Wie ich dann doch kein Idiot wurde (obwohl ich es mir vorgenommen hatte)

Vor einigen Tagen flog Hans-Christian Danys Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft (Hamburg: Nautilus, 2013) in meine Filterbubble und wollte gelesen werden.

Das Thema ist grundsätzlich erstmal spannend: Welche Reste der Kybernetik tummeln sich im Inneren dessen, was gemeinhin „Kontrollgesellschaft“ genannt wird? Innovativ ist das Thema aber hingegen nicht wirklich: Die Geschichte oder die Nachgeschichte der Kybernetik erlebt immer wieder kurze konjunkturelle Phasen und ihre Restspuren in in die Gegenwart reichenden Diskussionen sind bekannt und mehr oder minder gut untersucht (am deutlichsten vielleicht in der Systemtheorie, aber auch – wenngleich weniger bekannt – in der Differenzphilosophie). Neuveröffentlichungen in diesem Feld sind entsprechend oft Aufgüsse schon bekannter Zusammenhänge oder zunehmend subtile Detailuntersuchungen. Diese Unterscheiden sich von jenen in einem entscheidenden Punkt: Schaffen sie es, über die bloße Feststellung eines Zusammenhangs zur Kybernetik erstens und zweitens über die bloße Skizze der Begrenztheit der Kybernetik hinauszugehen? Danys knapp 130seitiges Büchlein schafft keins von beiden.

Sicher, er versammelt eine illustre Zahl an einschlägigen, fast ausschließlich männlichen Autoren, bleibt hier aber erschreckend konservativ. Außer einigen wenigen Referenzen an postdemokratische, religionsgeschichtliche oder literatische Diskussionszusammenhänge liest sich das Literaturverzeichnis wie die typische Zusammenstellung einer frühen Forschungsskizze: Seitens der Kybernetik treten – unvermeidbar! – Ashby, Deutsch, von Foerster, Klaus, Wiener auf, seitens der klassischen Philosophie neben Heidegger allen Ernstes Kant (Kritik der Urteilskraft) und der frühe Wittgenstein und seitens der neueren Philosophie schließlich die üblichen Verdächtigen auf: Baudrillard, Deleuze, Foucault, Haraway, Serres. Die Liste zeigt schon, dass es weniger um einen Nachweis der eigenen Stichwortgeber_innen, sondern eher um die Demonstration der eigenen Belesenheit (bösartige Deutung) oder der Serviceleistung für weitergehend interessierte Leser_innen geht (freundliche Deutung). Entsprechend erspart der eigentliche Text auch sämtliche Fußnoten, nennt nur an ganz wenigen Stellen einen konkreten Bezugspunkt in der Literatur und liefert ansonsten genau die Anspielungen, die die Kenner_in der Literaturliste natürlich sofort erkennt – eher langweilig: Management-Praktiken, Mobilmachung des Subjekts, …

Die Rekonstruktion der einzelnen Positionen im Text ist wenig innovativ und wirkt eher wie eine flüchtige Dokumentation der eigenen Lektüre-Erfahrung. Ein Beispiel: Der von mir so geliebte Deleuze tritt – wie könnte es anders sein – mit dem „Postskript über die Kontrollgesellschaften“ auf und zwar nur mit diesem. Dass Deleuze in diesem kurzen Text eine ganze Batterie von eigenen Überlegungen und Überlegungen Foucaults, der ausschließlich mit Überwachen und Strafen auftritt, in Anschlag bringt, ignoriert Dany geflissentlich und pickt sich einige einfach verständliche Wendungen heraus: In den Disziplinargesellschaften fängt man immer neu, in den Kontrollgesellschaften wird man nie fertig. Großes Kino, also ich meine die Filmvorschau. Zum Hauptfilm kommt Dany, um im Bilde zu bleiben, einfach nicht. Die gesamte Darstellung der genannten Literatur spielt sich meines Erachtens genau auf diesem Niveau ab: einige verständliche Bemerkungen werden extrahiert und anschließend in einem Text arrangiert, der jene in einen wirren Fluss von allzu gut konstruierten biographisch daher kommenden Anekdoten positioniert. Die Geschichte des Großvaters, der einem Reformgefängnis in Hamburg vorstand, passt zu gut in die Darstellung, während Episoden des Erwachens eher benommen-rauschhaft und entsprechend deplatziert wirken.

All das kommt über die bloße Diagnose eines kaum näher bestimmten Zusammenhangs nicht hinaus: Irgendwie hat die Kontrollgesellschaft etwas von der Kybernetik, aber weder genealogisch, noch systematisch wird dieser Zusammenhang irgendwie klar. Schließlich versagt der Text auch bei dem Versuch, einen Ausweg aus der Kontrollgesellschaft zu skizzieren: Der Idiot, der Privatdenker, soll es sein, der sich der Kontrolle entzieht – von Dany textlich mit einer Traumsituation garniert. Das mag an Deleuze‘ Überlegung, man müsse Vakuolen der Nicht-Kommunikation schaffen, erinnern, springt aber nicht weit genug: Der von Nietzsche inspirierte Empirist Deleuze misstraute dem, was oft einfach „Denken“ genannt wird, schließlich so sehr, dass für ihn die Lösung kaum in einem bloßen Rückzug in ein privates Delirium gelegen haben kann. Dafür sind auch die Anspielungen auf den Kampf und das Schaffen von Waffen bei ihm viel zu deutlich. Wo Dany ansonsten den Idioten als Ausweg aus der Kontrollgesellschaft hernehmen könnte, weiß ich nicht.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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