Die Bibliothek der Medienelite

Zugegeben: Menschen neigen dazu, manchmal dummes Zeug zu schreiben. Andere neigen dann manchmal dazu, dieses Zeug etwas zu ernst zu nehmen und mit einer Aufmerksamkeit auszustatten, die das Zeug eigentlich nicht verdient. Wird dann auf solche Aufmerksamkeit noch einmal geantwortet, laufen die Popcorn-Maschinen heiß. Ein besonder schönes Stück des Kampfes „Abstraktion gegen konkrete Machtverhältnisse“ kann man derzeit zwischen Udo Vetter und Nadine Lantzsch beobachten. Eigentlich sollte ich mich ja auch das Mampfen des Popcorns beschränken, aber Lantzsch gibt in ihrer Replik einige schöne Ideen zum besten, die vielleicht doch einen Kommentar verdienen. Kant muss nämlich herhalten:

Ich [Lantzsch] gebe zu, meine Kritik an der Aufklärung, war etwas kurz gefasst, zu polemisch, um allgemein verständlich und nachvollziehbar zu sein. Es sind ja bereits ganze Bücher darüber verfasst worden, warum die Aufklärung zuvor durch Gott legitimierte Ungleichheiten in der Gesellschaft lediglich intellektualisiert umcodiert hat. Kant war ein Rassist, der Schriften über Menschenrassen und die “wilden Ureinwohner” verfasst hat. Schriften über Weiße als “überlegene Menschen”, die Vorläufer vom Herrenrassenmodell. Das sind Tatsachen.

Ja, diese Schriften mögen Tatsachen sein. Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass Kant auf die Idee von Würde als Autonomie gekommen ist und dass Würde und Preis einander ausschließen. Die Vorstellung, dass man Würde nicht gegeneinander aufrechnen kann, ist nicht nur ein wichtiger Aspekt unserer Rechtsordnung, sondern eben auch kantisch. Das Problem an Kant ist nämlich nicht, dass er ein Rassist gewesen sei. Das Wort ist einfach falsch. Kant ist bestenfalls ein Vernunft-Chauvinist, der seine Vorstellung von Vernunft zum Maß aller Dinge gemacht hat. Vernunft ist die Basis seines Autonomie-Begriffs, ja seiner ganzen praktischen Philosophie. Der Witz am kategorischen Imperativ z.B. ist, dass er für alle vernünftigen Wesen in allen möglichen Welten gültig sein soll. Rassismus liest sich nicht wirklich so. Wenn Kant über wilde Ureinwohner schreibt, dann hat er eben Menschen vor Augen, die nicht seinem Vernunftbegriff entsprechen. Das ist sicher etwas, was man hart an Kant kritisieren muss, keine Frage, aber daraus einen Rassismus machen zu wollen, ist einfach nur Bullshit: Will man etwa die Vernunft biologisieren? Tjoa, kann man machen. Es gibt biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das ist Tatsache. Wieso nicht auch zwischen deren Vernunftbegabung…?

Lantzschs ganze Argumentation steht auf so schwankendem Boden: Wo sie die Literatur anruft, hat sie offenbar eine nur schlecht und einseitig ausgestattete Bibliothek zur Verfügung gehabt, denn ich habe meine Kant-Ausgabe, wie gesagt, so nicht gelesen. Wo sie aber formal argumentiert, weist sie alle „abstrakten“ Institutionen als machtdurchtränkt zurück. Nun, ich habe meinen Foucault auch gelesen und will dem ja gar nicht widersprechen. Es gibt kein Außerhalb der Macht. Man kann sich nun auf die Position stellen, dass entsprechend alle Institutionen böse sind und daher abzulehnen sind. Ich frage mich nur, ob die Konsequenz daraus wirklich gewollt ist: Wenn es keine Institutionen des Rechtsstaates mehr geben kann, weil wir bei jedem Autoren (ja, praktisch nur Männer) völlig zu Recht Dinge finden, mit denen wir auf härteste ins Gericht gehen müssen, dann riecht dat Janze schnell nach einem „Naturzustand“, in dem dann übrigens auch sexuelle Selbstbestimmungsrechte nicht mehr zu rechtfertigen sind – außer natürlich durch blanke Gewalt oder Abschreckung.

Man kann die Zivilisation ablehnen, weil Menschen nicht perfekt sind und nicht von Anfang an alles perfekt war. Oder man kann zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch aus krummen Holz (Kant) ist und dass unsere unvollkommenen Lösungen besser sind als der mutmaßliche Naturzustand (den es ja eigentlich nie gegeben hat) und den Kampf aufnehmen, um die Institutionen der Gesellschaft zu verbessern – was auch bedeutet, das Gute zu verteidigen. Dazu müsste man sich allerdings die Finger schmutzig machen und könnte nicht mehr so „rotzige“ Repliken schreiben. Allerdings gäbe es dann auch weniger Gelegenheiten für Popcorn…

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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3 Kommentare zu Die Bibliothek der Medienelite

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  3. Arte Povera sagt:

    Ich bin interessiert an deinem Rassismusbegriff. Wenn ich Schwarzen per se Vernunft abspreche und das mit ihrer „Rasse“ begründe, ist das nicht rassistisch, weil ich ja, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass sie unvernünftig sind, der Meinung wäre, dass sie über dieselbe Würde verfügten? Diese Definition funktioniert analog zu „Frauen sind dumm und schwächlich und nur zum Ficken gut und deshalb find ich sie doof. Aber wenn das nicht so wäre, dann wären sie genauso toll wie Männer“, oder „Homos sind unnatürlich und eklig. Aber wenn das nicht so wäre, wären sie genauso toll wie Heteros.“ Natürlich ist Kant Rassist gewesen, Antijudaist übrigens auch (vgl. Gudrun Hentges 1999, S.107), und natürlich wären die von mir skizzierten Sätze sexistisch bzw. homophob. Das hält einen ja nicht von einer differenzierten Betrachtung ab und also nicht davon, Kant für anderes zu schätzen.

    Noch ein paar Kantzitate aus ´ner älteren Arbeit von mir, ich hab nach der Akademieausgabe zitiert:
    „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringes Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.“ (IX, S.316) Die europäischen Völker hätten aufgrund ihrer Überlegenheit „zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch Waffen bezwungen (…)“, sie „durch ihre Künste und Waffen in Erstaunen versetzt.“ (IX, S.317f)

    Insgesamt unterscheidet Kant vier menschliche „Rassen“. (vgl. II, S.432) Für Kant nicht „europäische“ Physiognomie bezeichnet er als Ausartung (vgl. IX, S.311f) und nimmt in seinen stark wertenden diesbezüglichen Beschreibungen auf das sich zeitgenössisch entwickelnde optische Ideal des Ariers Bezug. Auf diese Weise baut er eine Hierarchie auf, die seiner Kritik an den Abstufungen der menschlichen Würde in der Sprache auf irritierende Weise konträr gegenübersteht. Dabei lässt sich eine Verwissenschaftlichung bei zugleich starker Normierung erkennen, wenn er beispielsweise die Behauptung „alle Neger stinken“ (II, S.438) mit der ihrer Haut eigenen Konzentration an Phosphorsäure zu erklären versucht, die sich dagegen im Blut der Weißen in perfekter Balance befinde. (vgl. ebd.) Überhaupt seien die Bewohner der heißen Zonen „ausnehmend träge“, abergläubig, furchtsam und, um ihre Trägheit zu überwinden, häufig drogenabhängig. (vgl. IX, S.316f) Die Rechtfertigung der körperlichen Züchtigung afrikanischer Sklaven damit, dass sie „eitel und plauderhaft“ seien und nur auf diese Weise „auseinander gejagt“ werden könnten (II, S.253), steht in irritierendem Widerspruch zu seiner Theorie des Arbeitsrechtes. Wie einem anderen Werk zu entnehmen ist, nimmt Kant einen „angebornen, natürlichen Charakter, der sozusagen in der Blutmischung der Menschen liegt“ (VII, S.319) an, der von dem durch kulturelle Sozialisation erworbenen zu unterscheiden sei. Mit der Zuschreibung wertender Eigenschaften an einen Rassenbegriff, der sich an der „Blutmischung“ und zahlreichen physiognomischen Merkmalen orientiert, erfüllt Kant die Kriterien eines Rassisten.

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