Der homosexuelle Spießer und sein Publikum

Warum feiern wir eigentlich CSDs? Die Frage ist ernst gemeint. Natürlich kenne ich die Geschichte der CSDs. Das ist nicht der Punkt. Eher macht es meine Frage noch dringender: Warum feiern wir ein spießiges Familienfest, auf dem Lederkerle und Dragqueens nicht zu unserer Familie gehören, sondern exotische Randfiguren sind, die wir bestenfalls auf Bühnen lustig finden und uns immer ganz schnell versichern, dass die meisten Schwulen ja ganz durchschnittlich sind?

Wann genau ist das passiert, dass die schwulen Spießer begannen, auf die extremen Figuren unserer Familie herabzusehen und in ihnen ein Hindernis zu sehen? Sollte man solche CSDs feiern? Die Antwort muss wohl „nein“ lauten.

Gestern war der dritte Darmstädter CSD. Erst eine kleine Parade mit Zwischenkundgebung auf dem Luisenplatz und dann ein Straßenfest auf dem Riegerplatz. Ein hübsches Fest, aber einem CSD unwürdig.

Wieso? Lasst mich ein Beispiel herausgreifen. (Hinter den Kulissen ist noch eine viel viel größere schwule Spießerschweinerei gelaufen, aber ich möchte das im Moment nicht öffentlich thematisieren.) Das Beispiel das ich herausgreifen möchte, ist die sicher gut gemeinte, aber schlecht gemachte Rede eines Vereinsvorstands auf der Zwischenkundgebung:

Dieser lieferte nämlich eine Rede, die am besten mit einigen Einwänden zu beantworten ist, aus denen sich die Leser_in dann gerne das Weitere zusammenreimen kann. (1) Grundrechte für Schwule und Lesben hängen nicht davon ab, ob wir nette Menschen sind. Auch als übelste Kotzbrocken stünden uns alle Rechte zu. Das stimmt sogar (2) noch, wenn wir nachweislich schlecht fürs Wirtschaftswachstum wären. (3) Das Recht auf eine Öffnung der BGB-Ehe für die, die sich diesem repressiven System unterwerfen wollen, hängt nicht daran, ob Schwule und Lesben sich einander genauso lieben können wie Heteros. Selbst wenn wissenschaftlich zweifelsfrei belegbar wäre, dass wir uns einander immer nur halb so stark lieben wie die Heten, stünde uns dieses Recht zu. (4) Die Frage nach dem vollen Adoptionsrecht hängt nicht daran, ob Schwule gute Väter sein können. Die Frage darf überhaupt nicht von der sexuellen Orientierung abhängen, sondern nur und nur davon, ob die Menschen, die sich um eine Adoption bemühen, geeignet für das in Frage kommende Kind wären. Selbst wenn Schwule und Lesben im Durchschnitt schlechtere Eltern wären (Konjunktiv), dürfte ihnen nicht mit Verweis auf die sexuelle Orientierung die Adoption verwehrt werden, sondern es müsste eine Prüfung unabhängig davon stattfinden. Gegen den Ausschluss bestimmter sexueller Orientierungen hilft es nicht, diese Orientierung für gleichwertig zu erklären, sondern die Abschaffung dieses Entscheidungskriteriums zu fordern. Dazu müsste man allerdings des Nachdenkens willig sein. (5) Stünde uns all das auch dann zu, wenn alle Schwulen Dragqueens oder Lederkerle wären und es muss der Prüfstein unserer Bewegung sein, ob wir auch deren Rechte noch gemeinsam fordern können, anstatt sie im Interesse der Spießerschwuchteln verschwinden zu lassen. Überhaupt (6) die Werte! Es ist völliger Bullshit, Rechte mit Verweis auf Werte einzufordern. Wir haben die vollen Rechte auch dann noch verdient, wenn wir keinen einzigen Wert der Heten teilen würden. Unsere Rechte hängen nicht daran, ob wir eine billige Kopie der Heten sind, sondern sie kommen uns schlicht qua Menschsein zu. So wie dieser Vereinsvorsitzende hingegen argumentierte, verkaufte er einen Rückfall in die homophile Politik der 1960er Jahre. Ein völliger Verlust jedes kritischen oder emanzipatorischen Potentials! Die bestehenden Verhältnisse werden ohne jede Kritik als die guten und richtigen affirmiert und die Lebensweise der Heten wird zum heiligen Vorbild gemacht. Ein abscheuliches Armutszeugnis wurde uns da verkauft und eine völlige Entsolidarisierung mit den Randgruppen in den Randgruppen.

Rosa von Praunheim brachte es 1971 gekonnter auf den Punkt:

Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden. Schwule schämen sich ihrer Veranlagung, denn man hat ihnen in jahrhundertelanger christlicher Erziehung eingeprägt, was für Säue sie sind. Deshalb flüchten sie weit weg von dieser grausamen Realität in die romantische Welt des Kitsches und der Ideale. Ihre Träume sind Illustriertenträume, Träume von einem Menschen, an dessen Seite sie aus den Widrigkeiten des Alltags entlassen werden in eine Welt, die nur aus Liebe und Romantik besteht. Nicht die Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie zu leben haben.

Während der Rede, als ich mich halblaut beklagte, drehte sich ein Typ, den ich nicht kannte, zu mir um und fragte, warum ich dieses Jahr keine Rede gehalten hätte. Meine Rede vom letzten Jahr sei doch viel besser gewesen, so inhaltlich. Ich bin mit meinem Ärger offenbar nicht allein.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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