Konzentrationsprobleme bei Frontal21

Vor etwas über zwei Monaten brachte das TV-Magazin Frontal21 einen unglaublich schlechten Beitrag zu AD(H)S und Ritalin, der den üblichen Schwachsinn interessierter Eso-Kreise besonders widerlich wiederkaute. Ich rantete einige Zeit auf Twitter herum, bis mich der Twitter-Account von Frontal21 aufforderte, doch eine E-Mail zu schreiben. Das tat ich, aber ich bekam bisher keine inhaltliche Antwort. – Ehrlich gesagt hätte mich das auch überrascht, denn schließlich lebt die Ritalin-Hysterie von Vorurteilen und Lügen, denn schließlich verkauft sich die Behauptung, die Pharmaindustrie würde Kinder fressenvergiften wollen, einfach besser als ein: „Es gibt schon ein paar Probleme, doch die Situation ist nicht sonderlich dramatisch.“ Das gilt vermutlich auch für Frontal21 und so kümmert man sich dort nicht immer um die Wahrheit, wenn sie sich nicht gut verkauft. Schade.

Gerne dokumentiere ich hier die E-Mail, die ich Frontal21 schrieb:

Subject: Krasse Fehler im AD(H)S-Beitrag
Date: Tuesday 11 June 2013, 12:28:27
From: Kai Denker <…>
To: frontal21@zdf.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe über ein Facebook-Posting Ihren letztwöchigen Beitrag zum Thema AD(H)S gefunden und daraufhin bereits letzte Woche mit Ihrem Twitter-Account diskutiert.

Ich bin ehrlich gesagt enttäuscht, da dieser Beitrag zu den schlechtesten Beiträgen zum Thema gehört, die mir seit langem untergekommen sind. Ich bin auch etwas frustriert, da ich den Eindruck habe, dass man hier zunehmend gegen Windmühlen anschreiben muss.

Ich freue mich zwar, dass Sie sich um das Wohl von Kindern sorgen und skeptisch gegenüber der Pathologisierung von abweichendem Verhalten sind, jedoch haben Sie es versäumt, die entscheidenden Fragen zu stellen. Ich habe mir daher erlaubt, im Folgenden einige Frage aufzulisten (teils mit Ideen einer möglichen Antwort oder Rechercheansätzen), von denen ich hoffe, dass sie Ihnen Anlass für eine erneute Überprüfung Ihrer Behauptungen geben:

(1) Wenn Methylphenidat chemisch ein Aufputschmittel ist, wieso kann es dann überhaupt dazu dienen, AD(H)S-Menschen augenscheinlich(!) zu beruhigen? Wie kann man diese scheinbar paradoxe Reaktion erklären? (Methylphenidat beruhigt tatsächlich AD[H]S-Menschen nicht, sondern macht auch diese wacher – aber eben wach genug, um sich konzentrieren zu können. Anschaulich könnte man sagen, dass AD[H]S-Menschen die „Energie“ fehlt, um sich konzentrieren zu können. Es ist also nicht zuviel „Energie“, die „raus muss“. Andernfalls wäre auch völlig rätselhaft, wieso Methylphenidat als Dopingmittel zur Leistungssteigerung verwendet wird und wieso Studierende es angeblich einsetzen, um ihre Lernleistungen zu verbessern. Ihre Behauptung, man würde mit dem Medikament „unbequeme Kinder ruhig stellen“ ist also grundfalsch und zeigt, dass Sie die Wirkungsweise von Methylphenidat nicht verstanden haben.)

(2) Akzeptiert man aber die Behauptung von der paradoxen Wirkung, dann stellt sich diese Frage: Wenn AD(H)S eine „erfundene Krankheit“ ist, wie kann es dann sein, dass das Medikament bei „Kranken“, also Menschen die in Wirklichkeit gar nicht an AD(H)S leiden sollen, anders wirkt, als bei „Gesunden“? Wenn es keinen wirklichen Unterschied zwischen „Kranken“ und „Gesunden“ gibt (was aus der Behauptung folgt, dass es eine „erfundene Krankheit“ ist), müsste dann das Medikament nicht bei beiden gleich wirken? Anders formuliert: Eine „paradoxe Wirkung“ kann es nur geben, wenn es wirklich einen Unterschied zwischen Kranken und Gesunden gibt – dann kann es aber keine „erfundene Krankheit“ sein.

(3) Hilft das Medikament den betroffenen Menschen? Fühlen sich die Verwender_innen damit besser? (Man kann diese Frage nicht an Einzelfällen, sondern nur mit repräsentativen Studien [Plural!] beantworten, die im Längs- und im Querschnitt betroffene Menschen untersucht.)

(4) Wenn AD(H)S für die Pharmaindustrie ein so wichtiger Markt ist, wieso versucht die Industrie dann nicht mit Scheininnovationen ihren Gewinn zu steigern? Für Methylphenidat ist der Patentschutz schon lange erloschen und es gibt sehr viele Generika. Wieso reitet die Pharmaindustrie einen toten Gaul, wenn sie in anderen Fällen mittels Scheininnovationen ihren Umsatz so stark steigern konnte? Könnte es nicht sein, dass die Pharmaindustrie gar kein so großes Interesse mehr an Methylphenidat hat? Lassen sich denn konkrete Hinweise finden, dass die Pharmaindustrie Ärzte dazu anhält, genau ihre Ausgabe von Methylphenidat zu verschreiben, während die Krankenkassen sich längst mit der Industrie auf Rabattverträge für konkrete Hersteller geeinigt hat? Wie ist dieses Bild zusammenzukriegen?

(5) Wieso sind es immer die gleichen wenigen „Experten“, die die Existenz von AD(H)S bestreiten? Könnte es nicht sein, dass diese „Experten“ eine Kampagne gegen AD(H)S fahren, um für sich selbst Aufmerksamkeit zu gewinnen, z.B. um Erziehungsratgeber, alternative (selbstentwickelte) Therapien zu verkaufen etc.? Es gibt im Gesundheitsbereich eine so große
Zahl von Quacksalbern, dass es sich doch mal lohnt, auch diesen „Experten“ genau auf die Finger zu schauen, statt sie immer nur als gefällige Stichwortgeber einzusetzen. Haben diese „Experten“ also nicht vielleicht selbst ein Interesse daran, die Existenz von AD(H)S zu bestreiten, das möglicherweise sogar in einer eigenen Gewinnerzielungsabsicht liegt und gar nicht das Wohl der Kinder im Blick hat?

(6) Lässt sich die Veränderung der Zahl der AD(H)S-Diagnosen nicht auch anders erklären? z.B. durch gestiegenes Bewusstsein für die Krankheit? Die im Beitrag genannten 20 Jahre sind ein langer Zeitraum und es handelt sich um einen komplexen Zusammenhang, der zum Anstieg führen kann.
Beispielsweise „gibt“ es AD(H)S in Deutschland für Erwachsene erst seit wenigen Jahren. Zuvor galten betroffene Menschen mit ihrem 18. Geburtstag als „geheilt“. Könnte der Anstieg nicht auch dadurch geklärt werden, dass hier nun eine differenziertere Sicht vorherrscht (und anders formuliert: erwachsene AD(H)S-Menschen nicht mehr im Stich gelassen werden)?

(7) Könnte die schlechte Qualität der AD(H)S-Diagnostik, d.h. die Über-, aber auch die Unterdiagnose, nicht am Fehlen von Fachärzten liegen? AD(H)S ist ein kompliziertes Krankheitsbild, das von Hausärzten kaum abgedeckt werden kann. Gleichzeitig haben Fachärzte in vielen Städten Wartelisten von sechs bis neun Monaten und es gibt nur wenige AD(H)S-Schwerpunkt-Praxen. Könnte es nicht sein, dass die Probleme des Gesundheitssystem, insbesondere die Teils katastrophale Unterversorgung mit Fachärzten, eine größere Rolle spielen als die „Erfindung einer Krankheit“ oder mangelnde Bereitschaft, sich mit „schwierigen Kindern“ auseinanderzusetzen?

(8) Die Aushandlungsprozesse in einer wissenschaftlichen Community sind kompliziert und entsprechend ist auch die Erstellung des DSM ein heikler, komplexer Vorgang, der auch kulturelle Unterschiede einschließt. (Z.B. könnte die aus europäischer Sicht absurde Pathologisierung von Trauerphasen mit einem anderen arbeitsrechtlichen Umfeld in den USA zu tun haben, sodass hier Trauernde über den Umweg eine Pathologisierung eine Unterstützung erhalten, die in Europa durch andere Mechanismen gewährt wird?) Dennoch lässt sich die Aufnahme einer „erfundenen Krankheit“ nur dann plausibilisieren, wenn man annimmt, dass die Mehrheit der beteiligten Wissenschaftler_innen entweder „dumm“, „bösartig“ oder „korrupt“ sind. Das ist aber an sich keine plausible
Annahme: Vermutungen, eine ganze Community sei dumm, bösartig oder unfähig, verbieten sich eigentlich von selbst, sofern nicht gezeigt werden kann, wie genau ihre Arbeitsweise es verhindert, dass sich neue Positionen durchsetzen oder dass Kritik gehört und beantwortet wird. Die Annahme, die Mehrheit der Wissenschaftler_innen sei korrupt, also von der Pharmaindustrie bezahlt, kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Sollten Sie Hinweise darauf finden, dass die Mehrheit der Wissenschaftler_innen gekauft ist, geben Sie meine E-Mail-Adresse bitte an die Pharmaindustrie weiter, damit  ich meinen Honorarcheck erhalten kann. Im Ernst: Der Wissenschaftsprozess ist auf die Außenseiter angewiesen, aber fast immer liegen die Außenseiter falsch und wir tun gut daran, deren Positionen nicht übermäßig zu beachten. Nicht jeder Außenseiter ist ein Galileo Galilei. Das ist nicht wirklich eine Frage, aber dennoch: Ich habe Sie falsch verstanden, dass Sie unterstellen wollten, die meisten Wissenschaftler_innen, die am DSM beteiligt waren, seien in irgendeiner Form korrumpiert, oder?

Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Punkte gelegentlich nicht wegwischen, sondern bedenken würden. Auch über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Mit lieben Grüßen aus Darmstadt,

Kai Denker

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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