Das böse Spiegel-Universum aus Star Trek

Ich sehe mich dazu veranlasst, die neue US-Regierung und ihren Pressesprecher in Schutz zu nehmen. Es gibt nämlich sehr wohl Bedingungen, unter denen es möglich ist, sinnvoll von alternativen Fakten zu sprechen. Die Kritik, die darauf zielt, dass Fakten sich auf die Realität beziehen, also wahre Sachverhalte zwischen dieser und der Sprache vermitteln, ist vollkommen richtig. Die Annahme, dass es aber nur eine Realität gibt, muss zusätzlich getroffen werden. Lässt man diese Annahme weg, erhält man grob gesprochen zwei Möglichkeiten: Erstens ist es denkbar, dass jeder Mensch sich eine eigene Realität konstruiert, was auf eine radikal konstruktivistische Position hinauslaufen würde und jede Verständigung mit anderen Menschen auch über die einfachsten Sachverhalte zu einem völligen Rätsel machen würde. Zweitens ist es denkbar, dass der Pressesprecher und die Regierungsberaterin, die sich auf alternative Fakten beziehen, auf eine gemeinsame zweite Realität beziehen, die neben der Realität, die anscheinend von allen anderen geteilt wird, besteht.

Es bietet sich vielleicht an, einmal diese zweite Möglichkeit zu verfolgen, da sie es uns erspart, den gemeinsamen Handlungs- und Lebensraum der Menschen mittels einer komplexen Theorie wiederherzustellen oder aber die genannten Sprecher_innen kurzerhand für verrückt zu erklären. Angesichts der modernen Physik und der unzähligen Science-Fiction-Geschichten fällt es uns nicht mehr schwer, an die Existenz alternativer Realitäten zu glauben. Tatsächlich liegt eine solche Vorstellung einer alternativen Realität bereits zumindest teilweise ausgearbeitet vor: Es ist das böse Spiegel-Universum aus Star Trek. In diesem Universum kommt es bekanntlich nicht zur Gründung der Föderation der Planeten, sondern ein von der Erde ausgehendes Imperium integriert andere Spezies als Sklaven in seine Gesellschaft. In den Geschichten treten die uns vertrauten Charaktere auf, aber stets unter anderen Vorzeichen, sodass böse erscheint, wer in unserem eigenen Universum als gut erscheint, womit die Science-Fiction-Geschichte sich die Möglichkeit eröffnet, eine Lust am Bösen zu inszenieren und die Voraussetzungen des eigenen Gut-Seins zu reflektieren. Sind die Charaktere aus Star Trek, wie sie regulär auftreten, an eine aus unserer Sicht positive Moral gebunden, inszenieren die Charaktere aus dem Spiegel-Universum eine Anti-Moral, sind also nicht einfach amoralisch oder unmoralisch, sondern alternativ-moralisch. Uns braucht bei dieser Perspektive nicht schwindelig zu werden, solange wir uns darauf beschränken, zu verstehen, dass derjenige, der von alternativen Fakten spricht, auch von einer alternativen Moral sprechen muss.

Natürlich tut auch dies hier nichts zur Sache, denn die eigentliche Folgerung, zu der uns der Verweis auf die Science-Fiction zwingt, ist, dass die gesamte US-Administration sich leicht als Versuch einer Invasion durch das böse Spiegel-Universum verstehen lässt. Nicht ohne Grund inszeniert Star Trek gerne alternative Realitäten oder fremde Welten oder manipulierte Vergangenheiten, in denen der Faschismus nicht besiegt wurde. Die genannte Folgerung hilft uns vielleicht auch dabei, zu erklären, wie wir in dieses Fiasko hineingeraten konnten.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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