Ketzereien

Im Kontext der Seemann’schen Ketzerei sagte ich woanders:

Es ist sicher richtig, dass die Behauptung, Transparenz würde etwas an den Herrschaftsverhältnissen ändern (Macht ist nochmal etwas anderes), völlig naiv ist. Gleichwohl hat Seemann recht, wenn er den Finger in eine bestimmte Wunde legt: Seit den 1980ern wird die Öffentlichkeit seitens datentechnikaffiner Bürgerrechtler mit Überwachungs-, Bedrohungs-, Kontroll- und sonstwas-Szenarien bombadiert. Ununterbrochen finden Aufklärungsversuche statt: Von einem Wau Holland in den tagesthemen der 1980er bis hin zu Kryptopartys und Parteigründungen heute. Der Effekt auf den öffentlichen Diskurs ist zu vernachlässigen und wird bestenfalls in den Feuilletons größerer Zeitungen ausgetragen, ohne von hier aus einen nennenswerten Effekt zu erzeugen.

Diese Diagnose, die Seemann und Konsorten ja stellen, einfach zu negieren, indem dem durchaus „problematischen“ Post-Privacy-Diskurszusammenhang die eigenen Schwächen vordekliniert wird, entlastet aber nur scheinbar davon, die eigenen Voraussetzungen zu hinterfragen. Dass es überhaupt sinnvoll möglich ist, eine Post-Privacy-Position zu vertreten, zeigt, dass dem Privatsphären-Argument die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen ist, die dessen Vertreter_innen ihm noch immer andichten wollen. Es bekümmert mich, dass dieses Problems seitens der einschlägigen Aktivisten trotz grandiosen Engagements nicht einfach einmal reflektiert wird.

Kurz: Sicher ist Seemanns Beitrag, trotz richtiger Diagnose, nicht konstruktiv, aber das entlastet nicht seine Gegner davon, konstruktiv mit seiner Diagnose umzugehen. Mir scheint, man möchte Seemann und Konsorten nicht einmal einen kleinen Sieg gönnen und beraubt sich selbst damit des Potentials für kritische Fragen:

Wenn Privatheit so wichtig ist, wieso zur Hölle juckt die NSA dann keine Sau?

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Ketzereien

  1. V. sagt:

    Du schreibst: „Es bekümmert mich, dass dieses Problems seitens der einschlägigen Aktivisten trotz grandiosen Engagements nicht einfach einmal reflektiert wird.“
    Das Problem mit der „Privatsphäre“ wurde und wird durchaus kritisch reflektiert – und das bereits in den 80er Jahren: http://kritikresistenz.blogsport.de/2013/10/12/post-privacy-ist-sowas-von-eighties/

    Nur leider geht Seemann darauf überhaupt nicht ein, sondern bringt dann als Replik einen solchen zynischen Unsinn: „Mit den Daten von mittellosen Familien in Ost-Indien lässt sich halt kein Geld verdienen.“ Als ob mittellose Familien sich an dieser ’schönen neuen Post-Privacy-Welt‘ überhaupt beteiligen könnten. (Aber diese Frage, und die nach dem warum, stellt er ja gar nicht.)

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