Künast D120

Ich schrieb Renate Künast eine E-Mail:

Liebe Frau Künast,

ich schätze die Grünen seit vielen Jahren als moderne und selbstkritische Alternative zu den so genannten Volksparteien. Ich stimme zwar nicht in allen Punkten mit Ihrer Partei überein, doch entspricht das von Ihnen vertretene Gesellschaftsmodell und Ihr Engagement für eine moderne Energie- und Bürgerrechtspolitik am ehesten meinen Vorstellungen.

Daher bin ich über Ihre Forderung, der GKV auch weiterhin die Übernahme von homöopathischen „Behandlunen“ zu gestatten, erschrocken und traurig. Laut tagesschau.de sagten Sie:

„Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.“

Sie haben vollkommen Recht, dass die wissenschaftliche Medizin, wie sie an unseren Universitäten gelehrt wird und die unsere Lebensqualität über jedes in der Menschheitsgeschichte bekannte Maß hinaus gehoben hat, auf natürliche Produkte zurückgreift, auch wenn diese teilweise nur nachgeahmt werden. Das bekannteste Beispiel dürfte Aspirin sein, das heute großtechnisch hergestellt
wird, aber ursprünglich auf einem Extrakt aus der Weidenrinde basiert. Zwar darf hier nicht vergessen werden, dass das ursprüngliche Extrakt, das von Menschen seit Jahrtausenden erfolgreich gegen Schmerzen eingesetzt wird, den Magen schädigt und die Modifikation der ursprünglichen Substanz durch die Industrie somit tatsächlich einen Fortschritt darstellt, aber auch Salbei und
Eukalyptus, die ich für die Selbstmedikation bei leichten Erkältungen überaus schätze, sind klassische Beispiele für den großen Nutzen, den unsere Zivilisation aus dem „Wissen“ der Natur ziehen kann.

Umso erschrockener bin ich aber darüber, dass Sie offenbar nicht zwischen Homöopathie und Heilmitteln „aus der Natur“ differenzieren: Homöopathie basiert gerade nicht auf natürlichen Substanzen und fixiert auch kein Jahrtausende altes Wissen, sondern ist eine esoterische Lehre, die Ende des 18. Jahrhunderts von Samuel Hahnemann erfunden wurde. Der Name „Homöopathie“ kommt aus dem altgriechischen und bedeutet dort „das Gleiche“ und „Leiden“ (ὅμοιος, πάθος). Um Homöopathie zu verstehen, muss man diesen Namen wörtlich nehmen: Der Grundgedanke der H. ist, dass solche Substanzen Krankheiten heilen
können, deren Symptome sie auslösen, sofern sie auf eine bestimmte Weise zubereitet wurden. So vertreten Homöopathen die Auffassung, dass Bella Donna, also die (giftige) schwarze Tollkirsche, ein Mittel gegen Krämpfe, Fieber, Hirnhautentzündung(!) und Tollwut(!) darstellt. Im Handel befindet sich beispielsweise eine Zubereitung von Bella Donna D120 Globuli. Dabei handelt es
sich um Zuckerperlen, in denen die Substanz der Bella Donna im Verhältnis von 1:10^120 enthalten ist. Die Homöopathie vertritt die Auffassung, dass etwas um so stärker wirkt, je stärker es verdünnt ist. Nun enthält das beobachtbare Universum ungefähr 10^80 Teilchen. Mit etwas Mathematik erkennt man, dass bei einem Verdünnungsgrad von D120 also in 10^40 Universen(!) ein Teilchen der ursprünglichen Substanz enthalten ist. Zum Vergleich: Die Deutschen Staatsschulden bewegen sich im Bereich von 10^13. (Falls Sie sich wundern: Mit Hilfe der Potenzierung lassen sich solche Verdünnungen zumindest theoretisch durchaus herstellen. De facto ist es aber so, dass aufgrund der natürlichen Verschmutzung bereits Leitungswasser bei ungefähr Bella Donna D17 liegt. Dies
entspricht ungefähr einer Tollkirsche in der gesamten Wasserversorgung der Stadt Leipzig. D.h. dass bereits Leitungswasser deutlich stärker konzentriert ist und keine weitere Verdünnung mehr gestattet. Es bedeutet aber auch, dass Leitungswasser ein schwaches homöopathisches Mittel gegen Fieber ist.)

Um Ihnen die „physikalische“ Theorie der Homöopathen noch deutlicher zu machen: Atommüll strahlt bekanntlich und verursacht u.a. Strahlenkrankheit, Zeugungsunfähigkeit, Krebs. Würde man ein Atom(!) strahlenden Urans auf homöopathische Weise mit dem gesamten Wasser der Erde „verschütteln“, so erhielte man ungefähr Uran D49. Das wäre immernoch deutlich zu stark verglichen mit Bella Donna D120, würde aber ein gutes homöopathisches Medikament gegen Krebs abgeben.

Weitere Substanzen, die Homöopathen einsetzen sind Arsen und Coffein. Das letzte wird insbesondere zur Bekämpfung von Schlaflosigkeit eingesetzt.

Die Homöopathen sind also gezwungen, einzuräumen, dass in ihren „Zubereitungen“ keinerlei wirkfähige Substanz enthalten ist. Angeblich wirke Homöopathie aufgrund eines quantenmechanischen Effekts der Wasser- und Zuckermoleküle. Sofern dieser Effekt aber tatsächlich existiert, muss die universitäre Physik mit ihren Überlegungen grundsätzlich falsch liegen. Bitte vergessen Sie nicht, dass mittlerweile zwei Drittel des Weltbruttosozialproduktes auf der Quantenmechanik basieren. Schon Ihr Computer wäre ohne Quantenmechanik nicht denkbar. Haben Homöopathen also Recht, dann ist das Funktionieren Ihres Computers ein unerklärliches Rätsel – das gilt übrigens für Solarzellen und die Gefährlichkeit von Atommüll nicht weniger.

Bitte beachten Sie, dass ich mir diese Geschichte nicht ausgedacht habe. Sie können diese Überlegungen in jedem Handbuch der Homöopathie nachlesen. Ich rate Ihnen aber dazu, den „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann, also das Gründungsdokument der Homöopathie selbst zur Hand zu nehmen. Sie werden leicht feststellen, dass ich mit meiner Darstellung nicht über-, sondern eher noch untertrieben habe.

Insofern bitte ich Sie also eindringlich darum, Homöopathie nicht mit natürlichen Heilmitteln zu verwechseln. Wir können sehr viel von der Natur lernen und es würde mich nicht überraschen, wenn wir dort Lösungen für Geißeln wie Krebs oder HIV finden. Die Homöopathie ist dagegen, mit Verlaub, unwissenschaftlicher Nonsense und sollte von der gesetzlichen Krankenversicherung ebensowenig erstattet werden wie Seancen, Pendeln, Fernstreicheln oder Schamanentum. Wer sein eigenes Geld für einen
erwiesenermaßen wirklungslosen Aberglauben ausgeben will, soll das bitte tun, aber nicht unser Gesundheitssystem belasten – wie hoch das Einsparpotential auch immer sei.

Mit freundlichen Grüßen aus Darmstadt,
Kai Denker

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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