Gedanken aus der Rentnerlatrine

Schaut Ihr manchmal ZDF? Ich schaue selten in die Mediathek, aber da kann man Frau Illners Sendung vom 20. August zum Thema „Rentengarantie“ besichtigen. Dort referiert die VdK-Chefin Ulrike Mascher zur 18. Minute, nachdem Wolfgang Gründiger sich darüber beklagte, dass die jüngere Generation übermäßig belastet werde und dass dies auch einer Gründe wäre, warum so wenig Kinder geboren würden, also diese Chefin des ehemaligen „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ sagt:

Wenn ich das höre, dann hätten wir zwischen 1945 und… sagen wir mal: 1955 überhaupt keine Kinder in Deutschland bekommen, weil feste Zukunftsaussichten, ein gemachtes Netz… Nest. Das war da nicht so vorhanden und die Leute haben trotzdem Kinder bekommen, weil sie auch auf die eigenen Fähigkeiten und die Zukunft vertraut haben.

Ja, was soll man dazu sagen? Am besten wohl gar nichts, sondern wir gehen gleich zur Analyse der versteckten Voraussetzungen über:

  1. Die Situation des Nachkriegsdeutschlands ist der Situation der heutigen Jugend vergleichbar.
  2. Die heutige Jugend fordert ein gemachtes Nest.
  3. Die schlechte Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln hat keine Rolle gespielt.
  4. Wirtschaft spielt für die Geburtenrate keine Rolle.

Entlarven wir, bevor ich die Kriegsgräber-Präsidentin angemessen beschimpfe, zunächst einige Lügen:

  • Wie uns dieses Diagramm zeigt, stieg die Geburtenrate in Deutschland nach dem Krieg zunächst nur langsam, um dann mit dem Einsetzen des sog. „Wirtschaftswunders“ stark anzusteigen. Es ist also absolut nicht plausibel, dass die Wirtschaft nichts mit der Höhe der Geburtenrate zu tun hat.
  • Der ab 1965 deutlich einsetzende Pillenknick zeigt aber, dass die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln eine überaus große Rolle für die Höhe der Geburtenrate hat.

Beides zeigt deutlich, dass die Kriegsgräber-Präsidentin es sich zu einfach macht, wenn sie die Geburtenrate zwischen 1945 und 1955 auf die Zukunftszuversicht schiebt: Erstens steigt die Geburtenrate zeitgleich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stark an, zweitens flaut sie mit der Verbreitung von Verhütungsmitteln stark ab. Die Erklärung, dass in den Jahren zwischen 1945 und 1955 einfach, vielleicht aus Eskapismus mehr als sonst, gefickt wurde und man nicht immer problemlos die folgende Schwangerschaft verhindern konnte, ist vermutlich zu naheliegend.

Es steckt aber noch etwas anderes in dem „Die armen Renter!“-Gerede der Frau und ich habe mich entschieden, dies indirekt, nämlich mit einer Antwort an die dritte Person zu rekonstruieren:

Wer so redet, hat doch einen ganz gewaltigen Knall! Man sagt nämlich nichts weniger, als dass der heutigen Jugend durchaus eine der unmittelbaren Nachkriegszeit vergleichbare Situation zugemutet werden darf. Während es also den Rentnern nicht zugemutet werden kann, einige Nullrunden hintereinander zu ertragen, sollen wir das gleiche Spiel durchmachen und versuchen, ein wirtschaftlich ruiniertes Land aufzubauen wie die Verursacher des Krieges damals? Wohlgemerkt: Die Menschen, die 1945 bis 1955 dieses Land aus den Trümmern wieder aufgebaut haben, waren bis auf eine kleine Minderheit von Exilanten ein Volk von Nazis, Ex-Nazis, Soldaten, Kämpfern, Mördern, Gebärmaschinen, Führer-Zujublern, Mitläufern, Angsthasen und Kollaborateuren! Ich vermag keine Ungerechtigkeit darin zu sehen, wenn ein Volk, das die Welt mit einem grauenhaften Krieg überzogen hat, einige Jahre einer ungewissen Zukunft durchlebt. Das ist sogar noch gnädig. Ich finde es aber pervers, dass eine solche Situation einer Generation zugemutet werden soll, die für die gegenwärtige Lage schlicht nicht verantwortlich ist. Erstens haben wir es nämlich nicht mit einer Nachkriegssituation zu tun und zweitens sitzen die Verantwortlichen für den gegenwärtigen wirtschaftlichen Niedergang woanders:

Es sind die, die heute Rentner sind!

Beispiele:

  • Wer hat denn zugesehen, dass die Regierung die Staatsverschuldung in astronomische Höhen treibt? Na, die, die zwischen 1965 und 1999 wählen durften!
  • Wer hat denn Öl für Benzin verbraucht wie ein Volk von Wahnsinnigen, in dem jeder Mensch ein Auto besitzen sollte? Na, die, die zwischen 1945 und 1999 Autos kauften.
  • Wer wählt denn bis heute die CDU, deren gestörtes Verhältnis zur Vernunft zur Plünderung des Staates weiter beiträgt?
  • Wer droht denn vor jeder Wahl, dass die Rentner die Wahl entscheiden?

So einfach ist es doch: Dieses Klientel hat die Staatsfinanzen an der Wahlurne ruiniert, hat in seiner grenzenlosen Konsumsucht die Umwelt ruiniert, hat in seiner grenzenlosen Sucht nach Besitzstandwahrung die Sozialversicherungssysteme an die Wand gefahren und hat an der Wahlurne bisher jeden Schritt in die richtige Richtung verhindert oder bald rückgängig gemacht. Diese Leute haben diese Volkswirtschaft geplündert und dank Schulden- und Umweltpolitik den folgenden Generationen ein Erbe hinterlassen, für das die VdK-Gierlappen nicht mehr zahlen. Hauptsache, die haben ihre Rente und wir haben den Schaden, was?

Um es kurz und knapp tagespolitisch zu sagen: Die Rentengarantie ist eine große Ungerechtigkeit einer Politik, die vor dem „Ego-Rentner“ längst kapituliert hat. Das Ausplündern der jungen und der zukünftigen Generation durch die Gierigen geht munter weiter: Noch nie ging es einer Rentnergeneration so gut wie dieser – und es wird auch niemals wieder eine Generation geben, der es so gehen kann. Den Ego-Rentnern sei dank.

Ach nein, ich bin ja so ein junger Egoist. Ich vergesse die vielen armen Rentnerinnen, die die Miete nicht zahlen können und ich fordere bestimmt gleich, dass man alle Rentner umbringt, nicht wahr? – Ja, das ist die typische „Du bist Schuld!“-Rhetorik der Ego-Rentner. Gegen eine Mindestrente auf dem Niveau des ALG2 ist nichts zu sagen. Man mutet dieses Niveau auch den jungen Arbeitslosen zu, warum nicht auch den Rentnern? Das ungerecht zu finden, ist nichts anderes als blanker Pensionärsegoismus. Der Vorwurf des bevorstehenden Rentner-Holocaust ist dagegen noch durchschaubar: Wer den Ego-Rentnern vorwirft, sie würden den Staat plündern, fordert nicht deren Tod, sondern nur ein klein wenig Anstand und Bescheidenheit. Wer sich selbst zum altersschwachen Gewissen der Nation aufspielt, sollte schon einmal etwas von Bescheidenheit gehört haben. Aber die Ego-Rentner haben nicht einmal die Bescheidenheit, eine Diskussion über ihre mögliche Beteiligung an den Kosten des von ihnen verursachten wirtschaftlichen Desasters nicht gleich für eine Todesdrohung zu halten. Den eigenen Geldbeutel mit dem eigenen Leben zu verwechseln, ist eine derartig widerwärtige Eitelkeit, dass dazu nichts anständiges mehr gesagt werden kann.

Achja, am 27. September ist ja Bundestagswahl – und wen werden die Rentner wählen? Natürlich ihren Geldbeutel, pardon, natürlich die Parteien, die ihnen nichts ans Leben wollen!


PS: Ich habe die Sendung dann nicht fertig geschaut. Von so viel Eitelkeit wird mir einfach nur übel.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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3 Kommentare zu Gedanken aus der Rentnerlatrine

  1. rauskucker sagt:

    Ich glaube, kurz vor Schluß fehlt da was. In dem Satz „aber die Ego-Rnetner haben nicht einmal die Bescheidenheit, (den Hinweis auf ?) ihre Beteiligung …“

    Ansonsten nett zu Lesen. Ja, eine Generation geht ihren Weg und hinterläßt immer wieder nur Trümmer. Obwohl, viele von denen haben auch (von uns, ihren Kindern) gelernt und sind nicht mehr die gleichen Sturköppe geblieben. Ich kenne da Einige.

  2. Phaidros sagt:

    Eigentlich nicht, ich habe den Satz trotzdem mal umgeschrieben 😉

  3. Pingback: Zottels Zeug: Ego-Rentner

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