Der pünktliche Cui Bono

An der TU Darmstadt beginnt dieser Tage mit dem Beginn der Vorlesungszeit des Wintersemesters auch die „Werbung“ für ein ganz besonderes Veranstaltungsformat: Interdisziplinäre Projekte in der Studieneingangsphase, in denen Studierende unterschiedlicher Fächer ein (allzu) komplexes Problem in einer fachlich heterogenen Gruppe bearbeiten sollen. Die hochschuldidaktischen Überlegungen und Hintergründe kann man hier nachlesen.

In den Jahren 2012–2014 war ich beim Institut für Philosophie als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Koordination des „Philosophie-Teils“ der Projektwoche verantwortlich. Ende 2013 führten wir eine Projektwoche seinerzeit zu einem Thema durch, das 2015 eine unerwartete, neue Aktualität erhielt, als zehntausende Menschen für die Balkanroute nach Mittel- und Westeuropa strömten und wir für einige Zeit nicht mehr ignorieren konnten, was wir (bis heute) im Mittelmeer anrichten. In der Projektwoche handelte es sich um die Aufgabe, ein Konzept zu entwickeln, um in kürzester Zeit eine große Zahl von Menschen versorgen (bekleiden, behausen, ernähren, …) zu können, die aus einem ungenannten Grund ihre Heimat verlassen mussten. Im Fokus waren dabei insbesondere Probleme der Koordination, der Versorgung, der Gesundheit, der Sicherheit etc.

Einige Wochen nach der erfolgreichen Durchführung der Projektwoche erschien in der Zeitung „Lesezeichen“ des AStA der TU Darmstadt auf Seite 7 eine Kritik an unserer Veranstaltung, die man hier nachlesen kann. Die Kritik war anonym, sparte nicht mit Vorwürfen, aber verdrehte – was uns besonders ärgerte – die Aufgabenstellung bis zur Unkenntlichkeit. Schon der Aufmacher der Ausgabe („TU Darmstadt findet Formel gegen Armut“) deutete an, dass die Autor*innen sich nicht wirklich mit der Aufgabe befasst hatten. Damals entschieden wir uns gegen eine Reaktion auf den Artikel: eine anonyme, abwegige Einzelmeinung eben.

Heute tauchte jedoch und zwar ziemlich pünktlich zur diesjährigen Bewerbung der Projektwoche der Artikel auf Facebook wieder auf. Man kann sich überlegen, ob es ein Zufall ist, dass der Text nicht vergessen wurde und ob vielleicht jemand eine Projektwoche, an der ich übrigens nicht mehr beteiligt bin, gerne in Verruf bringen möchte. Ich weiß es nicht. Diesmal habe ich mich aber dazu hinreißen lassen, eine Antwort zu formulieren und auf Facebook zu stellen. Ich dokumentiere meine Antwort im Folgenden:

Die damalige Kritik an dem KIVA-Projekt war abwegig und zeugte von einem völligen Missverständnis der damaligen Aufgabenstellung. Sie wurde von einer Person geschrieben, die weder das Projekt noch die gewählte Aufgabenstellung kannte. Was sich hier als „Kritik“ ausgibt, bezog sich offenbar ausschließlich auf die Bewerbung der Veranstaltung sowie einiger eher peripher wahrgenommener Aussagen. In der Folge geriet die „Kritik“ zu einer eher wirren Ansammlung von abwegigen Rassismusvorwürfen, die mit regelrecht irren(!) „Gegenvorschlägen“ vermischt wurde. Dagegen hätte schon ein eher kurzer Blick in das thematisch einschlägige UNHCR-Handbuch für Notfälle die Autor*in von diesem Holzweg abgehalten. Um ein vielleicht eingängiges Beispiel zu nennen: Gerade die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass die Vorstellung, durch welche Ereignisse auch immer könnte eine größere Zahl Menschen in sehr kurzer Zeit versorgt (behaust, bekleidet, ernährt, …) werden müssen, erschreckend realistisch ist. Die Aufgabenstellung zielte auch tatsächlich darauf, den Menschen in einem glücklicherweise hypothetischen Szenario ihre Grundbedürfnisse zu sichern und ihnen dadurch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zurückzugeben. Das hätte die Autor*in wissen können, hätte sie sich die Mühe gemacht, die Aufgabenstellung zu lesen. Stattdessen beklagt die Autor*in in einer Attitüde, die sie* wohl für „kritisch-reflektiert“ hält, dass die Aufgabenstellung den Geflüchteten nicht die notwendige Selbstorganisation zugetraut hätte, sondern sie (rassistisch) als „rückständig“ konstruiert hätte. Nun wird wohl jeder halbwegs verständige Mensch, dem die Bilder der Balkanroute noch vor Augen stehen, einsehen können, dass hungernde, frierende, knöcheltief im Schlamm stehende Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Bildungsgrads, Gesundheitszustands, … nicht primär an einer Vollversammlung, einem Plenum und einer anschließenden konsensual beschlossenen Resolution für den Weltfrieden interessiert sein werden, sondern tatsächlich um das nackte Überleben kämpfen. Die Forderung, man dürfe sich nur dann über Behausung, Bekleidung, Ernährung, … dieser Menschen Gedanken machen, nachdem diese in einen machtfreien demokratischen Willensbildungsprozess eingetreten sind, ist eine grotesk abwegige Forderung, die wohl nur einem völligen Mangel an Reflexion über den eigenen Wohlstand entstammen kann. Die Autor*in, die mir durch eine Indiskretion der damaligen Redaktion mittlerweile namentlich bekannt geworden ist, hat an der Veranstaltung seinerzeit nicht teilgenommen. Im Gegensatz dazu haben sich übrigens die Dozent*innen, die damals an der Planung und Durchführung der Projektwoche beteiligt waren, im letzten Jahr in der Flüchtlingshilfe engagiert, also die Frechheit besessen, sich tatsächlich die Finger schmutzig zu machen, um Menschen zu helfen. Die Position, man müsse angesichts der konkreten Not von Menschen, erst einmal die Machtstruktur des Spätkapitalismus reflektieren, erscheint mir bestenfalls fragwürdig. Ich halte es dagegen mit dem alten Brecht, der darauf bestand, dass vor der Moral noch immer das Fressen komme.

Die Autor*in wäre tatsächlich zu loben gewesen, wenn sie an der Veranstaltung kritisch teilgenommen und solche Fragen gestellt hätte. Sie hat nicht an der Veranstaltung teilgenommen, sondern sich anschließend einen überaus wirren Text zusammen phantasiert, der mit der tatsächlichen Veranstaltung selbst nicht viel zu tun hatte. Wir als Lehrende wünschen uns kritische Studierende, die ganz genau nachfragen und auch unsere (versteckten) Voraussetzungen in Frage stellen. Wir wünschen uns aber auch, dass die Kritik in einem sachlichen Zusammenhang zu dem steht, was kritisiert werden soll, und die Kritik in einer Weise vorgetragen, auf die sinnvoll geantwortet werden kann. Für eine Diskussion bin ich zu haben, für anonyme Rassismusvorwürfe jedoch nicht.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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