Sein bei 180° Umluft

Ich lese mich gerade durch Texte zur Metaphysik, genauer zur Ontologie, um den Überlegungen zum „Möglichen“ auf die Spur zu kommen. Ich bin dabei immer wieder auf folgenden Gedanken gestoßen, den ich etwas verkürzt wiedergeben möchte:

Das, was bloß möglich ist, kann nicht nur unsere Gedankenwelt betreffen, da es ja tatsächlich Veränderungen in der Welt gibt. Ergo muss es eine ontologische Möglichkeit geben. [Skeptizistische Einwände mal beiseite.] Diese ontologische Möglichkeit ist nicht einfach das Sein, denn sonst wäre das, was bloß möglich ist, auf die gleiche Weise wie das, was ist. Die ontologische Möglichkeit kann aber auch nicht schlechterdings nicht-sein, denn sonst wäre das, was bloß möglich ist, eben nichts, wäre also auch nicht im ontologischen Sinne, was der vorherigen Folgerung, dass es einen ontologischen Status des Möglichen gibt, widerspräche. Das, was bloß möglich ist, muss also mehr Sein haben als das, was nicht ist, aber es muss weniger Sein haben, als das, was ist. Es sei, so wird geschlossen, als Mögliches noch aufnahmefähig für das Sein.

Ich stoße mich immer wieder an dieser Idee: Wenn das, was bloß möglich ist, in einem verminderten Grad ist, dann muss das Sein einer Entität in Abstufungen, vielleicht sogar in Graden zukommen. Mal davon abgesehen, dass es natürlich ein überaus heikler Satz wäre, von einer Entität zu sagen, dass ihr das Sein im Grad Null zukommt, sie also nicht ist und wir damit allerhand lustige „Pegasus“-Probleme produzieren und mal davon abgesehen, dass die Aussage, dass eine Entität „ist“, ein trivialer Satz zu sein scheint, frage ich mich, wie ich mir ein graduelles Sein vorstellen sollte. Sicher: eine Metapher wie „Graustufen“ oder verschiedene Stufen von Durchsichtigkeit kann ich mir schon vorstellen, aber mit einer solchen Metapher ist keinerlei Erklärungskraft verbunden.

Was sollen also „Seinsgrade“ sein? Und wie kommt einer Entität, also einem unum, ein schwächerer Seinsgrad zu? Ist es aufgeteilt, dass einige Teile sind, andere aber (noch) nicht? Das macht offenbar keinen Sinn, denn sonst wäre es ja kein unum, ein Einzelnes. Der Seinsgrad muss also ein Attribut(?) der gesamten Entität sein. (Darf es ein Attribut sein, obwohl es die Substanz betrifft, sobald wir an ein mögliches unum per se denken?) Wenn wir nun aber sagen, das, was bloß möglich ist, sei noch Fähig, Sein aufzunehmen oder Sein zu empfangen, dann muss ich mir das Sein als etwas vorstellen, was ich irgendwie einfüllen oder zuführen kann und dann verbindet es sich mit dem Sein, das schon vorhanden ist, ohne dass das Sein, das schon ist, in einem vollen Sinne ist. Fällt es nicht auf, das man nun von Sein in unterschiedlicher Abstufung sprechen möchte?

Natürlich ist mir klar, dass vieles hier eine Verwirrung ist, die aus den Sätzen folgt, die ich zur Charakterisierung der ontologischen Möglichkeit verwende und die Verwirrung durch eine Reduktion der Sprache (einer Sprachtherapie) verschwinden würde. Ich möchte mich von den untersuchten Texten aber nicht abwenden, sondern verstehen, wie die jeweiligen Autor_innen diese Seinsgrade gedacht haben. Ich finde es unbefriedigend, hier einfach ein Ende der Erklärung zu sehen und ich bin auch noch nicht bereit, die Vorstellung einer Möglichkeit mit ontologischem Status aufzugeben.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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