Offline Skandal, Online normal?

Das IT-Newsportal Golem macht auf folgendes Untersuchungsergebnis aufmerksam:

Bewerber werden von Firmen in Deutschland systematisch auf Meinungsäußerungen im Internet gescannt. Laut einer Meinungsumfrage, die die Verbraucherministerin beauftragt hat, werden Jobsuchende erst gar nicht eingeladen, wenn sie sich negativ über frühere Arbeitgeber äußern oder peinliche Partyfotos veröffentlichen.

Nun: Nehmen wir einmal an, jemand bewirbt sich bei einer Firma. Nennen wir sie zum Spaß „Schniedl“. Firma Schniedl (Inhaber: Kurt Z.R. Schniedl) beauftragt daraufhin in der Firma fest angestellte Detektive, dem Bewerber in seinem privaten Umfeld nachzustellen. Ihn im Café anzusprechen, etwas zu flirten, über die Arbeit zu reden und dann auszuhorchen, was der Bewerber wohl über seinen alten Arbeitgeber denkt. Der Schnüffler freundet sich ein wenig weiter an, kommt mit zur Party und schaut zu, wie der Bewerber zur Feier das Tages einen über den Durst trinkt und sich nicht mehr so recht zu benehmen weiß. Vielleicht findet die Party in der Wohnung des Bewerbers statt und der Schnüffler findet im Bücherregal „Das Kapital“ von Marx, noch etwas Wallraf, einen Bewerbungstrainer und einen Verdi-Ratgeber über Arbeitnehmerrechte.

Nehmen wir weiter an, der Schnüffler schrübe den folgenden Bericht:

[Bewerber] ist vertrauensseelig und lässt sich leicht in Gespräche verwickeln. Er äußert sich auf Nachfrage negativ über gegenwärtigen Arbeitgeber. Er neigt zu Alkoholexzessen und sexualisiertem Verhalten unter Alkoholeinfluss. Er bevorzugt kommunistische Literatur und ist ein potentieller Whistleblower. Er informiert sich übermäßig über Arbeitnehmerrechte. Seine Wohnungseinrichtung zeigt keine Auffälligkeiten. Es darf also wohl von mangelnder Kreativität ausgegangen werden. […]

Nehmen wir bitte jetzt einmal an, dieser Bericht gelangte, warum auch immer, samt den Machenschaften der Firma Schniedl an die Öffentlichkeit. Nun, der Aufschrei wäre wohl groß, es wäre ein Skandal und recht bald fände man bei Amazon ein „Schwarzbuch Schniedl“.

Online soll so etwas aber normal sein: Nur weil man die Schnüffler hier nicht auf die Straße, sondern zu Google und Facebook schickt, wo sie nach jeder Selbstrepräsentation des Bewerbers außerhalb der regulären Bewerbung suchen, ist es kein Skandal mehr?

Ich sehe das nicht so: Firmen, die es für nötig halten, ihren Bewerbern nachzuschnüffeln, alles erdenkliche über sie zu ergoogeln und es dann auch noch für ein negatives Zeichen halten, wenn die Bewerber private(!) Partyfotos(!) in einem sozialen(!) Netzwerk, das sich nicht auf das Erwerbsleben(!) bezieht, anderen Menschen privat(!) zeigt, sind moralisch verkommen und ihre Mitarbeiter, die dieses Vorgehen zu verantworten haben, sind Scheißkerle, die keinen Deut besser sind als die Scheißkerle von Firmen, die mit Mobbing, Angst & Co. etwa die Gründung von Betriebsräten verhindern. Nur weil die Schweinerei hier online stattfindet, wird sie dadurch nicht besser.

Hebt man nämlich den angeblichen Gegensatz von on- und offline auf, dann wird deutlicher klar, worin diese Schweinerei genau besteht: Es gibt aus gutem Grund zwei getrennte Sphären: die Arbeit und das Private. Aus gutem Grund haben Gerichte Versuche von Firmen, sich in das Privatleben ihrer Bewerber, Mitarbeiter und Kunden einzumischen, stets zurückgewiesen und nur sehr kleine und wenige Verknüpfungspunkte zwischen den beiden Sphären erlaubt. Firmen, die die auch öffentlich rekonstruierte Privatssphäre von Menschen nicht respektieren, sind moralisch bankrott und niemand von Verstand und Qualifikation sollte dort arbeiten. Sie erwarten, denn das steckt in ihrer Schnüffelei, dass ihre (potentiellen) Mitarbeiter stets, d.h. 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche, Mitarbeiter zu sein haben und anscheinend sogar, pardon, beim Scheissen das Interesse der Firma nicht bezweifeln dürfen.

Das ist nichts weniger als Human-Ressourcen-Stalinismus: War es im rechten Totalitarismus noch okay, wenn man nur die Klappe hielt und einfach mitspielte, unterzieht der linke Totalitarismus den Menschen einer Gesinnungsprüfung: Er muss nicht nur tun, was der Arbeitgeber befiehlt, nein, er muss es auch noch gerne tun. Man sucht nicht den fähigen Mitarbeiter, sondern den guten Mitarbeiter, der keinen Gedanken gegen seinen Chef wagt und dem noch im Beicht-Meeting der Gedanke über die Lippen kommt: Vergeben Sie mir, Herr Vorgesetzter, ich habe firmenschädlich gefühlt…

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen