr Insiderwissen aus der AfD setzt, das einem solchen Experten sicher bekannt wäre. Wenn man schon einen solchen extremen, da durch und durch faschistischen Text fälschen wollen würde, wieso fälschte man ihn dann nicht auf eine Weise, die wirksamer wäre als eine vier Jahre alte E-Mail, zu der sich in den wirren Reichsbürgerkreisen, zu denen die E-Mail überaus deutlich passt, leicht irgendeine bescheuerte Verschwörungstheorie stricken lässt?

Wissend, dass das sowieso getan wird – und zwar auch dann, wenn Weidel selbst die Echtheit der E-Mail bestätigen sollte –, könnte man auch einfach noch einen drauf legen, ohne etwas zu verlieren. – Und wieso zur Hölle sollte jemand eine E-Mail mit kaputten Umlauten fälschen?

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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