Notiz zur Dialektik der Buchdeckel

Es sind zwei Bücher vorgestellt worden:

  1. „Mit Rechten reden“
  2. „Mit Linken leben“

Unter Verweis auf das erste halten einige denen, die in ihrer antifaschistischen Haltung die Vorstellung des zweiten gestört haben, mangelnde Dialogbereitschaft entgegen.

Es lohnt sich, für einen Moment ein bisschen Dialektik, nämlich eine Dialektik der Buchtitel, zu betreiben: In einer vielleicht etwas stark vereinfachten Vorstellung von Dialektik treten These und Antithese einander gegenüber und verschmelzen zu einer Synthese, die es erlaubt, zum Allgemeineren, zum Gemeinsamen rückzusteigen und eine erfolgte Festlegung zurückzunehmen.

Wir wollen es uns aber dieser Stelle nicht zu leicht machen und nun einfach das erste Buch als These das zweite als Antithese oder umgekehrt begreifen und eine Synthese unter dem Namen der Dialogbereitschaft, die doch das Gemeinsame beider Seiten markieren müsse, beschwören, sondern in Abrede stellen, dass beide Buchtitel ohne Weiteres zueinander in einem antithetischen Verhältnis stehen können. Suchen wir stattdessen doch zu jedem Buchtitel selbst eine entsprechende Antithese, indem wir einfach die Kontradiktion bilden:

  1. Mit Rechten reden – nicht mit Rechten reden
  2. Mit Linken leben – nicht mit Linken leben

Im ersten Fall ist die Antithese zu der These, man könne, solle, dürfe oder vielleicht auch müsse mit Rechten reden, schlicht, dass man nicht mit Rechten reden könne, müsse, solle oder gar dürfe. Was hier infrage steht, ist also das Gespräch. Man kann es aufnehmen, man kann es aber auch lassen. Die Synthese wäre vielleicht, so trivial sie sein mag, dass eben die Frage, ob man mit „ihnen“ reden soll, umstritten ist. Das ist sicherlich nicht sonderlich spannend. Gehen wir zur zweiten Übung über:

Im zweiten Fall lautet die These, dass man mit Linken leben könne, solle, dürfe oder vielleicht auch müsse. Die Antithese aber, dass man nicht mit Linken leben könne, müsse, solle oder vielleicht dürfe. Was hier infrage steht, ist das Leben. Man kann die Linken töten, man kann es aber auch lassen. Diese These wäre vielleicht, so trivial sie sein mag, dass eben die Frage, ob man die Linken am Leben lassen solle, umstritten ist. Denn wie sollte die Antithese anders dargestellt werden können? Gut, freilich können sich die, die nicht mit Linken leben wollen, können, dürfen oder sollen, auch selbst aus dem Leben befördern, wozu hier ausdrücklich nicht geraten werden soll. Aber davon abgesehen: Dem Titel nach steht hier nicht die Rede, sondern das Leben infrage.

Nebenbei: Freilich wäre es ein Fehler, ein Buch nur nach seinem Einband und also nach seinem Titel beurteilen zu wollen, aber hier geht es nicht um die Bücher insgesamt, sondern nur um deren Titel. Ich glaube jede wird zugeben, dass Buchtitel kein Zufall, sondern Ergebnis einer Überlegung sind. Das mag nicht unbedingt die Überlegung der aus diesem Grund hier ungenannten Autor*innen sein, sondern könnte auch einer Marketing-Abteilung entstammen, aber es wäre damit ebenso abwegig und ein Fehler Buchtitel einfach für nichts zu halten, weswegen ein bisschen Dialektik der Buchtitel (aber nicht der Bücher und vielleicht auch cum grano salis) erlaubt sein muss.

Heißt die Synthese im ersten Fall das Miteinander-Reden und im zweiten Fall das Miteinander-Leben und lassen wir nun diese beiden als These und Antithese einander gegenübertreten, so wird klar: Die Synthese kann nicht die Dialogbereitschaft sein. Die einen überlegen, ob sie reden wollen, die anderen überlegen, ob sie töten wollen. Die Synthese aus beiden ist brutaler: Es ist die Frage danach, ob man wenigstens noch bereit ist, das absolute Minimum gegenseitiger Duldung zu akzeptieren, was nämlich auch dann noch erfüllt ist, wenn man nicht miteinander redet, aber nicht mehr, wenn man nicht miteinander lebt. Es ist daher ein ganz besonders ausgezeichneter Witz, lies: Irrsinn, gerade denen, die sich gegen die Faschisten stellen, mangelnde Dialogbereitschaft vorzuwerfen. Wäre dies kein Irrsinn, so müsste man vielleicht um der Symmetrie willen, die von denen, die diesen Irrsinn so gerne bedienen, so geliebt wird, den Faschisten auch eine mangelnde Bereitschaft vorhalten, aber welche dies ist, sei zur Übung überlassen.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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