Forderungskatalog für bessere Bildung

In Deutschland und Österreich wird an den Universitäten gestreikt und besetzt, was das Zeug hält. Es werden Forderungskataloge aufgestellt, diskutiert, Transpis gemalt, Demonstrationen organisiert und Plena veranstaltet. Da ich für sowas zu alt bin, aber dennoch eine Meinung dazu habe, stinke ich natürlich mit meinem eigenen Forderungskatalog mit:

1.) Bafög: Die Bezugsdauer des Bafög muss um mindestens zwei Semester erhöht werden. Die Annahme, Studierende könnten die vollen Pläne der Bachelor- und Master-Studiengänge in der Regelstudienzeit bewältigen, ist illusorisch. Fällt aber am Ende des Regelstudienzeit das Bafög weg, geraten Studierende erst recht unter Druck. Daher soll es nicht nur für die Regelstudienzeit, sondern, unbeschadet weiterer Verlängerungstatbestände, pauschal zwei Semester über die Regelstudienzeit hinaus gewährt werden.

2.) Bachelor- und Master-Studiengänge: Bei der Umstellung der alten Studiengänge auf das Bologna-System wurden die Lehrpläne meistens nicht verändert, sondern die bestehenden Lehrinhalte wurden modularisiert und auf die gewünschte Semesterzahl gestaucht. Die Folge sind übervolle Lehrpläne, die nicht bewältigt werden können und die Studierfreiheit, d.h. die freie Wahl von Inhalten und Veranstaltungen, wurde stark eingeschränkt. Ich fordere umgehend Kommission zur Neuerarbeitung von Studiengängen zu besetzen, die zur Hälfte aus Studierenden höherer Fachsemester bestehen, die also bereits einen gewissen Überblick über ihr Fach erlangt haben. Die Studiengänge sollen die jeweiligen Fächer inhaltlich angemessen breit repräsentieren, die Studierfreiheit wiederherstellen und die Studierbarkeit sichern.

3.) Infrastruktur: Die Universitäten leiden unter einer absurden Raumnot. An einigen Universitäten konnten Mitarbeitern daher schon keine arbeitsrechtlich zulässigen Arbeitsplätze eingerichtet werden. Den Studierenden stehen de facto keine Arbeitsräume zur Verfügung. Die zur Verfügung stehenden Lernzentren sind in der Regel deutlich zu klein und gestatten keine Gruppenarbeit. Oder aber sie gestatten nur die Nutzung durch eine Gruppe zur gleichen Zeit. Die in Bibliotheken verfügbaren Arbeitsplätze sind ebenfalls in der Regel äußerst knapp bemessen. Die Raumnot an den Universitäten muss umfassend und nachhaltig beseitigt werden. Es müssen zahlreiche neue Arbeitsmöglichkeiten für Studierende – Einzel- und Gruppenarbeitsplätze – geschaffen werden. Es reicht nicht aus, einzelne zusätzliche Räume für die Studierenden zu öffnen, sondern die Universitäten müssen zu offenen Gebäuden werden, in denen sich Studierende gerne den ganzen Tag aufhalten, um mit einander oder alleine zu arbeiten, Projekte anzustoßen oder sich auf Prüfungen vorzubereiten. Es soll den Studierenden möglich werden, zumindest im Prinzip alle studiumsbezogenen Tätigkeiten auf dem Campus durchzuführen. Hierzu benötigen die einzelnen Institute nicht nur deutlich mehr Räume, sondern es sind auch neue Raumnutzungskonzepte erforderlich, die die dynamische und bedarfsabhängige Nutzung der Universität ermöglichen.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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