Strategien des Nichtverstehens

Ich bin in Hubig, Christoph: Dialektik und Wissenschaftslogik. Eine sprachphilosophisch-handlungstheoretische Analyse (Berlin/New York: de Gruyter 1978, hier: S. 5f) auf eine kleine Schelmerei gestoßen: Strategien des Nichtverstehens.

Hubig möchte eine meta-metasprachliche Analyse von Methodenstreits, also metasprachlichen Auseinandersetzungen über die Methoden in jeweiligen Fachwissenschaften, vornehmen und markiert dazu unter jenem Titel einige Kennzeichnen solcher Methodenstreits. Des geht also um Nichtverstehen in wissenschaftlichen Diskurssystemen, aber vielleicht kann man die eine oder andere Idee auch einmal zur Probe (und sei es zum Trollen) im Alltag ausprobieren.

Der Titel jedenfalls ist freilich eine Provokation: Strategien sind immer mit Planung, planvollem Handeln verbunden, so dass eine Strategie des Nichtverstehens immer schon impliziert, dass absichtlich etwas nicht verstanden wird. Das ist die eine Richtung des Genitivs.

Nun kann niemand – letzte Vorbemerkung meinerseits – in einer Diskussion mit dem Satz erfolgreich sein, sie (oder er) wolle nicht verstehen. Verstehen-Wollen und sogar Verständnis müssen mindestens simuliert werden. Das macht es in der anderen Richtung des Genitivs nötig möglich, überhaupt eine positive Strategie zum von vornherein negativen Nichtverstehen zu entwickeln.

Hubig konstatiert drei Strategien:

  1. Übersetzungsstrategien: Man übersetzt die Argumente der Gegner*in in eine (eigene) Sprache, die man als (singuläre) Diskussionsvoraussetzung ausgibt. Dabei setzt man diese Sprache selbst fest. Sie ist also gerade kein gemeinsames Resultat der Streitparteien. Hubigs Beispiel sind „analytische Rekonstruktionen“, die Argumente der Gegner*in in einem ihren Argumenten fremden, formalen Methoden analysiert und so letztlich unter der Vorgabe einer „Rekonstruktion“ einen Strohmann errichtet. Auf diese Weise kann man behaupten, man befasse sich gründlich mit den Argumenten der Gegner*in, hat diese aber längst „wegübersetzt“.
  2. Reduktionsstrategien: Man bekämpft die Argumente der Gegner*in, indem man sie in die eigene Terminologie, die man verteidigen will, überführt und dort auf allgemeinere oder ähnliche Positionen zurückführt oder sie mit diesen kontrastiert. So lassen sich Argumente der Gegner*in beispielsweise als vage oder ungenau denunzieren. Während man in der Übersetzungsstrategie noch eine Rekonstruktion vornehmen, also in der eigenen Terminologie etwas konstruieren muss, reicht es hier aus, die Methode der Gegner*in als schlechten Abklatsch oder als falsche Verwendung desselben auszugeben. Oder man „übersieht“ bei der Reduktion „etwas“, das in der eigenen Terminologie nicht ausdrückbar ist. Methodische Entscheidungen der Gegner*in lassen sich so leicht ignorieren. Und was nicht ausdrückbar ist, das lässt sich noch leichter ignorieren.
  3. Trivialisierungsstrategien: Man beraubt die gegnerische Position ihrer „Spezifik“ (Hubig), etwa indem man nachweist, dass das Argument von einem selbst oder woanders bereits sehr viel präziser, expliziter oder allgemeiner formuliert werden kann. Oder man verweist die gegnerische Theorie in einen vorwissenschaftlichen (oder vorkritischen oder naiven) Bereich, so dass sie zwar nicht als falsch, aber so doch als undeutlich oder undurchdacht erscheint, während man selbst bereit erscheint, die nötige Aufräumarbeit zu leisten.

Die Liste ist sicher nicht vollständig und die drei Strategien sind sicher nicht scharf voneinander abgegrenzt. Die Liste erlaubt aber einen kleinen Witz der Selbstbeobachtung: Wie oft benutzt man selbst diese oder solche Strategien z.B. in einer interdisziplinären Auseinandersetzung? Mir erscheint, ich mache das erschreckend oft.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
Dieser Beitrag wurde unter Interdisziplinarität, Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.