Vom Hokuspokus zum Aspirin und zurück

Habt Ihr diesen unsäglichen Jubel-Artikel über „alternative Heilmethoden“ in der Zeit gesehen? Wenn man den so liest, kann man eigentlich den Eindruck bekommen, dass Globuli die Antwort auf alle Fragen sind und dass Heilpraktiker einen uralten Schatz phantastischen Wissens horten. Wenn man sich aber auch nur ein bisschen auskennt und genauer liest, kommt man um folgende Feststellungen nicht umhin:

  • Pflanzliche Arzneien und Hokuspokus wie Homöopathie werden mal wieder in einen Topf geworfen. Dass die Medizin durchaus auch pflanzliche Substanzen einsetzt wird unterschlagen und stattdessen wird in einer unglaublich blödsinnigen Formulierung behauptet, die Pharma-Industrie entwerfe gefährliche Chemiekalien am Reißbrett.
  • Das, was die Schulmedizin von „alternativen Heilmethoden“ lernen kann, läuft letztlich auf „Nimm Dir mehr Zeit für Deinen Patienten!“ hinaus. Zur Untermauerung wird darauf verwiesen, dass Ärzte in Deutschland sich im Durchschnitt nur wenige Minuten Zeit für ihre Patienten nehmen. Nur was fließt alles in den Durchschnitt ein? Ja, auch Menschen, die aus Langeweile zum Arzt gehen und daher völlig zurecht in wenigen Minuten abgefertigt werden und natürlich auch Menschen, die in einer Grippe-Saison mit eindeutigen Grippe-Symptomen in eine mit Grippe-Patienten überfüllte Arztpraxis gehen. Soll der Arzt sich da wirklich um die Geschichte des Stuhlgangs der Großmutter väterlicherseits bemühen oder soll er einfach das machen, was allen anderen mit dem offenbar gleichen Virus auch geholfen hat? Wenn sich unsere Ärzte wirklich auf so eine beknackte Erhebung der Krankengeschichte einließen, wäre der Kassenbeitrag noch höher und das Geschrei noch größer.
  • Das, was die „Alternativmediziner“ von der Schulmedizin lernen könnten, ist, was ja auch richtig ist, die wissenschaftliche Methode. Natürlich ist auch der bis zum Erbrechen kolportierte Einwand der Hokuspokus-Praktiker nicht weit, man könnte ihren ganzheitlichen Ansatz eben nicht untersuchen. Natürlich kann man nicht mit wissenschaftlichen Standards den Einfluss großelterlicher Stuhlkontinenz auf eine Knabenurin-Therapie bei Vollmond untersuchen. Und wieso nicht? Weil es einfach nur Geschwafel und Geschwätz ohne jene sinnvolle Struktur ist.
  • Was auch nicht fehlt, ist der Vorwurf an die Schulmedizin, sie behandele ja nur Symptome und interessiere sich nicht für die „tiefere Ursache“ einer Erkrankung. Nun, bei einer Erkältung, die der Körper selbst bewältigen kann, mag sie das so handhaben und nur die Symptome lindern. Aber nehmen wir doch mal das Beispiel Krebs: Wo untersucht die Wissenschaft denn die Ursachen dieser Erkrankung genauer und wo hat sie es bisher gründlicher vermocht, hochspezialisierte Behandlungsmethoden zu entwickeln. Oder das Beispiel AIDS: Antivirale Medikamente, die Millionen Menschen das Leben retten können, sind in Laboren entstanden und nicht von irgendeinem durchgeknallten Schmierfinken Ende des 18. Jahrhunderts zusammengeschwurbelt worden. Ohja, die Homöopathie enthält gar kein „altes“ Wissen von irgendwelchen Naturvölkern, was uns einige – Achtung: größtmögliche Beleidigung der menschlichen Vernunftbegabtheit voraus! – schamanische Vollpfosten so gerne einzureden suchen. Vielmehr wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts erdacht – erfunden will man nicht sagen, da da zuviel an „Suchen“ drin steckt. Und was tut diese Homöopathie? Sie verdünnt giftige Substanzen wie Arsen und Tollkirsche astronomisch klein, wählt sie nach dem Kriterium aus, ob die Substanz unverdünnt die Symptome auslösen kann, die behandelt werden sollen und verabreicht diese zusammen mit einer hohen Rechnung. Wer mir nicht glaubt, sollte sich mal die Mühe machen, den Wikipedia-Artikel zu Homöopathie zu lesen. Ich hab mir das alles nicht ausgedacht. Die waren es.
  • Neu ist mir allerdings die Abgrenzung des Homöopathen-Geschwurbels von nicht weniger bizarren Praktiken anderer Quacksalber. Vergleicht man den Unfug der Homöopathie mit dem des Ohrkerzen-Gurus, dann erscheint die Homöopathie tatsächlich sinnvoller. Aber eben nur solange man nicht zu genau hinsieht und sich nicht klar macht, dass die bizarren Theorien der Homöopathie nur dann funktionieren können, wenn sich die Wissenschaft über die physikalische Natur des Universums gründlich irrt. Da aber Homöopathie in wissenschaftlichen Tests nie einen belastbaren Behandlungserfolg vorweisen konnte, aber dafür mehr als die Hälfte unserer Volkswirtschaft auf den Erkenntnissen der Quantenmechanik aufsetzt, bin ich sicher, dass ich nur ein verblendeter Fundamentalist bin, wenn ich der empirisch überprüfbaren Physik einen gewissen Vorzug einräume. Die Zeit nimmt allerdings den anderen Ausweg und schwafelt mal wieder von Pflanzen, wenn sie Hokuspokus meinen. Und zur Untermauerung dieses blödsinnigen Geschwätzes erdreistet sich der Autor auch noch auf den Erfolg einer Vitamin-C-reichen Ernährung bei Skorbut zu verweisen. An diesen Stellen wünscht man sich dann immer, dass vorsätzliche Verdrehung offensichtlicher Tatsachen hart bestraft würden und hat Mühe, den Sinn der Meinungsfreiheit noch einzusehen. * Nun aber, wo der Leser mit einer absurden Gleichsetzung von Hokuspokus mit von Pflanzen hergestellten Chemiekalien ausreichend benebelt ist, kann der Autor endlich das Beispiel Aspirin bringen, das ja ein weiterentwickeltes Extrakt der Weidenrinde sei. Ratet mal, wieso man es weiterentwickelte! Na, weil die natürliche Version harte Nebenwirkungen (z.B. Magenblutungen) hat und die am Reißbrett der bösen chemischen Industrie entwickelte Modifikation besser verträglich ist. Was passiert dann erst, wenn die chemische Industrie in Globuli richtige Wirkstoffe reinmacht? Wäre das nicht grandios? Stellt Euch mal vor, man könnte in der Apotheke kleine, weiße Kapseln oder Perlchen kaufen, die einen Sotff enthalten, der sich in wissenschaftlichen Studien als wirksam gegen bestimmte Erkrankungen erwiesen hat. Ich schlage vor, wir nennen diese verbesserten Globuli „Tabletten“. Dass da früher niemand drauf gekommen ist!
  • Gegen Ende des Artikels wird der Autor dann wieder versöhnlich und lobpreist den Gewinn, den die wissenschaftliche Medizin aus der Untersuchung natürlicher Substanzen ziehen kann. Er verweist darauf, dass auch diese Substanzen Nebenwirkungen haben und nicht gedankenlos eingenommen werden sollten. Das ist ja alles richtig und eigentlich möchte man zustimmen, würde man aufgrund der zuvor verbreiteten Lügen nicht noch kotzend über der Schüssel hängen. Es ist ein altbekannter rhetorischer Trick, einem Zuhörer eine bizarre Lüge durch noch mehr Lügen schmackhaft zu machen und ihm am Ende eine so offensichtliche Wahrheit zu unterbreiten, dass er den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit nicht mehr erkennt. Das funktioniert meistens deshalb gut, weil es nicht so plump ist, dass es von wirklich jedem nachgeahmt werden könnte. Für die Freunde formaler Argumentationsschemata: Der Trick geht etwa so: Man behauptet immer wieder, A sei B, betont, dass A aber nicht C sei und verdammt C, obgleich die Argumente hierfür auch auf A zutreffen. Anschließend lobpreist man B solange, dass der Zuhöhrer sich nur noch Vage an den angeblichen Unterschied zwischen A und C und an die Gleichsetzung von A und B erinnert, die ja auch irgendwie plausibel klang. Nachdem nun die Sympathie für B bereitet wurde, schlüpft man in das Gewand des Kritikers, mäkelt ein bisschen an B herum, kommt aber doch zu einem positiven Bescheid. In dieser zunächst kritischen Bewegung gegenüber B vergisst der Zuhörer alle Zweifel an der Kategorisierung von A/B/C und bei der anschließenden Rückkehr zum positiven Bescheid über B reißt man in der Wahrnehmung des Zuhörers A wieder mit. – Da übrigens aus dem Falschen das Beliebige folgt, eignet sich dieses Schema für praktisch alle Augenwischereien.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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