Die unhöfliche Übersetzung

Ich habe mir für dieses Wochenende vorgenommen, Deleuzens Proust und die Zeichen (zuerst 1964 als Proust et les signes) zu lesen. Da mein Französisch nicht ausreicht, um solch einen Text schnell zu lesen, da ich ständig etwas nachsehen müsste, habe ich mich für Henriette Beeses Übersetzung entschieden, die 1993 im Merve-Verlag erschienen ist. Wie zu erwarten war, zitiert Deleuze ständig Proust (es ist ja schließlich ein Buch über Proust!), aber leider hat Beese sich dagegen entschieden, die teils länglichen Zitate in der deutschen Übersetzung im Fließtext anzugeben, sondern diese nur in den Endnotenapparat aufnehmen. Ich darf also ständig blättern.

Eine Frage drängt sich auf: Mal davon abgesehen, dass ich mein Französisch wirklich aufpolieren sollte, ist es dann nicht trotzdem unhöflich, eine Übersetzung so zu arrangieren? Wenn ich Französisch halbwegs mühelos lesen könnte, wieso sollte ich dann nicht gleich den Originaltext lesen? Ich ärgere mich über Beese, aber auch über den achtlosen Verlag etwas. Lesen werde ich das Buch trotzdem, aber eben mit unnötiger Mühe.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Die unhöfliche Übersetzung

  1. Güldenklee sagt:

    Tja, lieber Kai, mir ist es als unabdinglicher Bestandteil deutscher Editionskunst ebenfalls sehr häufig schon sauer aufgestoßen, dass man den gesetzten Text vermutlich versucht als bildhaftes Kunstwerk zu wahren, sich dessen angesichtig nicht getraut, allzu viele dieser wirklich aber auch hässlichen Fußnoten anzubringen. Dieses impertinente Thema sehe ich auch in dem Verlagsduktus angeschlagen, Inhaltsverzeichnisse an das Ende (!) eines Bandes zu setzen.

    Ich entsinne mich einer Zweckmäßigkeitsdebatte, die beim Hinstorff-Verlag (damals noch in Wismar) geführt wurde, worin man sich bei der Herausgabe der gesammelten Werke Fritz Reuters in plattdeutscher Sprache schließlich darauf einigte, jedes für selbst auch den Süddeutschen Leser schwerverständliche Wort, mit einer einzelnen Fußnote zu versehen. Der Fließtext wirkt im ersten Augenblick zwar wie eine math. Endlosformel, ist aber praktisch mühelos nachvollziehbar.

    Die Engländer machen es uns ja vor. Anmerkungen, noch auf der selben Seite befindlich, gehören zum guten Tun und Ton, quiet practical eben, und dabei selbstverständlich most polite. – Und wer wollte sagen, man gewöhne sich nicht an Bequemlichkeit in der Textmode?

    Guten Tag, lieber Leser.

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