Follow your dreams oder so

Vor 20 Jahren oder so brachte ich einmal das Thema auf, ob ein System evakuierter Röhren nicht mangels Luftwiderstand eine spannende Idee für ein Transportsystem sei. Ich wurde damals für diese „schwachsinnige“ Idee prompt verarscht und da ich weder über die nötige Ingenieursqualifikation verfügte (damals wie heute übrigens nicht), noch die Idee wirklich durchdacht hatte, zog ich den Schwanz ein und brachte das Thema nicht mehr auf. Ich will nun nicht implizieren, ich sei damals genial gewesen, hätte irgendeine Substantiierung für die Idee vorbringen können, die über wirres Gerede hinausgegangen wäre, oder gar dass, es überhaupt eine sonderlich gute Idee ist, aber ich finde es witzig, wenn ich nun von Hyperloop lese:

Der Hyperloop ist ein Konzept für ein Hochgeschwindigkeitstransportsystem technisch ähnlich wie der Transrapid aber in evakuierten Röhren. Es sollen nach dem Konzept der Rohrpost durch Solarenergie elektrisch getriebene Transportkapseln mit Reisegeschwindigkeiten von bis zu etwa 1125 km/h auf Luftkissen durch eine teilevakuierte Röhre befördert werden. [Wikipedia]

Vielleicht hätte ich bei Ideen, die andere als „schwachsinnig“ qualifiziert haben, nicht immer so schnell zurückstecken sollen? 😉 – Im Ernst: Die meisten Ideen, die man mal so nebenbei hat, sind tatsächlich blödsinnig, aber dennoch sollte man sich nicht von der ersten Kritik, zumal polemischer Kritik, entmutigen lassen. Manchmal lohnt es sich, stur zu sein, solange man nicht zu stur ist und von sachlichen Einwänden nichts hören will. Follow your dreams but please try to wake up sometimes oder so.

Wie so oft steckt eine zweite Geschichte in dieser ersten: Als ich Vorstandsmitglied von our generation in Frankfurt/Main, einem Verein für (damals) lesBiSchwule Jugendliche, war (von 2000 bis 2005), hatte ich ebenfalls eines Schnappsidee: Man solle doch ein eigenes Jugendzentrum anstreben – die Idee war freilich vom anyway (Köln) geklaut, war also nicht schlechterdings unrealistisch. Ich habe damals viel, auch institutionellen Widerstand erfahren und musste mir mehr als einmal anhören, was für eine blöde und unrealistische Idee das sei. Während der Planung einer entsprechenden Kampagne an einem Wohnzimmertisch eines Vorstandskollegen im hessischen Hinterland kam dessen Freund herein und sprach: „Kai, Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Dir mal jemand Geld für diesen Schwachsinn gibt! Bist Du so arrogant, dass Du Dir das einbildest!?“ – Ich bin freilich nicht der einzige gewesen, der am Ende dieses Zentrum wollte und ich will nicht im geringsten andeuten, die Kampagne und alles, was ihr folgte, sei eine one man show gewesen – das genaue Gegenteil war der Fall, es gehörte außerdem noch viel Glück dazu und ich war ab 2005 auch nicht mehr dabei gewesen. Ich will nur sagen: Es brauchte den Anfang eines sturen Bocks, der sich ausnahmsweise mal nicht hat beirren lassen. Zwar dauerte es noch bis 2010, bis das Kuss 41 in Frankfurt eröffnet wurde, ich rechne mir aber an, dass dies ohne die immer wieder vorgebrachte Forderung nicht möglich gewesen wäre – allein da schon der Verein selbst von dieser Forderung überzeugt werden musste, wie etwa ein damaliger Vorstandskollege: „Kai, man muss erst laufen können, bevor man rennen lernt“, worauf ich sagte: „Man lernt laufen, um rennen zu können.“

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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