[30c3] Leben wir in einem Panopticon? Wie uns eine elegante Theorie in die Sackgasse führte

Ich habe übrigens einen Vortrag für den 30c3 eingereicht (und hoffe, dass er angenommen wird):¹

Betrachtet man die Programme unserer Kongresse und Tagungen der letzten Jahre, kommt man – wenigstens in den Slots zu Ethik, Gesellschaft und Politik – um einen Begriff nicht herum: das Panopticon. 1791 von Bentham erstmals skizziert und 1976 von Foucault zur Beschreibung moderner Gesellschaften popularisiert scheint das Panopticon das Parademodell für den Typus Überwachungsstaat abzugeben, in dem wir uns seit der immer bizarreren Durchdringung der Informationstechnik durch Geheimdienste und Sicherheitsapparate befinden. Dennoch hat das Panopticon zahlreiche Probleme, die auf unsere postmoderne Gesellschaftsordnung nicht mehr recht zu passen scheinen. Vor allem beantwortet es zwei Fragen nicht befriedigend: Wie kommt es, dass Menschen ihre eigene Unterdrückung wollen? Und was kann man dagegen tun? Kurz: Wenn wir in einem Panopticon leben, wieso ist es dann (fast) allen Menschen egal?

Kommt man mit den bisherigen Überlegungen nicht weiter, lohnt es sich oft, einen Schritt zurück zu machen und eine andere Theorie zu versuchen. Unterstellen wir doch einmal probeweise, die Menschen müssten nicht einfach nur noch weiter aufgeklärt werden. Schließlich haben alle öffentlichen Diskussionen in den letzten Jahren nie zu einem nachhaltigen Aufschrei geführt. Ist es dann nicht vielleicht so, dass wir gar nicht in einem Panopticon leben, unsere Theorie also falsch ist? Und das angenommen, wie können wir die bizarre Situation um uns herum angemessen beschreiben und vielleicht sogar den beiden genannten Fragen näher kommen?

Seitens der Philosophie, aus der das Konzept das Panopticons im späten 18. Jahrhundert hervorging, ist im laufe des 20. Jahrhunderts die Kritik an seinem Begriff immer lauter geworden und es wurden mehrere Vorschläge zu seiner Weiterentwicklung oder gar Ablösung gemacht. In meinem Vortrag werde ich erst den Begriff des Panopticons in seiner Verwendung durch Foucault rekonstruieren und Euch zeigen, wie begrenzt Foucaults Begriff eigentlich ist. Dann werde ich Euch einige alternative Entwürfe vorstellen, wobei ich mich auf den Anfang der 1990er Jahre von Gilles Deleuze – einem französischen Philosophen – vorgeschlagenen Begriff der Kontrollgesellschaft konzentrieren werde. Deleuze schafft es meiner Ansicht nach, zu erklären, wieso so viele Menschen die ständige Überwachung und Dressur nicht nur tolerieren, sondern sogar für sich wollen. Glauben wir Deleuze, dann ist unsere Situation noch schlimmer und noch verfahrener, als wir dachten. Vielleicht kommen wir aber auch der Frage näher, was wir dagegen tun können.

¹ Da das Review nicht blind ist, kann ich Euch auch genauso gut jetzt schon verraten, was ich eingereicht habe.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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2 Kommentare zu [30c3] Leben wir in einem Panopticon? Wie uns eine elegante Theorie in die Sackgasse führte

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