Sprecht mit Aliens!

SPON berichtet mal wieder, dass Stephen Hawking uns davor warnt, mit Aliens zu reden, weil diese vielleicht nomadisch durch die Gegend ziehen und Planeten, die sie finden, ausplündern.

Das ist zwar möglich, aber was wird in diesen Überlegungen unterschlagen?

  1. Das Weltall ist groß, also wirklich verdammt groß und die Suche nach Exoplaneten deutet darauf hin, dass es verdammt viele Körper gibt, unter denen sich auch eine Menge Körper befinden dürfte, auf denen es Rohstoffe gibt, deren Abbau sich lohnt. Und die bewohnbaren Planeten werden auch nicht alle mit intelligenten Wesen bevölkert sein, sondern die meisten solcher Planeten werden sich in einer Phase der Evolution befinden, in der Wesen existieren, die Pflanzen und einfachen Tieren ähneln – das vermutet ja auch Hawking. Wir sind also nicht ein besonderes Ziel, sondern vermutlich nur eines unter Millionen möglichen Zielen und wahrscheinlich nicht das attraktivste.
  2. Es ist nicht ausgemacht, wieso eine Gesellschaft, die ein technologisches Niveau erreicht hat, um interstellare Reisen zu unternehmen, derartig homogen sein sollte, wie Hawking es notwendig unterstellen muss. Komplexe Systeme erfordern eine hoch arbeitsteilige Gesellschaft, die nicht einfach nur aus Arbeitern, sondern aus hochspezialisierten und ausgebildeten Individuen besteht. Es ist anzunehmen, dass eine solche Gesellschaft, die dazu noch nomadisch sein müsste, nicht von einem zentralen Willen gesteuert wird, sondern dass sie überaus heterogen ist. Gleichzeitig korreliert ein hohes technologisches Niveau nach unserem Wissen mit Wohlstand und einer Entwicklung von Kunst und Kultur. Es ist daher anzunehmen, dass sich in einer solchen Gesellschaft auch ethische Diskurse entwickelt haben, sodass es zumindest nicht unumstritten wäre, wenn die Alien-Regierung beschließt, die Erde auszuplündern, während man ebenso den Mars oder den Asteroidengürtel ausplündern könnte, während ein Haufen Exoethnologen sich diesen komischen dritten Planeten ansieht.
  3. Überlegt man umgekehrt, dass die Aliengesellschaft unter starkem wirtschaftlichem Druck steht, sodass sie sich genötigt sieht, auf Wissenschaften wie Ethnologie, Kunstgeschichte oder Philosophie zu verzichten, dann gilt das gesagte um so mehr: Sicher hätten die Aliens technologisch die Möglichkeit, uns zu vernichten, aber dies wird mit einer guten Chance die Bewohnbarkeit unseres Planetens beenden (im Falle von Waffen, die den Planeten sterilisieren) oder riesige Kosten verursachen (im Falle von Terraforming-Waffen), sodass es wirtschaftlich bestimmt attraktiver erscheint, unbewohnte Planeten auszuplündern: Schließlich ist der Unterhalt einer Besatzungsarmee überaus teuer, was der Annahme der wirtschaftlichen Notlage widerspricht. Vermutlich also unterhält die Aliengesellschaft Geistes- und Kulturwissenschaften oder ist zu arm für Krieg und/oder Besatzung.
  4. Und was ist mit Sklaven? Wieso könnten uns Aliens nicht einfach versklaven? Nun, wenn diese Gesellschaft technologisch so hoch entwickelt ist, dann wird ihr Bedarf an unausgebildeten Arbeitern gegen Null gehen. Wollte man uns also als Sklaven in eine Aliengesellschaft integrieren (mal angenommen, man würde uns nicht für zu dumm halten…), dann müsste man unsere Bevölkerung massenhaft ausbilden und an die Alientechnologie heranführen. Das ist, wie wir wissen, teuer und kommt also nicht in Frage, wenn die Aliengesellschaft in einer wirtschaftlichen Notlage befindet. Ist das nicht der Fall, dann werden wahrscheinlich Geistes- und Kulturwissenschaften bestehen und die Aliens werden sich für uns auf einer ganz anderen Ebene interessieren. Nehmen wir aber einmal an, dass sich die Aliengesellschaft doch dazu entschließt, uns als hochgradig ausgebildete Arbeiter in ihre Gesellschaft zu integrieren. Entweder würden wir es aufgrund des brillanten Geschicks der Aliens nicht merken oder wir würden merken, welche Rolle wir spielen. Merken wir es nicht, dann hätten wir uns nicht zu beklagen. (Wer sagt eigentlich, dass wir nicht längst eine Art interstellares Bollywood sind und massenhaft Soaps für einen verdammt großen Markt produzieren. Schließlich strahlen wir den ganzen Kram elektromagnetisch ab. RIAA, übernehmen Sie!) Nehmen wir also an, wir würden es merken. Dann hätten wir die Chance uns daraus zu befreien oder nicht. Nehmen wir an, wir wüssten um unsere Lage und dass wir uns nicht befreien können. Da wir nun aber hochausgebildete Sklaven sind, werden wir aufgrund unserer Kenntnisse stets in der Lage sein, die Forderungen unserer Herren zu unterlaufen, da wir eben langsamer forschen oder einfach keine Ergebnisse erhalten. Während nämlich das Abernten von Baumwolle leicht anhand der erhaltenen Menge Baumwolle gemessen werden kann, ist das Abschätzen der Qualität von Forschung viel schwieriger. (Wir dürfen hier nicht vergessen, dass wir nach Voraussetzung keine Arbeiten übernehmen, die automatisierbar sind.) Auch als Sklaven einer Alienrasse gilt für unsere Wissenschaftler: Angst und Stress hemmen Kreativität. Wer in nackter Angst lebt, kann an einem Fließband stehen, aber wohl nur schwerlich Subraumquantenphysik betreiben. Wirtschaftlich lohnender für die Aliens wäre es also, uns, sofern wir uns unserer Lage bewusst sind, als Arbeiter zu integrieren, die Chance zum Aufstieg haben, sodass wir stets Handlungsoptionen haben. Diese Handlungsoptionen können entweder real oder simulativ sein. Sind sie simulativ, werden wir das irgendwann merken oder nicht. Merken wir es nicht, bemerken wir unsere Lage nicht, was der Voraussetzung widerspricht. Merken wir, dass es simulativ ist, merken wir, dass wir in aussichtsloser Lage sind. (Zugegeben: Hier verläuft die schmale Linie zwischen blanker Not und einer aussichtslosen Lage. Kafka, übernehmen Sie!) Wir müssen also nun denken, dass wir unsere Lage einsehen und unsere Handlungsoptionen real sind. Dann werden wir auch die Möglichkeit zu einem realen Aufstieg haben und damit keine Sklaven mehr sein. Die Übersetzung in Begriffe mit fließenden Grenzen ist möglich und sei dem Leser zur Übung überlassen. (Wer diese Situation für eine unglaubliche Grausamkeit hält, mache ich sich bitte die Struktur unseres Wirtschaftssystems klar.)
  5. Und was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir Kontakt zu einer Aliengesellschaft bekommen, die uns nicht ausplündern will (obgleich sie es vielleicht mit anderen Planeten tut) und die uns nicht versklaven will (obgleich sie uns als Arbeitskräfte akzeptieren würde)? Nun, dann würden auch wir uns verändern. Wir hätten die Chance sehr viel zu lernen und nach einer Reihe von Missverständnissen und wahrscheinlich auch Konflikten, würden wir lernen, miteinander auszukommen. Dass es Krieg gibt, halte ich nicht für sehr wahrscheinlich. Gegenwärtig wären wir nicht in der Lage, die Aliens vom Ausplündern des Mars abzuhalten und dies wäre für sie wohl billiger. Würden wir also über Kontakt mit ihnen verfügen können, dann wohl mit ihrem Willen und damit wohl auch mit ihrem Einsehen in die Schwierigkeiten eines solchen Kontakts. Ja und wenn unsere Gesellschaft dann in einer interstellaren Gesellschaft aufgeht? Nun, dann ist es eben so. Den ewigen Erhalt unserer Kultur in ihrer jetzigen Form zu fordern, ist allenfalls reaktionär und wer sich damit begnügt, die Erinnerung an unsere Kultur zu konservieren, der sollte sich für historisch arbeitende Wissenschaften aussprechen. Bücher, über die Geschichte unseres Planeten, werden sicher auch von anderen Spezies mit Interesse gelesen.
  6. Sollen wir Aliens also mittels aktiver SETI anlocken? Natürlich! Ist die Aliengesellschaft in einer wirtschaftlichen Notlage, wird sie wohl nicht einen Umweg machen, um uns auszuplündern, sondern das tun, was wirtschaftlich geboten ist und das wird sie sowieso tun – ob nun mit oder ohne SETI. Kann die Aliengesellschaft sich aber den Luxus leisten, unserem Ruf Folge zu leisten, dann ist sie höchstwahrscheinlich keine Gefahr, sondern wird uns schlimmstenfalls erforschen. Und diese Folgen sind nun wirklich überschaubar.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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6 Kommentare zu Sprecht mit Aliens!

  1. Du vergisst Option Nummer 7.: Die Aliens beschließen, dass Menschen eine besonders leckere Delikatesse sind… Dann werden sie uns ungeachtet wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Ausgangslagen dennoch übles antun. 🙂

  2. Phaidros sagt:

    Hehe, ich bin mir absolut sicher, dass es nicht schmackhafteres im Universum gibt als ein mit Medikamenten vollgepumpter Affe, der die Primzahlen beherrscht und eigentlich auf den Sondermüll müsste… 😉

    Mal im Ernst: Vermutlich steht dem die Gefahr einer Exozoonose entgegen. Wir können ohne unsere Bakterien ja nicht leben und die Menschenfarmen wären wohl eine ziemliche Gefahr für Aliens, da deren Immunsystem (sofern sie sowas haben) unseren Erdmist ja gar nicht kennt. Zwar sterben Mikroben beim Erhitzen, aber da nicht alle Eiweiße denaturieren, ist gar nicht klar, ob wir nicht dennoch giftig für sie sind, also ob die uns überhaupt verdauen können. Mich würde es eh überraschen, wenn wir in der Lage wären, E.T. die Hand zu schütteln. Vermutlich werden wir aus biologischen Gründen voneinander isoliert bleiben oder einen riesigen Aufwand treiben müssen…

    Ansonsten gibt es natürlich das wirtschaftliche Argument, dass es leichter und billiger ist, Wega-Rinder zu züchten anstatt die halbe Galaxis für ein Stück Fleisch zu durchqueren…

  3. rauskucker sagt:

    1. Wär schön, wenn du ein paar Absätze einfügen könntest, zur besseren Lesbarkeit.
    2. Punkt 2 finde ich spannend. Er setzt aber voraus, daß es sich bei der galaktischen Alien-Zivilisation immer noch um biologische Wesen handelt. Mir kam dabei die Idee, daß es ja auch um Roboter mit einer zentralen Computerintelligenz als Führungszentrum handeln könnte. Die keine Ambitionen zu irgendwelchen weiteren Entwicklungen und Rebellionen haben. Was aber wenig an deinen weiteren Schlüssen ändern würde.
    und 3. meine ich, daß keine Alien-Invasion mit noch so brutalen und menschenverachtenden Wesen schlimmer für uns und für diesen Planeten sein könnte, als das, was wir zur Zeit unter dem kapitalistischen Gesellschaftssystem uns und der Erde antun.
    Ich kann im Gegenteil manchmal überhaupt nur noch Hoffnung darin finden, daß es vielleicht irgendwann mal einen Kontakt geben wir und wir „die“ um Rat und Hilfe bitten können.
    (und zwar telefonisch. Ein Herkommen dürfte fast unmöglich sein.)

  4. Phaidros sagt:

    Zu Punkt 2: Hm, ja, es ist sicher nicht unmöglich, dass eine Gesellschaft tatsächlich in der Computerisierung untergeht und eine reine „Technosphäre“ zurückbleibt. Allerdings wird auch dies keine total zentrale Gesellschaft sein. Zentrale Systeme funktionieren nicht gut und skalieren auch nicht recht. Gerade bei einer Gesellschaft, die über Lichtjahre hinweg verbreitet ist, ist dies ein Problem. Sollte sich das technische System dennoch irgendwie zentral steuern lassen wollen (durch Vorgabe von Strategien etc.), dann würde das Sicherstellen der jeweils lokalen Compliance die notwendige Anpassungsfähigkeit verunmöglichen. Andererseits würde die lokale Anpassungsfähigkeit bedeuten, dass die Gesellschaft gelernt hat, große Unterschiede auszuhalten und müsste als tolerant sein.

    Das wäre ein interessantes Argument: Eine Gesellschaft, die über Lichtjahre verteilt ist, ist oft auf Jahrezehnte hinaus in Teile geteilt, die kaum Kontakt zueinander hätten. Diese Teile würden sich sehr schnell differenzieren (Man kann schon nach 40 Jahren ost-deutsche von west-deutscher Kultur unterscheiden.), sodass die Gesellschaft eine Technik entwickeln müsste, damit umzugehen. (Es wäre unwirtschaftlich, wenn eine Gesellschaft stets in einem Stück bliebe. So groß könnte die wirtschaftliche Not dann also nicht sein.) Wir kennen den Effekt übrigens aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskampf.

    Bzgl. des Kapitalismus bin ich sehr ambivalent: Die feudalistischen oder sozialistischen Gesellschaften waren selten umweltschonender, aber stets menschenverachtender. Es ist nunmal ein historischer Fakt, dass die freisten und demokratischsten Gesellschaft die kapitalistischen sind. Darauf habe ich keine bessere Antwort, als dass der Kapitalismus doch nicht das schlimmste aller denkbaren Systeme sein kann und ich kein besseres kenne. Aber das gehört eigentlich nicht hierher 😉

  5. rauskucker sagt:

    Egal, wie du es nennst: die menschheit zerstört sich, ihre eigene zivilisation, ihr lebensgebiet. das hat schon vor tausenden von jahren angefangen. und solange es weitergeht, bleibt die hauptfrage: wie es beenden.

    ich vermute, wenn die fremdwesen, die wir irgendwann mal entdecken werden, halbwegs so ähnlich sind wie wir, also eine planetare gesellschaft von individuen, die sich im laufe der zeit zu immer größeren gemeinschaften zusammengeschlossen haben und dabei eine technische zivilisation
    aufgebaut haben, und wenn sie weiter sind als wir, also schon seit tausenden oder millonen von jahren auf hohem technischen niveau überdauern:

    dann werden sie, wenn wir sie fragen, wie sie die aggressivität und die ökologische zerstörung überwunden haben, uns sagen:

    seht, wir hatten genau das gleiche problem wie ihr. wir haben dann beschlossen, das eigentum generell abzuschaffen. jetzt gilt: jeder nach seinen fähigkeiten, jedem nach seinen bedürfnissen. und alle entscheiden
    zusammen. seitdem geht es uns besser.

    das wußten wir bloß schon, das hat uns ja marx gesagt (jesus auch.) unsere frage war: WIE habt ihr das besitzdenken überwunden?

    (und während ich das schreibe, kommen in den frühnachrichten lauter meldungen, in denen es um geld, milliarden, schulden, krieg, ölpest (und nebenbei, religiöse symbolik) geht.)

  6. Phaidros sagt:

    Also ich vermute ja eher, dass die Antwort auf die Frage: „Wie habt Ihr Euch selbst überlebt?“ lauten wird: „Wir haben Religion und politische Verblendung abgeschafft. Wir haben gelernt, dass es besser ist, die Leute in Ruhe zu lassen, ihnen so viel Freiheit wie möglich zu lassen und nur soviel zentral zu steuern wie unbedingt nötig. Diesen Blödsinn, den Ihr Marxismus nennt, haben wir also auch überwunden. Das wichtigste überhaupt ist ja das vernünftige Nachdenken und nicht dieses romantische Herumgejammere, dass sich etwas ändern muss. Vernunft und Wissenschaft funktionieren und wenn es ein Problem gibt, dann löst man es mit noch mehr Wissenschaft – nicht mit weniger. Und das Problem mit Euren internationalen Großkonzernen? Ja, das ist ein bisschen kompliziert. Vielleicht wäre es mal ein Anfang, wenn Ihr die Sprachen der anderen lernen würdet, nicht mehr von Nationen faseltet, sondern Euch so weit zusammenschließt, dass Eure Demokratien den Konzernen wieder gewachsen sind. Ihr könntet auch das Eigentum einzelner begrenzen, z.B. mit einer Vermögenssteuer, und behutsam regulierend eingreifen, wo es unbenötigt nötigt ist. Anders als durch einen Markt bekommt Ihr eine Weltgesellschaft jedenfalls nicht gesteuert. Es gibt keine Intelligenz, die das überblicken kann.“

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