Full Spectrum Cyber: Wie ich einmal zurück wollte

Ich war vorhin auf einer WG-Party, auf der auch viele Nerds aus dem Umfeld des CCC beziehungsweise des lokalen Ablegers Chaos Darmstadt herumhüpften. Ich habe einige Leute, die ich lange nicht gesehen und oft vermisst habe, wieder gesehen und muss sagen, dass ich für einen Moment schwach wurde und überlegte, ob es nicht vielleicht doch ein Fehler war, diese Vereine hinter mir zu lassen.

Ich wurde allerdings gerettet. Ich wurde an eine Eigenschaft der Chaos-Nerds erinnert, die ich immer verabscheut habe: Die Haltung, man habe, wenn man nur einfach die Klischees der Club-Elite oder irgendwelcher Blogger nachplappere, schon recht und müsse sich Argumente erst gar nicht ernsthaft anhören. Konkret stieß ich auf ein besonders starrsinniges Exemplar, dass den Witz verteidigte, „Cyber“ sei in erster Linie ein lustiges, sinnbefreites Wort und man dürfe „Politiker“(!), die „Cyber“ sagen, bloß nicht ernst nehmen. Diese hätten keine Ahnung von technischen Zusammenhängen und das sähe man ja auch an dem neusten Wort „Clearnet“, das offenbar der Gipfel des Unverständnisses, was das Darknet sei, darstellte.

Der Punkt ist ja nun nicht, dass „Clearnet“ oder „Full Spectrum Cyber“ irgendwelche wohldefinierten Konzepte wären. Natürlich sind sie das nicht. Um was es gehen sollte, ist, dass diese Begriffe (a) auf eine lange Traditionslinie (z.B. „Cyber“ von [a1] Sciencefiction, [a2] kybernetischen Regierungsphantasien sowie [a3] Vorstellungen zur Zukunft des Krieges im zivilen Raum) zurückblicken, (b) eine, wenn auch verwaschene Bedeutung haben, (c) Wirkung haben: Es ist vollkommen unerheblich, ob ein Bundesinnenminister Probleme der Netzwerksicherheit technisch beschreiben kann. Es ist aber durchaus erheblich, welche Diskursformationen er wissentlich oder unwissentlich(!) reproduziert, wie Wahrheiten in seinem Themenfeld hergestellt, Expertisen zugeschrieben, Legitimitäten konstruiert oder Entscheidungen getroffen werden. Kurz: Es kommt auf das gesamte Spektrum politischer und somit diskursiver Prozesse an, die mit einem Reden darüber, dass eine Staatssekretärin mal nicht wusste, was ein Browser ist, noch nicht einmal angekratzt sind. Sicher kann man das lustig finden, aber es ist halt kindisch.

Diese Komplexitäten und Hintergründe führte ich gegen das bloße „Hehe, da sagt jemand »cyber«!“ ins Feld, verwies auf die Bedeutung von Diskursen und auch unwissentlicher Fortschreibung von Denksystemen. Besagtem Nerd entfuhr es aber, die Diskussion, wie ich sie führe, sei Schwachsinn, drehte sich um und er ließ mich stehen.

Ich muss ihm dankbar sein, hat er mich doch vor meiner eigenen Schwäche gerettet: Nie wieder will ich meine Zeit damit verbringen, Argumente an Leute zu verschwenden, die schon alles wissen, weil sie es bei einem bloggenden Choleriker gelesen haben. Sollen sie sich doch darüber lustig machen, wenn eine amerikanische Militärfirma „Full Spectrum Cyber“ sagt. Ich schüttele bei solchen Wortbildungen auch den Kopf, aber nicht weil ich mir einbilde, dass da nur Idioten sitzen, die nicht wissen, wovon sie reden. Ich sorge mich eher, weil sie vermutlich ziemlich genau wissen. Das kapiert einer, der schon über alles Bescheid weiß, aber nicht und ich sollte auch nicht mehr versuchen, es ihm zu erklären. Gut, dass ich das aufgegeben habe.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Full Spectrum Cyber: Wie ich einmal zurück wollte

  1. Perseues sagt:

    Genau aus solchen Gründen bin ich vor langer Zeit aus dem CCC und Erfa ausgetreten und meide seitdem jeglichen Kontakt, ich weiß schon warum.

    Der CCC und einige Erfas wie ich sie noch kannte sind leider schon lange Geschichte, es ist nur noch Substanzloses bla bla, bloß keine eigene Meinung, immer schön nach der Schnauze anderer sprechen und bloß keine Politische Meinung haben. Vielfalt ist immer gut und es ist egal welche Religion, Kultur, Sexuellen Orientierung usw. wer hat, aber das ganze ist einfach degeneriert zu einem Auffangbecken von KrawallmacherInnen die den CCC Instrumentalisieren für LGBT, Gender, Antifa usw. usw. ich wünschte jemand wie Wau RIP oder einer der Gründer, würden mal mit der Faust auf den Tisch hauen und aufräumen.

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