Salonsozialistische Solidaritäten

Letztes Wochenende fand die zweite Ausgabe unserer PreDoc-Tagung „Junge Philosophie“ in an der TU Darmstadt statt und war – wie sollte es anders sein – wieder außerordentlich erfolgreich.

Eine betrübliche Sache muss ich dennoch berichten: Ich hatte in diesem Blog ja schon mehrfach über Studierende an meinem Institut berichtet, die sich selbst für die besseren Menschen halten. Sie sind die einzigen, die noch wissen, was Solidarität bedeutet und dass starke Schultern mehr tragen müssen als schwache. Sie wissen wie wichtig noch immer die Frankfurter Schule ist und dass es nur mit ihr möglich ist, den gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang aufzudecken und zu durchbrechen.

Hierzu bringen sie manchmal Anträge in den Fachbereichsrat (FBR) ein, über deren Qualität sich sogar die linke Professorenschaft wundert. So hatten wir in der letzten Sitzung über einen Antrag zu entscheiden, dessen Inhalt darin bestand, dass der FBR erklären solle, dass die Prüfungsordnung  (PO) einzuhalten sei. In der Diskussion kam dann allerdings heraus, dass die Antragssteller der Auffassung waren, sie könnten aus der PO, die verschiedene schriftliche Prüfungsformen kennt, das Recht ableiten, sich selbst für eine Prüfungsform zu entscheiden. Nun ist zwar die Forderung, dass Studenten in jeder Veranstaltung zwischen mindestens zwei schriftlichen Prüfungsformen wählen können sollten, richtig und wird auch von meiner Fraktion erhoben, aber über die sprachliche und inhaltliche Qualität des Antrags der anderen Fraktion mussten wir uns doch sehr wundern. Der Antrag wurde übrigens auch nicht zur Beschlussfassung angenommen: Man war sich einig, dass es absolut sinnlos sei, ihn in der vorliegenden Form zu beschließen.

Manchmal besetzen diese Studierenden aber auch das Schloss, sperren Mitarbeiter ein und hindern Studierende in der Prüfungsphase daran, die Bibliothek zu betreten. Ebenso wurde sie schon bei der Zerstörung von Plakaten der anderen Fraktionen oder auch der Jungen Philosophie erwischt. Eine beliebte Geschichte ist auch, als die linke Fraktion respektive deren Wortführerin im FBR die Haushaltsberatungen schweigend über sich ergehen ließ, sich bei der Abstimmung enthielt und nach der Beschlussfassung schließlich eine „grundsätzliche Diskussion darüber, dass sich der Fachbereich einer neoliberalen Verwertungslogik ausliefert,“ anfangen wollte. Der Dekan blockte den Versuch seinerzeit ab und verwies darauf, dass man doch gerade diskutiert und entschieden hätte. Die Wortführerin lief darauf rot an, bekam feuchte Augen und rief mit bebender Stimme aus: „Das werden Sie ja wohl nicht Diskussion nennen!“

Letztes Jahr bei der Organisation der ersten Runde unserer Nachwuchstagung waren diese Studierenden noch beteiligt: Wir diskutierten die Frage nach einem kleinen Tagungsbeitrag, da es uns nicht erlaubt ist, aus den Mitteln, die die Universität uns zur Verfügung stellt, Essen oder Kaffee zu kaufen. Erst wollten sie nicht einsehen, dass wir Haushaltsspielregeln nicht einfach außer Kraft setzen können, wenn uns danach ist: „Aber man muss sich doch nicht immer daran halten!“ Als sie damit bei uns nicht ankamen, traten sie eine Diskussion über Adorno und den vollständig verwalteten Menschen los: Einen Tagungsbeitrag zu verlangen, ist schließlich der erste Schritt zum Faschismus…

Dieses Jahr luden wir sie zwar wieder zur Mitarbeit ein, aber erhielten auf unsere E-Mails keine Antwort. Stattdessen wurde behauptet, ich hätte mir zur Durchführung der Tagung eine Stelle geschaffen. Nun hätte ich zwar gerne eine Stelle, aber dass für die Organisation einer Tagung eine richtige Stelle rausspringt, ist doch eher eine wunderliche Idee. Sie bezogen sich übrigens auf einen Antrag auf eine Hilfskraftstelle, der allerdings ausdrücklich nichts mit der Durchführung der Tagung zu tun hatte – die Hilfskraftstelle wurde bewilligt, dann aber auf mehrere Studierende aufgeteilt. Das war der Wortführerin bekannt, hielt sie aber nicht von ihrer Geschichte ab. Tatsächlich wurden die Gerüchte gegen das Projekt verstärkt: Angeblich seien wir neoliberal verseucht und täten all das nur für unseren Lebenslauf. Nun glaube ich nicht, dass man von Neoliberalismus sprechen kann, wenn man etwas ehrenamtlich tut, aber dass ich die Organisation der Tagung in meinen Lebenslauf geschrieben habe, bestreite ich gar nicht: Wieso auch nicht? Ginge es mir allerdings nur um Einträge im Lebenslauf, dann würde ich mir sicher etwas suchen, was weniger Arbeit macht. 😉

In der Feedbackrunde zur ersten Tagung 2009 wurde übrigens von den teilnehmenden Studierenden und PreDocs vorgeschlagen, einen kleinen Tagungsbeitrag einzuführen und dafür beispielsweise Frühstück und Kaffee anzubieten. Wir haben das dieses Jahr gemacht: Für Vortragende 9€, für alle anderen 18€, wobei die 9€ nicht kostendeckend sind und durch die 18€ teilweise querfinanziert werden. Eine solche Mischkalkulation ist bei Tagungen ja nun wirklich nichts ungewöhnliches. Hätten wir die Referenten aber ganz von Beitrag befreien wollen, wäre der volle Beitrag auf ungefähr 30€ gestiegen. Das wollten wir aber vermeiden. Für die 9 bzw. 18€ gab es dann also: Häppchen, Sekt und Kino am ersten Abend, danach drei Tage Frühstücksflatrate bis ungefähr 14:00 und Kaffeeflatrate bis ungefähr 18:00. Außerdem noch Sekt zur Vernissage, Tagungsmappe, Namensschild, ungefähr 40 Vorträge und eine – wie ich finde – schicke Tasse. Um die Müllschlacht des letzten Jahres zu vermeiden, haben wir uns nämlich für Geschirr entschieden, das wir von einem Unternehmen haben liefern und anschließend reinigen lassen. Es ist völlig klar, dass 18€ hierfür absolut bizarr übertrieben sind. Eine richtige Unverschämtheit, wie uns ein Student der hier vorgeführten Fraktion im Tagungsbüro lauthals wissen ließ.

Zum Vergleich: Ich war Anfang August auf einer Summerschool und einer Tagung in Österreich. Allein der Beitrag zur Tagung enthielt nicht mehr als fünf Getränkegutscheine, ein Abendessen und eine Weinverköstigung: 125€ regulär, 62€ Studenten. Die Summerschool mit Tagung zusammen schlug mit 220€ zu buche, enthielt aber Mittag- und Abendessen für die Zeit der Summerschool. Im Vergleich mit den 62€ Studentenbeitrag sind unsere 18€ für 3½ Tage natürlich ein Zeichen des Neoliberalismus und einer scheußlichen Ausbeutungs- und Verwertungslogik. Das ließ mich dann auch die oben genannte Wortführerin wissen:

Nachdem diese nämlich überall unterstrichen hatte, was für ein neoliberales Gesindel wir seien und wie grauenhaft doch alles sei, musste sie sich von diesem Grauen offenbar selbst überzeugen und schlug bei unserer Tagung auf. Die Dokumentation unserer Taten erfolgte, indem sie drei Tage lang in Vorträgen saß und fleißig mitdiskutierte. Sie hatte allerdings keine Tagungsmappe unter dem Arm und ich hatte im System auch ihre Anmeldung nicht gesehen. Ich hatte also im Backoffice geschaut, ob sie vielleicht nachträglich erfasst worden wäre, könnte sie in der Datenbank aber nicht finden. Also sprach ich sie an, ob sie ihren Tagungsbeitrag bezahlt hätte. Sie verneinte, sie sähe das absolut nicht ein und ging. Ich rief ihr daraufhin ein unschönes Wort hinterher, das mir eigentlich sogar ein bisschen Leid tut, aber inhaltlich absolut richtig war. So bezeichnet man im Mittelhochdeutschen nun einmal Wesen, die sich auf Kosten anderer ernähren, aber selbst nichts beitragen. Sie echauffierte sich, wie erwartet. Ich bestätigte meine Auffassung und verlangte, dass sie bezahlen mögen – wie alle anderen auch. Sie weigerte sich. Ich verlangte, dass sie Veranstaltung verlassen möge, woraufhin sie weglief und rief: „Zwing mich doch!“

Ich habe tatsächlich überlegt, vom Hausrecht Gebrauch zu machen und sie ggf. mit Hilfe der Polizei aus dem Schloss entfernen zu lassen. Ich habe mich dann aber im Interesse der Stimmung der Tagung dagegen entschieden. Die Polizei zu rufen, hätte eine Eskalation bedeutet, die ich nicht in Kauf nehmen wollte.

Rückblickend betrachtet bin ich mit ihrem Verhalten aber sehr zufrieden, da sie sich endlich entlarvt hat: Wir haben schon bei ihrem Wunsch, direkt nach dem Bachelor ohne Master zu promovieren, die Augenbrauen hochgezogen, als sie für sich die Installation eines Promotionsprogramms verlangte, das sich mangels Stipendien, Bafögs etc. nur Kinder reicher Eltern leisten können und sie einen vorläufigen negativen Bescheid als persönliche Zumutung zu betrachten schien. Sie? Erst einen Master machen lassen?? Sie behandeln wie alle anderen auch?! Bitte?

Nun ist aber gänzlich klar, dass es mit ihren Solidaritätsreden nicht allzu weit her ist. Um die berechtigten Interessen anderer schert sie sich einen Dreck! Ist etwas in ihrem Interesse, ist es solidarisch, links und gerecht. Entspricht eine Verwaltungsvorschrift, ein Beschluss oder eine Mischkalkulation nicht ihren Wünschen, ist es neoliberal, rechts und eine Frechheit. Wenn man lautstark Gerechtigkeit fordert, sollte man wenigstens darauf achten, sich nicht ständig bei Hummer und Mouton Rothschild 1945 (sponsored by Daddy?) erwischen zu lassen. Sogar im Spätkapitalismus braucht der Salonsozialist ein Quentchen Glaubwürdigkeit. 😉

http://blog.denker.net/about/

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
Dieser Beitrag wurde unter Alltag in der Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Salonsozialistische Solidaritäten

  1. Popper sagt:

    Mhh, scho etwas kurios diese entlastende Selbst- und Weltdeutung. Beindruckend jedoch diese gewohnte Verve! Die 6-7 Leser sind sicherlich entzückt!

Kommentar verfassen